Die Corona-Krise traf den Liederkranz Rippolingen wie alle Gesangvereine in Deutschland. Die wöchentlichen Proben – gestrichen. Konzerte – gestrichen. Traditionelles Weihnachtstheater – gestrichen, Mitgliederversammlungen – auf Eis gelegt. Ein Verein, unabhängig von dessen Grundlage, ist ein wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Soziale Kontakte werden geknüpft, Netzwerke werden gegründet, Freundschaften geschlossen. Und nun? Seit März vergangenen Jahres: Alles auf Null gestellt.

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Rückblick auf lange Geschichte

Dabei blickt der Liederkranz auf eine fast 100-jährige Geschichte zurück. Am 25. Februar 1923 trafen sich auf Anregung des damaligen Rössle-Wirtes Arthur Ludwig sangeslustige Freunde aus Rippolingen und Harpolingen, um einen Gesangverein zu gründen. Mit dem damaligen Hauptlehrer Kuhn war schnell ein Dirigent gefunden. Der „Gesang-Verein Liederkranz“ war startklar.

Die monatliche Gebühr betrug 50 Mark. Als Zweck des Vereins war angegeben: „Die Hebung der nach dem Krieg gesunkenen Moral durch Gesang und andere Veranstaltungen.“ Dass die Sache auch den nötigen Ernst hatte, zeigte der „Bußgeldkatalog“. Als Strafen wurde beispielsweise festgesetzt: Fehlen bei einer Probe ½ Mark. Durch die Wirren des Krieges mit einer Zwangspause von sieben Jahren führten die jeweiligen Vorstände jedoch beharrlich den Verein zum Erfolg.

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1997 überwanden neun Frauen zusammen mit dem Vorsitzenden Jan van den Eijkel und dem Dirigenten Hubert Alznauer alle Hürden und riefen den Frauenchor ins Leben. Dieser wurde später zusammengelegt zu einem gemischten Chor. Für die Männer bedeutete es eine Umstellung, gemeinsam mit den Frauen zu singen. Der Zusammenschluss brachte Veränderungen mit sich. So veränderte sich auch das Liedgut.

„Der Liederkranz Rippolingen ist eine tragende Säule im kulturellen Leben des Dorfes und in Rippolingen nicht mehr wegzudenken“, würdigte der damalige Ortsvorsteher Friedrich Schupp bei einer Jahreshauptversammlung des Liederkranzes die Bedeutung des Gesangvereins. Im Jahr 2023 wird man das hundertjährige Bestehen feiern können.

Sicht des Vorsitzenden

Am 23. März 2020 war die letzte Probe. Dann kam der Lockdown. Mit allen dazugehörigen Regeln über den Umgang mit der Corona-Epidemie. Die Hygiene-Vorschriften des Singens in geschlossenen Räumen machte es nahezu unmöglich, den Gemeindesaal als Proberaum weiterhin zu nutzen.

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Und im Freien? Bei einer üblichen Zahl an anwesenden Probemitgliedern unter Berücksichtigung der Abstandsregel unter freiem Himmel bedeutet das: „das verläuft sich. Da bekommt man keinen vernünftigen Klang hin“, meint der erste Vorsitzende Manfred Wenisch.

Das notwendige Hygienekonzept bedeutete das Aus für Proben und Veranstaltungen des Liederkranzes. Und singen mit Maske? „Keine wirkliche Option“ bedauert Manfred Wenisch. Acht Monate ohne Vereinsgemeinsamkeiten sind eine lange Zeit. Sie können zu Vereinsmüdigkeit führen. Der Bezug zum Verein kann bröckeln.

Also haben sich die Vorstände zusammengesetzt und Events organisiert. Eine Kutschenausfahrt mit gemeinsamen Grillen war ein erster Ansatz. Das Youtube-Singen, initiiert vom zweiten Vorstand Jan van den Eijkel ist ein weiterer Ansatz. Es stellt aber hohe Anforderungen an die Beteiligten. Die Haupteinnahmequellen wie Konzert und Weihnachtstheater fallen zwar weg, aber „der Verein steht dennoch solide da“, bestätigt Wenisch.

Sicht des Stellvertreters

Jan van den Eijkel ist langjährig dem Liederkranz verbunden. Er hat nahezu alle wegweisenden Positionen des Vereins innegehabt. Auf seine Initiative hin, wurde 1997 der Frauenchor gegründet. Van den Eijkel ist nebenbei Webmaster der Liederkranz-Webseite.

Bei der Gründung des „Frauenchörle“ war er ebenfalls beratend dabei. Unter der Leitung von Marina Matt wurde „Cantabo“ gegründet, eine Gruppe, welche sich eher experimenteller Musik annimmt und sich als „Frauenchörle“ neben dem Liederkranz begreift. Sein Credo: „Das Unmögliche ist oft das Unversuchte“. Der Corona-Virus ist ein Schreckgespenst, meint van den Eijkel. Da solle man dagegenhalten.

Als kreativer Teil des Vereins entwickelte er den Youtube Auftritt. Technische Voraussetzungen mussten geschaffen, Noten umgeschrieben werden. Jeder „besingt“ zu Hause seine Stimme. Die Summe aller Stimmen sind als Chor in Youtube anzuhören und zu sehen. Das Motto: Getrennt singen – gemeinsam bei Youtube auftreten. „Ich glaube, wenn sich die Situation entspannt oder wir besser damit umzugehen lernen, dass die Vereinsaktivitäten wieder aufleben können. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt“, resümiert van den Eijkel.

Sicht des Chorleiters

Hubert Alznauer in seiner Eigenschaft als Chorleiter des Liederkranz Rippolingen sieht es gelassen. „Ich mache mir Gedanken, welche Lieder ich jetzt wieder arrangiere“ sagt er. Da gäbe es genug zu tun. „Und: ich habe das fertige Programm schon da“, sagt Alznauer. Er schwingt seit 1980 den Taktstock. „Jetzt müssen nur noch die äußeren Umstände mitmachen“, und präzisiert damit „wenn wieder Proben stattfinden“.

Er geht nicht davon aus, dass in der ersten Hälfte dieses Jahres noch irgendwelche Vereinsaktivitäten möglich sind. Er sagt: „Der Saal bleibt geschlossen“. Die Hoffnung aber besteht, dass das Konzert „Kaleidoskop der Gefühle“ im laufenden Jahr durchgeführt werden kann.