Von den geschichtlich bedeutenden Häusern um das Fridolinsmünster fällt das im Stil des Rokoko mit Mansarddach erhaltene Gebäude kaum auf, da es etwas versetzt östlich des Pfarrhauses steht. Das heute als Pfarrheim genutzte Haus gehörte zu den Stiftsgebäuden und wurde als Kaplanei oder Kastenamt bezeichnet. Die kleine Buntsandsteintafel mit dem Wappen der Fürstäbtissin Agatha Hegenzer von Wasserstelz im Giebel zum Pfarrhaus ist ein sichtbarer Hinweis auf die baufreudige Tätigkeit der Fürstäbtissin, die auch den Staffelgiebelbau als zweite Residenz errichten ließ. Über das heutige Pfarrheim ist wenig bekannt, da in den dürftigen Geschichtsquellen lediglich eine eventuelle Zusammenfassung mehrerer Gebäude erwähnt wird.

Über dem Portal sieht man eine kunstvolle Relieftafel mit einer Mariendarstellung. Über dem Haupt Mariens hat der Künstler die Taube eingefügt, sinnbildhaftes Zeichen als vom Heiligen Geist erfüllt.
Über dem Portal sieht man eine kunstvolle Relieftafel mit einer Mariendarstellung. Über dem Haupt Mariens hat der Künstler die Taube eingefügt, sinnbildhaftes Zeichen als vom Heiligen Geist erfüllt. | Bild: Karl Braun

Das Bauwerk wird in die Zeit des 18. Jahrhunderts datiert. Die leicht abgesetzten Fenstereinrahmungen mit den dezenten Rocaille-Kartuschen (im Rokoko gängige Verzierung in Muschelform), der rötlichen Farbgebung im Portal und an der Bossen-Seite, verleihen dem Bau einen stilvollen Rokoko-Charakter. Über dem Portal und der darüber liegenden Fensterbrüstung ist eine kunstvolle Relieftafel mit einer Mariendarstellung, die als Immaculata (Unbefleckte) bezeichnet wird, zu sehen.

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Als apokalyptische Frau mit dem Kranz von zwölf Sternen, unter ihren Füßen die Mondsichel, die der Schlange auf der Weltkugel den Kopf zertritt, hat sie ihren Ursprung in den Visionen des heiligen Johannes. Bei dem Bildtypus, der sich in der Kunstgeschichte entwickelt hat, ist eine Darstellung in Vollstatur üblich, wie die in unmittelbarer Nähe stehende in Sandstein gefertigte Madonna von Michael Speer.

Die kleine Buntsandsteintafel zeigt das Wappen der Fürstäbtissin Agatha Hegenzer von Wasserstelzen, der Erbauerin des Gebäudes.
Die kleine Buntsandsteintafel zeigt das Wappen der Fürstäbtissin Agatha Hegenzer von Wasserstelzen, der Erbauerin des Gebäudes. | Bild: Karl Braun

Aufgrund des geringen Abstands zwischen Portal und Fensterrahmung war hier jedoch nur eine kleinteilige Lösung möglich. Dem Künstler ist es dennoch genial gelungen, Maria als eher seltene Halbfigur in der Mondsichel, eingerahmt von Blumenzierat und der sich um die Weltkugel windenden Schlange, auszuführen. Nicht zu dieser Symbolik gehörend, hat der Künstler über dem Haupt Mariens die Taube eingefügt, sinnbildhaftes Zeichen als vom Heiligen Geist erfüllt. Die Krone unterhalb der Weltkugel mit dem von Rokokodekor umschlossenen Stern ist ein weiterer Hinweis auf die Fürstäbtissin Agatha Hegenzer von Wasserstelz, der Erbauerin des Gebäudes, obwohl der kleine Wappenstein bereits im Giebel vorhanden ist. Die fein gearbeitete Relieftafel wird mit der Rokokomalerei aufgewertet und ist damit eine formschöne Bekrönung des Portals.

Botschaft des Schriftzuges bleibt rätselhaft, vielleicht in Hinweis auf Vers 38 des Propheten Jesaja.
Botschaft des Schriftzuges bleibt rätselhaft, vielleicht in Hinweis auf Vers 38 des Propheten Jesaja. | Bild: Karl Braun

Aus der Zeit des 16. Jahrhundert könnte auch der in Großbuchstaben erhaltene Schriftzug auf der Vorderseite des Gebäudes sein, der bewusst nicht übertüncht wurde. Welche wichtige Botschaft dieser Schriftzug vermitteln soll, ist nicht leicht zu klären. Der Hinweis eines Theologen scheint bei der Spurensuche am sinnvollsten, dass es sich um den Vers 38 des Propheten Jesaja handeln könnte, mit der Textstelle: „Der Herr hat mir geholfen, darum wollen wir singen und spielen, solange wir leben, im Hause des Herrn.“ Die Bedeutung des Schriftfragments wird wohl nicht vollständig geklärt werden können, das Zitat aus dem Vers 38 wäre vielleicht eine inspirierende Anregung.