Die Geschichtsstele auf dem Rudolf-Eberle-Platz gehört zu bedeutendsten Kunstwerken der Stadt in neuerer Zeit. Infolge einer großen städtebaulichen Veränderung wurde durch einen Architektur-Wettbewerb die Grundlage für die Bebauung und die Platzgestaltung geschaffen. Einen Platz in direkter Nähe zur Altstadt zu gestalten, war eine besondere Herausforderung. Mit der Idee, eine Geschichtsstele, die in verschiedenen Tafeln die Stadtgeschichte lebendig zum Ausdruck bringen sollte, und einen bedeutenden Künstler wie Klaus Ringwald aus Schonach zu beauftragen, ist dem Bürgermeister und dem Gemeinderat der ganz große Wurf gelungen. Am 7. März 1987 wurde die Stele vom Künstler Klaus Ringwald und von Bürgermeister Günther Nufer enthüllt. Auf der über fünf Meter hohen dreieckigen Stele, sind in drei Zyklen auf zwölf Tafeln die Säckinger Stadtgeschichte dargestellt. Die Tafeln, die sich nach oben hin verjüngen, sind jeweils durch einen vorstehenden fein gestalteten, gold verzierten Steg getrennt, der an der Spitze einen Knauf bildet.

Drei Tafeln zeigen Heiligen Fridolin

Den Anfang der Stadtgeschichte bilden die vier Tafeln, die das Leben, das Wirken und die Verehrung des irischen Glaubensboten Fridolin zeigen. Fridolin ist Gründer der Stadt Säckingen und daher auch der Stadtpatron. Die unterste Tafel zeigt Fridolin schlafend unter einem Baum, an dessen Ast eine Tasche mit Reliquien des heiligen Hilarius hängt. Die mächtige Baumkrone neigt sich, ein Zeichen dafür, dass Fridolin auf der Rheininsel ein Kloster gründen soll. Um die Insellage anzudeuten hat Ringwald die Tafel mit Wasserwellen eingefasst.

Bild: Karl Braun

Die Tafel darüber zeigt Fridolin auf einem Floss, der Einlass in das Haus Wachere bittet. Die schwangere Frau weist den Missionar ab, doch ihr dahinter stehender Mann hält sie zurück. Aus der Legende „Vita Sancti Fridolini“ des Mönches Balther, der die Lebensbeschreibung Fridolins im 10. Jahrhundert geschrieben hat, ist bekannt, dass diese Begebenheit eine Fortsetzung findet: die schwangere Frau gebiert eine Tochter, die dann später in das von Fridolin gegründete Kloster eintritt. Als dritte Tafel, das Gericht von Rankweil mit der wohl spektakulärsten Darstellung, die es von einem Heiligen gibt. Fridolin bringt Ursus als Zeugen vor das Gericht, um die Glaubwürdigkeit seiner Schenkung an das Kloster zu dokumentieren. Ganz rechts außen ist der Burgberg von Rankweil abgebildet und darunter ein Zitat aus dem Gottesstaat des heiligen Augustinus, der übersetzt heißt: „Ohne Gerechtigkeit sind die Regierenden eine Räuberbande“.

Das Relief zeigt die Insellage Säckingens im Rhein.
Das Relief zeigt die Insellage Säckingens im Rhein. | Bild: Karl Braun

Diese Gerichtszene ist mehrfach in der Kunst dargestellt, unter anderem über dem Triumphbogen im Fridolinsmünster von Franz Joseph Spiegler. Den Klostergründer Fridolin gebührend zu Ehren, war eine der herausragenden Aufgaben des adeligen Damenstiftes. Schon seit 1347 ist die öffentliche Prozession mit den Reliquien des Heiligen bekannt. Dass diese Tradition bis zum heutigen Tag lebendig geblieben ist, zeigt die vierte Tafel. Dabei ist der barocke Silberschrein nicht nur ein großartiges Kunstwerk, sondern eine besondere Kostbarkeit, die sich im Münster befindet.

Scheffel auf Capri

Dem Dichter Joseph Viktor von Scheffel mit seinem Werk „Der Trompeter von Säckingen“ ist der zweite Zyklus gewidmet. Er beginnt mit dem armen Poeten Scheffel, der auf der Insel Capri den „Sang vom Oberrhein“, so der Originaluntertitel des „Trompeter von Säckingen“, vollendet hat. Die Wellen des Mittelmeeres und der Rauch speiende Vesuv mit den Häuserfassaden geben den mediterranen Charakter der Insellage Capris wieder. Auf einem Haus sitzt der Kater Hiddigeigei, der in Scheffels Dichtung seinen (sinnreichen) Kommentar abgibt. Auf der nächsten Tafel erscheint der Trompeter vor dem Schloss Schönau, der seiner Geliebten ein Ständchen bläst. Aus einem kleinen Fenster der mittleren Schlossfassade hört die Verehrte den lieblichen Klängen zu. In der Szene mit den aufständischen Bauern, die mit Heugabeln und Sensen wild agieren, hat sich nicht nur der Künstler Ringwald, sondern auch einige Prominente und ihm bekannte Zeitgenossen verewigt.

