Mit einer spitzen Klinge fährt Gabriel Hieke unter die Borke des Baumes. Vorsichtig stemmt der Stadtförster ein Stück der Rinde heraus. Harziger Duft steigt auf in die Nase. Das, was sich seinem Auge offenbart, ist so klein wie ein Reiskorn, sorgt bei Hieke aber für große Beunruhigung: Es sind zehn winzige Larven, die direkt unter der Rinde schmale Gänge in das Holz fressen. Die Brut eines Schädlings, des Borkenkäfers. Vermutlich des Buchdruckers. "Wirklich sagen kann ich das erst, wenn die Larven eine leicht bräunliche Farbe annehmen", sagt Hieke. Eines aber weiß er sicher: Die Lage im Bad Säckinger Stadtwald ist angespannt.

Optimale Brutbedingungen

Der Buchdrucker, ein Rindenbrüter, wird in diesem Jahr zunehmend zum Problem für die Wälder, genauer: für die Fichtenbestände. Denn die Bedingungen waren in diesem Jahr auch in Bad Säckingen für den Schädling nahezu paradiesisch: ein stürmisches Frühjahr mit viel Windwurf und Bruchholz, das dem gefräßigen Käfer als ideale Kinderstube dient; Hitzewellen und Trockenperioden, die den natürlichen Schutzmechanismus der Fichten einschränken. Die Folge: Der Buchdrucker schwärmt aus, bohrt einen Gang direkt unter die Rinde des Baumes und legt dort die Eier ab. Die Larven fressen sich satt, nehmen Puppengestalt an, schlüpfen und fliegen schließlich als Jungkäfer aus. Ein Kreislauf der Massenvermehrung kommt in Gang. Und mit ihm der Kampf vieler Förster gegen den Käfer.

Das Fraßbild des Buchdruckers zeigt, wie hungrig die jungen Larven sich durch die Fichtenrinde fressen – und so den Baum schädigen.
Das Fraßbild des Buchdruckers zeigt, wie hungrig die jungen Larven sich durch die Fichtenrinde fressen – und so den Baum schädigen. | Bild: Reinhold John

Gabriel Hieke ist deshalb seit Wochen in Alarmbereitschaft. Der Buchdrucker kappt den Saftstrom des Baumes, der über die Rinde stattfindet – und unterbindet so den Nährstofffluss. Die Bäume sterben ab. Rund 800 Hektar Stadtwald bewirtschaftet Hieke mit seinen Kollegen. Der gefährdete Fichtenbestand macht etwa 20 Prozent dieser Fläche aus. "Wir kontrollieren den gesamten Wald auf Buchdrucker-Befall hin", sagt Hieke. Auf Wurfholz und Holzpoltern hinterlässt der kleine Käfer Spuren, winzige Bohrmehlhäufchen. Bei stehenden, gesunden Bäumen, die der Schädling erst unter besonders hohem Populationsdruck befällt, ist die Suche mühsamer. "Wir sind täglich unterwegs und versuchen so, alle zwei bis drei Wochen die gesamten Fichtenbestände abzulaufen", sagt Hieke und fügt hinzu: "Bisher haben wir in kleinen Flächen Stehendbefall entdeckt." Ein Zeichen für eine hohe Käferpopulation. Und bleibt es so trocken und heiß wie von Meteorologen angekündigt, könnte schon bald die nächste Buchdruckergeneration ausschwärmen. "Das kann die Lage innerhalb kürzester Zeit verschärfen", sagt Hieke.

Bild: Lukas Reinhardt

Probleme in Privatwäldern bei Wehr

Auch Förster Werner Gebhard, der Wälder von Wehr bis hoch nach Rickenbach betreut, ist beunruhigt. "Wir haben in den niederen Lagen ebenfalls den ersten Stehendbefall festgestellt", sagt er, während er bereits gefällte Fichten inspiziert. Entsprechend dringend sei es, nun zu reagieren. Doch in den Privatwäldern rund um Wehr, die den Großteil seines 2500-Hektar-Reviers umfassen, gestaltet sich das mitunter schwierig: Die oftmals schlecht erschlossenen und ebenso schlecht zugänglichen Waldgrundstücke sind meist in kleine Parzellen unterteilt. "Wenn wir einen Befall feststellen, der sich dann über mehrere dieser Grundstücke verteilt, müssen wir alle Besitzer ausfindig machen und über weitere Maßnahmen informieren", so Gebhard. Und die leben teilweise nicht etwa in Deutschland, sondern auch in Kanada oder in den USA. Das raube Zeit. "Nun aber gilt es, die befallenen Bäume so schnell wie möglich zu schlagen und aus dem Wald zu schaffen", sagt Gebhard.

