Ein Flugzeug und ein Herz am blauen Himmel: Unübersehbar ist das imposante Riesenplakat an der Fassade des Bad Säckinger Gloria-Theaters. Der auffällige Werbeträger für das neue hausgemachte Musical "Happy Landing", der an der viel befahrenen Durchgangsstraße die Blicke auf sich zieht, lädt zu einem musikalischen Direktflug in die 60er Jahre ein.

"Willkommen an Bord!" singt die Crew der Pan-Am-Maschine. Auch das Publikum ist startbereit. Kaum ist die erste Durchsage erfolgt, donnert ein Jet dröhnend über die Köpfe der Zuhörer hinweg – die Projektion und Tontechnik machen es möglich. Das weckt schon mal ein hautnahes Gefühl von Flughafen.

Annie, eine junge Stewardess, fliegt um die Welt und wird von einem Multimillionär zu einem romantischen Date eingeladen. Doch da kommt ihre Liebe zum Kofferträger Tom ins Spiel. Geld oder Liebe? Am besten beides! In dieser musikalischen Liebesromanze geht es um die ganz große Liebe, um Liebeskummer und um den amerikanischen Traum vom Erfolg. Das Happy End erinnert gar an Kinofilme wie "Schlaflos in Seattle". Die Handlung des inzwischen fünften Musicals von Jochen Frank Schmidt spielt am New Yorker John F. Kennedy International Airport, führt ins Jahr 1965 zurück und lässt in originalgetreuen Kostümen den Zeitgeist der verrückten Sixties aufleben.

Nach dem Großerfolg von Schmidts Musical "Bikini Skandal" und der Inszenierung von Elton Johns "Aida", die mit 42 Vorstellungen eine Super-Publikumsquote hatte, ist "Happy Landing" gut gestartet, geht insgesamt rekordverdächtige 44 Mal über die Bühne des ehemaligen Kinotheaters und entwickelt sich zum Überflieger. Mit garantierter Landung im siebten Himmel!

Das 1959 eröffnete "Gloria"-Filmtheater hat einen gewissen Retro-Look, aber der passt perfekt, weil Musicalmacher Schmidt ein Faible für die Sixties hat. "Die 60er Jahre", sagt der Komponist, "das war einfach die schönste Zeit". Wenn er eine Zeitmaschine hätte, würde er sich am liebsten in das Jahr 1965 beamen, dorthin, wo er jetzt mit "Happy Landing" gelandet ist. Sein Musical ist eine Zeitreise in diese Ära, wo die Männer Hüte und die Frauen toupierte Frisuren getragen haben, die Strumpfhose erfunden wurde, im Fernsehen große Shows liefen und der Petticoat langsam von der Bildfläche verschwand. Auch musikalisch war das eine coole Zeit, das macht sich in seiner Musik bemerkbar. Jochen Frank Schmidt liebt den Stil der 60er Jahre, den alten Sound, die Big Band-Nummern.

Das vom Waldshuter Bandleader und Saxophonisten Frank Pohl geleitete "Pan Am-Orchester", wie die achtköpfige Band heißt, die teilweise auf der drehbaren Bühne sichtbar wird, hat den Brass-Sound gut drauf. Die Akteure auf der Bühne sind zum ersten Mal hundertprozentige Profis, was die Produktionskosten, aber auch das Niveau in die Höhe treibt. Die hübschen jungen Stewardessen in adretten blauen Uniformen, verkörpert von Tiziana Turano als brünette Annie, Miriam Distelkamp als rothaarige Powerfrau Ashley und Katharina Merk als blonde Femme fatale Lynn, sind die Hauptfiguren der Flughafen-Story. Da es eine Liebesromanze ist, spielt auch der Kofferträger Tom (Fabian Klatt), der eigentlich keiner ist, sondern der Sohn vom großen Boss, eine wichtige Rolle. Mit dabei auch der Kofferboy (Lukas Baßler), der mit Koffer-Girls tanzt, durch die erste Parkettreihe schlendert und witzelt: "Seien Sie froh, dass Sie nicht Air Berlin gebucht haben, das Musical würde heute sonst nicht loslegen."