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Die Darstellung erinnert in der Dichtung an einen Bauernaufstand, der sich gegen den Freiherrn im Schloss richtete. Das Happyend der Liebesgeschichte findet seinen Abschluss in Rom, angedeutet sind die Säulen der Kolonnaden von Bernini. Der Papst kommt mit ausgebreiteten Armen die Treppe hinunter, auf deren unterster Stufe das in Liebe verschlungene Paar endlich heiraten kann, nachdem der Papst den „Bürgerlichen Trompeter“ geadelt hat. Links außen steht verkürzt der Vers aus der Dichtung: „Liebe und Trompetenblasen, mög‘ es jedem so gelingen, wie dem Herrn Trompeter Werner an dem Rheine zu Säckingen“. Die auf der Stufe liegende Trompete, ist ein kleines aber wichtiges Erkennungszeichen dafür, dass nicht irgendein Liebespaar vor dem Papst kniet, sondern der Trompeter von Säckingen mit seiner Frau Margarete.

Der Trompeter, wie er vor dem Schloss Schönau seiner Geliebten ein Ständchen bläst. Aus einem kleinen Fenster der mittleren Schlossfassade hört die Verehrte zu.
Der Trompeter, wie er vor dem Schloss Schönau seiner Geliebten ein Ständchen bläst. Aus einem kleinen Fenster der mittleren Schlossfassade hört die Verehrte zu. | Bild: Karl Braun

Badeszenen sorgen für Schlagzeilen

Im Jahr 1978 hat die Stadt anlässlich der 1100-Jahrfeier das Prädikat Bad verliehen bekommen. Deshalb sind die vier Tafeln dem Badeleben und der Stadtansicht gewidmet. Das mittelalterliche Badeleben hat der Künstler überschwänglich mit viel Sinnesfreuden gestaltet. Die Heilquellen in der Stadt waren schon im Mittelalter bekannt, und daher ist es durchaus denkbar, dass die Konzilsväter des Konzils von Basel in der Zeit des 15. Jahrhunderts hier ihr Bad genommen haben. Bei der Enthüllung der Stele waren einige Personen wegen der freizügigen Badgestaltung überrascht. Im Laufe der Jahre kann das lockere mittelalterliche Badeleben nachvollzogen werden. Der von einer Schauspielerin elegant zurück gezogene Vorhang erlaubt einen Einblick in das bunte, teilweise frivole Treiben. Darstellungen die nicht überall Gefallen fanden.

Eine der Badeszenen, die Bildhauer Klaus Ringwald in der Stele verewigt hat.
Eine der Badeszenen, die Bildhauer Klaus Ringwald in der Stele verewigt hat. | Bild: Karl Braun

Von der Insel- zur Kurstadt

Die Tafel darüber zeigt die Insellage der Stadt, wie sie bis 1830 bestanden hat. Ringwald gestaltet hier Fuhrwerke, die mit Steinen beladen sind, um den rechten Rheinarm zuzuschütten. Anders als bei der Ansicht von Matthäus Merian, der naturgetreu aus der Vogelschau die Lage der Stadt abbildet, stilisiert Ringwald die Insel kompakt mit den bedeutendsten Bauwerken, im Mittelpunkt das Münster mit den barocken Türmen. Dieser Eingriff in die Natur, indem der rechte Rheinarm zugeschüttet wurde, war dem Künstler eine Gelegenheit, eindringliche Gedanken auf der rechten Seite in Schriftform zu formulieren: „Die gewaltigen Eingriffe in die Natur im letzten Jahrhundert waren schon die Anfänge der Zerstörungsgier unserer Zeit.“ Dieser Satz ist als Mahnung zu verstehen und in der Zeit des Klimawandels für den Betrachter eine nachdenkliche Botschaft. Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich das Badeleben in Säckingen wieder entwickelt, nachdem es zuvor in Schlaf gefallen war. Der große Durchbruch und letztendlich auch die Voraussetzung dafür, dass die Stadt das Prädikat „Bad“ verliehen bekam, war die Neuausrichtung als Heilbad mit den Klinikgebäuden und mit dem im Zentrum liegenden Kurmittelhaus auf der Schneckenhalde. Ein kräftig gebauter Sporttherapeut, der den Patienten im Schwimmbecken Übungen der Wassergymnastik vorführt, ist in der Tafel darüber abgebildet.

Viele versteckte Details

Den Schlusspunkt der Tafeln bildet der Rudolf-Eberle-Platz mit den umgebenden Bauten. Die Wege führen sternförmig auf den Mittelpunkt der Geschichtsstele zu. Mit den fröhlich tanzenden Menschen, die sich mit Begeisterung über das neue Kunstwerk freuen, hat sich der Künstler ein Denkmal gesetzt. Die geniale Konzeption der Stele, die vielen exzellent ausgeführten Porträts, die gelungene Umsetzung des Sprachlichen in das Bildhafte, der spannende Wechsel vom Relief zur Vollplastik und die intensive Beschäftigung mit der Stadtgeschichte, was an Details deutlich wird, sind einige Beispiele dieses großartigen Kunstwerkes.

Bild: Karl Braun

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