Rasante Vermehrung in diesem Jahr

Nicht nur für die Waldbesitzer und Förster in der Region um Bad Säckingen wird der Buchdrucker in diesem Jahr zum Problem. Das sagt Reinhold John, Biologe an der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) in Freiburg: "Besonders schlimm trifft es derzeit Fichtenwälder in Oberschwaben und in der Bodenseeregion." Dabei war diese Entwicklung zumindest in Teilen absehbar. "Wir erkennen seit 2015 einen Aufwärtstrend in der Käferpopulation. Der begann damals mit Orkantief Niklas und setzte sich in diesem Jahr mit Frederike und Burglinde fort", sagt John.

"Angesichts der rasanten Vermehrung könnte in diesem Jahr eine dritte Generation ausschwärmen. Das gibt es nicht oft." Reinhold John, Biologe
"Angesichts der rasanten Vermehrung könnte in diesem Jahr eine dritte Generation ausschwärmen. Das gibt es nicht oft." Reinhold John, Biologe | Bild: Katharina John

Die Folge: In den kommenden Tagen erwartet der Biologe bereits den Auslfug der zweiten Käfergeneration. "Damit sind wir Stand heute zwei bis drei Wochen schneller im Entwicklungszyklus als noch 2017." Angesichts der rasanten Vermehrung könne in diesem Jahr gar eine dritte Generation ausschwärmen, vermutet der John: "Das gibt es nicht oft."

Buchdrucker ist nicht nur Schädling

Als reinen Schädling möchte John den Borkenkäfer dennoch nicht bezeichnen. "Der Buchdrucker gehört zur natürlichen Dynamik des Waldes", so der Biologe. "Aus ökologischer Sicht ist er ein Strukturförderer. Er schafft Totholz und damit neuen Lebensraum für andere Tiere wie Vögel und Insekten." Aus ökonomischer Warte betrachtet, sehe die Sache anderes aus: "Bei Massenvermehrung vernichtet er natürlich Werte für all jene, die mit ihren Wäldern wirtschaften wollen", sagt Reinhold John. So gebe es auf Käferholz einen Preisabschlag – und damit einen Umsatzverlust für Waldbesitzer.

"Je nachdem, wie viel Käferholz letztendlich anfällt, sind hier Einbußen von bis zu 30 Prozent möglich." Gabriel Hieke, Leiter Forstbetrieb Bad Säckingen
"Je nachdem, wie viel Käferholz letztendlich anfällt, sind hier Einbußen von bis zu 30 Prozent möglich." Gabriel Hieke, Leiter Forstbetrieb Bad Säckingen | Bild: Reinhardt, Lukas

Finanzielle Einbußen erwartet deshalb auch Gabriel Hieke in diesem Jahr: Rund 400 000 Euro erzielen die städtischen Forstbetriebe jährlich aus dem gesamten Holzverkauf. "Je nachdem, wie viel Käferholz letztendlich anfällt, sind hier Einbußen von bis zu 30 Prozent möglich", sagt Hieke. Die Schuld an etwaigen Einbußen trägt aber nicht nur der Buchdrucker. Denn durch die zahlreichen Winterstürme im Januar mit dem vielen Fallholz, das vor allem lokal vermarktet wurde, seien die Kapazitäten der Sägewerke ausgelastet. "Das Holz läuft dadurch sehr schlecht ab", sagt Hieke. Das drücke den Preis zusätzlich. Helfen kann Hieke und seinen Försterkollegen derzeit nur eines: "Wenn es jetzt zwei, drei Wochen lang regnet. Dann sieht die Welt möglicherweise ganz anders aus", sagt Hieke.