Herr Gimadeev, wie sind Sie auf die Idee gekommen, den „Trompeter von Säckingen“ ins Russische zu übersetzen?

Ich bin Altphilologe. Mit etwa zwölf oder 13 Jahren wurde ich verführt, diesen Beruf zu wählen, als ich fesselnde Artikel des russisch-deutsch-polnischen Gelehrten Tadeusz Zielinski las. Einer der ersten Artikel der Sammlung „Aus dem Leben der Ideen“ heißt „Heidelberg“. Eine der besonders poetischen Stellen ist Scheffel als Dichter Heidelbergs und des Studententums gewidmet. Dort ist auch das Werner-Lied „Alt-Heidelberg, du feine“ angeführt. Vor Gorbatschows Perestroika waren unsere Antiquariate reich an ausländischen Büchern, und es war für mich nicht schwer, den „Trompeter“ zu kaufen. Man muss hinzufügen: über Scheffel ist in russischer Sprache nichts geschrieben und selbst in den größten Bibliotheken sind seine Werke nicht zu finden. Aber die Gebildeten lasen Scheffel gern und in den Antiquariaten, auch zu sowjetischer Zeit, war er nicht rar. In den ersten Universitätsjahren übersetzte ich einige Dutzend Verse zur Probe, und nach und nach wurde die Übersetzung des „Trompeters“ zu meiner Lieblingsbeschäftigung in der Freizeit.

Die Titelseite der russischen Übersetzung des „Trompeter von Säckingen“.
Die Titelseite der russischen Übersetzung des „Trompeter von Säckingen“. | Bild: privat

Mit Scheffels Sprache haben deutsche Leser viel Mühe. Welche Schwierigkeiten bereitet sie dem Übersetzer?

Als Altphilologe, der jeden Text wie einen altsprachlichen Text betrachtet, sah ich in Scheffels Sprache nichts, was das Verständnis erschwerte. Scheffel brachte mich oft dazu, von der sprachlichen Form des Originals abzusehen und nach rein bedeutungsmäßigen Entsprechungen zu suchen, wie das beim Übersetzen aus alten Sprachen geschieht. Mir schien, daß die Sprache Scheffels stark vom Lateinischen beeinflusst war, das er liebte und gern benutzte.

Wann haben Sie persönlich die erste Bekanntschaft mit der deutschen Sprache gemacht?

Mein Vater stammte aus einer reichen nichtadligen Familie tatarischer Grundbesitzer im Ufa-Gouvernement. Vor der Ära der Kollektivwirtschaft bestand die Bevölkerung dort aus Russen, Tataren und Deutschen. Dementsprechend war die Spitze der bäuerlichen Gesellschaft dreisprachig, und mein Vater beherrschte Deutsch von Kindheit an – und auf eine ziemlich lustige Weise. Entsprechend der Herkunft sprachen die Kolonisten im 20. Jahrhundert die Dialekte des 18. Jahrhunderts. Nur der Herr Pastor sprach Hochdeutsch – und nur, wenn er in der Kirche die Predigt las.

Sie wohnen und arbeiten in St. Petersburg. Spürt man dort noch heute eine deutsche Tradition?

Vor dem schicksalhaften Jahr 1914 und vor unserer blutigen Katastrophe von 1917 war St. Petersburg nicht bloß ein Ort, an dem Deutsche lebten, es war ein Ort, an dem das russisch-deutsche Miteinander historische Bedeutung erlangte, sowohl kulturell als auch alltäglich. Diese Symbiose trug nicht die Früchte, die sie hätte tragen können. Ihre Existenz wurde von den mächtigen Kräften, die zum Zusammenbruch der traditionellen Kultur sowohl in Russland als auch in Deutschland führten, gern geleugnet. Die deutsche Tradition in St. Petersburg wird heute durch einige Hundert Enthusiasten halbdeutscher Herkunft gestützt, die selbst schwach in deutschen und russischen Traditionen verwurzelt sind. Ihre Bemühungen sind daher unauffällig. Die deutsche Kulturtradition wird in St. Petersburg und Russland erst dann wiederbelebt werden, wenn auch die russische Kulturtradition wiederbelebt wird.