Einen langen Schauspielabend haben theaterbegeisterte Schüler den zahlreichen Gästen am Freitag im Lichthof des Scheffel-Gymnasiums beschert. Dessen Theater-AG verzeichnet nämlich einen so starken Zulauf, dass gleich zwei Werke zu aktuellen Themen aufgeführt werden konnten.

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Zum ersten Mal waren die Siebtklässler nicht in die Theater-AG der älteren Schüler integriert, sondern führten ein eigenes Werk auf. Unter der Regie der Lehrerin Jana Junker hatten sie die „Short Cuts“ von Dagny Reichert einstudiert. Das Stück ist eine Aneinanderreihung kurzer, prägnanter Szenen, die manchen Schülern (leider) aus eigener Erfahrung bekannt sein dürften: Meistens geht es darum, wie eine Gruppe einen Neuen oder Außenseiter ausgrenzt und ihn mehr oder weniger subtilen Schikanen unterzieht.

Die Siebtklässler führten das Werk „Short Cuts“ auf.
Die Siebtklässler führten das Werk „Short Cuts“ auf. | Bild: Michael Gottstein

Unterbrochen werden die Szenen von einer Moderatorin, die erklärende Hinweise (“Der Betroffene weiß oft selbst nicht, warum er gemobbt wird“) und Ratschläge gibt: „Man muss mit Selbstbewusstsein auftreten.“ Die Schüler spielten nicht nur glaubhaft und engagiert, sondern hatten auch eine zusätzliche Szene geschrieben, in der sie zeigten, wie Verleumdung und üble Nachrede im Netz potenziert werden – und sie zeigten, dass man sich wehren kann.

Die Theater-AG führte das Stück „Die Welle“ nach einer wahren Begebenheit auf.
Die Theater-AG führte das Stück „Die Welle“ nach einer wahren Begebenheit auf. | Bild: Michael Gottstein

Die Zuschauer zum Nachdenken bringen wollten auch die Acht- bis Zwölftklässler der Theater-AG, die unter Regie der Lehrerin Christina Berger Reinhold Tritts Theaterstück „Die Welle“ einstudiert hatten. Das Werk beruht auf dem Experiment eines amerikanischen Lehrers, der den Schülern begreiflich machen wollte, wie die Nationalsozialisten die Menschen für sich gewinnen konnten. In der Mitte des Lichthofs war ein Klassenzimmer nachgestellt, das mit kreuz und quer herumstehenden Stühlen einen ebenso unordentlichen Eindruck machte wie die herumlungernden Schüler.

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Als der Lehrer (gespielt von Jakob Stolze) Disziplinarmaßnahmen einführte und eine Gemeinschaft namens „Die Welle“ gründete, bemerkte er überrascht, dass die Schüler begeistert mitmachten – auch, als er immer mehr Elemente totalitärer Bewegungen einführte wie Entindividualisierung und rückhaltlose Identifikation mit der Gruppe. Selbst ein abgewandelter Hitler-Gruß und aggressive Ausgrenzungen kritischer Stimmen wie die der Schülerzeitungsredakteurin (Hannah Stolze) brachten die Schüler nicht zum Nachdenken.

Die Theater-AG führte das Stück „Die Welle“ nach einer wahren Begebenheit auf.
Die Theater-AG führte das Stück „Die Welle“ nach einer wahren Begebenheit auf. | Bild: Michael Gottstein

Vor allem der ehemalige Außenseiter Robert (Nils Pfahl) wurde zum begeisterten Mitglied einer gleichgeschalteten Gemeinschaft, in der er „zum ersten Mal einen Sinn“ fand, den ihm die individualisierte Konsumgesellschaft nicht geboten hatte. Die Schüler zeigten, wie sie sich von gelangweilten Jugendlichen in quasimilitärisch gedrillte Bewegungsmitglieder verwandelten und ihre zuerst nölige Sprache einem zackigen Kommandoton wich.

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Offen blieb, ob der Lehrer die kritische Distanz zu seinem Projekt verlor und selbst der Faszination einer totalitären Bewegung erlag. Auf Druck der Schulleitung beendete er das Experiment, indem er den Mitgliedern der „Welle“ durch einen drastischen Vergleich zeigte, wie sehr sie unbewusst die Verhaltensmuster der Nazi übernommen hatten: „Ihr wärt gute Nazis geworden“, meinte er am Ende des Theaterstücks, das zum Nachdenken und kritischer Selbstreflexion einlud.