Was bedeutet eigentlich Barrierefreiheit und warum ist dieses Thema für alle Menschen wichtig? Darüber aufzuklären, haben sich die zuständigen Stellen in Bad Säckingen, der Behindertenbeirat, der Sozialverband VdK und das Demografie-Strategische Forum (DSF) zur Aufgabe gemacht. Wo ihrer Ansicht nach die Knackpunkte liegen und warum es Barrierefreiheit eigentlich gar nicht gibt, erklären die Vorsitzenden.

Das sagt der Behindertenbeirat

„Wir haben nach wie vor das Problem, dass viele Leute bei Barrierefreiheit sofort an Gehbehinderte denken, maximal werden noch Blinde berücksichtigt“, erzählt Morena Eckert, Vorsitzende des Behindertenbeirats. „Viele Behinderungen sind nicht offensichtlich, deshalb werden sie oft vergessen“, mutmaßt sie über die Gründe.

Dabei bedeute Barrierefreiheit nichts anderes, als dass jeder Mensch Informationen, Freizeitangebote, Gebäude oder das Internet ohne fremde Hilfe nutzen kann. All das zu bedenken, gerade in städtebaulichen Projekten, ist sehr komplex.

Absolute Barrierefreiheit gibt es deshalb laut Morena Eckert gar nicht. Dennoch glaubt sie, könnten viele infrastrukturelle Hürden in Bad Säckingen abgebaut werden, wenn der Behindertenbeirat mehr in die Planungen des Stadtbauamts einbezogen würde.

Ein Beispiel sei die Behindertentoilette in Harpolingen: Dort wurde laut Morena Eckert beim Farbkonzept nicht an die Sehbehinderten gedacht, die auf starke Kontraste angewiesen sind. „Der Wandhalter hat dieselbe Farbe wie die Wand. Das ist selbst für mich schwer zu erkennen“, beschreibt sie.

 

Morena Eckert gibt Tipps für mehr Barrierefreiheit im Alltag:

 

Video: Viktoria Nitzsche

 

Die Handtuchhalter seien auf Stehhöhe angebracht – für Rollstuhlfahrer unerreichbar. Ein anderes großes Thema sei die Verlegung von Rillenplatten beispielsweise an Fußgängerampeln. Die Rillen weisen blinden Menschen die Gehrichtung an. „Am Brennet-Areal oder vor den Beck-Arkaden beispielsweise wurden sie falsch verlegt, was sehr gefährlich werden kann“, so Eckert.

Trotzdem sei die Entwicklung der Stadt in den vergangenen Jahren positiv. „Die Stadtverwaltung ist auf jeden Fall offener geworden“, sagt sie. Der Vorschlag des Beirats, Behindertenparkplätze mit zusätzlichen Schildern auszuweisen, sei seitens der Stadt sofort angenommen und umgesetzt worden. Auch auf einer der Buslinien der SBG in den Hotzenwald würden nun an den Wochenenden fast durchgängig Niederflurbusse eingesetzt. „Vorher konnte man als Gehbehinderter an Sonntagen nicht selbstständig nach Bad Säckingen fahren“, so Eckert.

Das sagt das Demografie-Strategische Forum

Das Bewusstsein der Stadt für die Thematik ist in den vergangenen Jahren gewachsen, ist sich auch DSF-Vorsitzender Hartmut Fricke sicher. Er ist selbst Mitglied im Gemeinderat. Für ihn liegt das Problem in der Wahrnehmung der Allgemeinheit: „Barrierefreiheit wird oft als Luxusproblem gesehen“, sagt er. Immer wieder komme es vor, dass Leute ihn fragen, ob die Stadt denn keine anderen Sorgen habe.

„Sie vergessen, dass das Problem mangelnder Barrierefreiheit jeden treffen kann“, hält Fricke dagegen. Als Leiter der Altenheime St. Marienhaus und St. Franziskus hat er täglich mit pflegebedürftigen Menschen zu tun, die ebenso wie Menschen mit angeborener Behinderung auf Barrierefreiheit angewiesen sind. „Es reicht oft schon, wenn die Leute wackelig auf den Beinen sind“, sagt er. Der Ansatz des DSF zur Verbesserung der Situation sei deshalb die Prävention.

„Wir möchten nicht nur im öffentlichen Raum mehr Barrierefreiheit erreichen, auch im Privaten sollte vorgesorgt werden“, erzählt er. Junge Familien, die ein Haus bauen, sollten seiner Ansicht nach bei der Planung auf Barrierefreiheit achten, denn die Statistik zeige, dass die allermeisten Senioren auch im hohen Alter noch in den eigenen vier Wänden leben.

Nichtsdestotrotz müsse vor allem im öffentlichen Raum in Zukunft noch einiges passieren, sagt Fricke: „Dass der Aufzug im Rathaus, dem wichtigesten öffentlichen Gebäude der Stadt, nicht gebaut wird, ist meines Erachtens skandalös.“

Er werde „das Dauerbrenner-Thema“ deshalb weiter im Gemeinderat anbringen. Die wichtigsten Projekte, die es in naher Zukunft in Bad Säckingen zu realisieren gilt, sind seiner Ansicht nach die schrittweise Umrüstung der Ampelanlagen sowie Bordsteinabsenkungen.

Das sagt der VdK

Auch Winfried Riegelsberger, Vorsitzender des Ortsvereins des Sozialverbands VdK, sieht die größten Baustellen im Straßen- und Mobilitätsbereich. Seinem Verein gehören rund 320 Mitglieder an. Der VdK hilft ihnen in rechtlichen Angelegenheiten bei den Ämtern. Die meisten sind gehbehindert und zwischen 60 und 70 Jahren alt.

„Barrierefreiheit bedeutet für mich, dass die Menschen die Möglichkeit haben, gesellschaftlich überall mitmachen zu können“, sagt Riegelsberger. Vor allem im öffentlichen Nahverkehr sieht er deshalb den größten Handlungsbedarf. Es müsse mehr Niederflurbusse geben, Durchsagen für Blinde und Anzeigen für Gehörlose.

„Meine Anregung wäre es auch, die Preise für den Citybus auf einen Euro zu senken“, sagt er. Für viele besonders ältere Leute mit kleinen Renten seien die aktuellen 2,20 Euro pro Einzelfahrt zu teuer. Die Folge: Viele bleiben zu Hause. Auch der Rufbus, der seit kurzem sogar drei zusätzliche Fahrten vom Kurgebiet in die Stadt anbietet, sollte nach Auffassung von Riegelsberger bekannter werden.

Dennoch stellt auch er der Stadt ein gutes Zeugnis aus: „Die Stadt ist sehr engagiert. Wir sind dankbar für die tolle Zusammenarbeit mit dem Stadtbauamt.“

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Datum:14.05.2018
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