Choreografin Vanessa Vario, Ehefrau von Schmidt und ausgebildete Tänzerin, war selber mal Stewardess, kennt das Flughafen-Milieu und kreierte die flotten Tanzszenen. Publikumsliebling ist der kleine Charlie, Sohn der alleinerziehenden Annie, eine herzige Kinderrolle, die dreifach besetzt ist. Die jungen Darsteller sind über alle Maßen begabt. Sie haben es drauf, mit dem Publikum zu arbeiten und wissen, wann die Lacher kommen, wie sie Mimik und Körpersprache einsetzen müssen und wie man sich auf der Bühne zu verhalten hat. Der Professionellste von ihnen ist Wenzel Lepschy (11) aus Lauchringen, der auch bei der CD-Aufnahme des Musicals mitwirkte. Bei Wenzel sitzt jeder Augenaufschlag. Etwas jünger ist Ben Baumgartner (9) aus Albbruck, der Charlie Nr.2, mit dem liebenswerten, knuffigen Gesicht. Sogar erst acht Jahre jung ist Adrian Herzog aus Rheinfelden. Die Kinderstars kommen beim Schlussapplaus stets als Letzte raus. Man könnte den Lautstärkemesser ansetzen: Bei den Charlies klatscht das Publikum immer am lautesten! Für das Lied des kleinen vaterlosen Jungen hat Schmidt übrigens eine alte Melodie aus seiner Jugendband "Omikron", in der auch sein Kompagnon Dieterle mitspielte, verwendet und einen neuen Text dazu geschrieben.

Schmidt und Dieterle haben sich am Klettgau-Gymnasium in Tiengen kennengelernt. Dort hatte Schmidts allererstes Musical "Lust am Leben", mit dem er mit 19 Jahren als jüngster Musicalkomponist Deutschlands debütierte, Premiere. In den darauffolgenden Jahren sorgte er mit den eigenen Musicals "Herzklopfen", "Lichterloh" und "Bikini Skandal" für Furore. Jochen Frank Schmidt, Komponist, Texter, Regisseur und Intendant in Personalunion, und Produzent Alexander Dieterle sind ein eingespieltes Team. Bei den Vorstellungen sieht man sie im schicken Smoking mit Fliege und meist im Doppelpack.

Dem erfolgreichen Musical-Tandem machte der Schweizer Kultkabarettist Emil Steinberger, der schon oft im Gloria aufgetreten ist, das schönste Kompliment: Die beiden seien so professionell, dass sie auch ein Musicaltheater am Broadway leiten könnten. Doch das tun sie zum Glück hiesiger Musicalfans nicht, sondern bleiben am Hochrhein, in der Trompeterstadt, an der Friedrichstraße, in dem Lichtspielhaus mit dem nostalgischen 50er-Jahre-Charme.

Weitere Aufführungen

Das Musical „Happy Landing“ wird bis 22. April verlängert, es gibt zahlreiche Zusatztermine. Gespielt wird auch weiterhin in Erstbesetzung. Die nächsten Vorstellungen sind am 13./14. sowie 27./28. Januar, 10./11. und 24./25. Februar. Ticket-Hotline: 07761/64 90. Informationen zum Musical gibt es auch im Internet (www.gloria-theater.de). Die im Gloria-Theaterstudio aufgenommene CD mit Songs aus dem Musical kostet 15 Euro. Bei den Samstag-Aufführungen kann auch ein Musical-Dinner gebucht werden.

Große Kultur in einem kleinen Haus

  • Das Gloria-Theater: Ein Musical-Haus in der Provinz, besser gesagt: in der Region, das sich behaupten kann gegen große Konkurrenz wie das Musical Theater Basel oder die Musicalmetropole Stuttgart: Das klingt selbst wie eine Märchenstory für die Bühne. Kultur auf der grünen Wiese, das wissen die Musicalmacher Jochen Frank Schmidt und Alexander Dieterle, ist immer wieder ein harter Kampf. Vor zehn Jahren haben die beiden mutigen Jungunternehmer das Gloria-Theater übernommen, das eine wechselhafte Geschichte hinter sich hat.
  • Die Geschichte: Ende der 1950er Jahre kommunalpolitisch noch ein heiß umstrittener Bau, wurde es später zum Kleinod und ist heute ein Publikumsmagnet. Zuschauerraum und Balkon fassen knapp 700 Besucher. Konzipiert als kleiner Filmpalast mit ansteigender Bestuhlung und erstem Rang (Balkon) hat der Kinopalast einen Orchestergraben, was man zwischen Freiburg und Konstanz kaum noch findet. Im Treppenaufgang hängen historische Fotos aus der Zeit und Autogrammkarten von den Rattles, Rex Gildo, Gitte, Caterina Valente und Vico Torriani, der 1959 die Eröffnungsfeier des Filmtheaters moderiert hat: also ein Haus mit Geschichte und 50er Jahre-Flair.
  • Das Programm: Noch immer laufen in dem ehemaligen Kinopalast aktuelle Filme wie gerade "Fack ju Göhte 3": Mittwoch ist Kinotag. In der nunmehr zweiten Spielzeit führen die Betreiber die etablierte langjährige Aboreihe mit Oper, Operette, Ballett und Theater in Eigenregie weiter. Kabarettisten, Comedians, A-Cappella-Vokalgruppen und Cover-Bands aus dem Pop-Rock-Bereich geben sich die Klinke in die Hand. Das besondere Markenzeichen aber sind die Eigenproduktionen wie "Happy Landing", mit denen sich das Gloria zu einem über die regionalen Grenzen hinaus bekannten Musical-Tempel gemausert hat. (js)