Immer weniger Menschen möchten Teil der zwei großen Volkskirchen sein. Deutschlandweit verloren evangelische und katholische Gemeinden im vergangenen Jahr 386 000 Mitglieder. Ein Trend, der nach und nach auch den Südwesten Deutschland erreicht. Der SÜDKURIER hat deshalb mit den Leitern der christlichen Kirchengemeinden in Bad Säckingen gesprochen:

  • Katholische Kirchengemeinde Bad Säckingen-Murg
Dekan Peter Berg, Leiter der katholischen Seelsorgeeinheit Bad-Säckingen-Murg.
Dekan Peter Berg, Leiter der katholischen Kirchengemeinde Bad-Säckingen-Murg. | Bild: Reinhardt, Lukas

Geht es nach Peter Berg, dem Leiter der katholischen Kirchengemeinde Bad Säckingen-Murg, ist der Bedeutungswandel der christlichen Kirche bereits im vollen Gange. "Das Bild der Kirche hat sich schon lange verändert. Für einige ist sie heute so etwas wie ein Verein: Man tritt ein für die Hochzeit oder die Taufe, man tritt wieder aus", sagt Berg. Andere Mitglieder wiederum bilden eine Art Kerngemeinde und stünden bewusster zum christlichen Glauben. "Aber die Gemeinden werden in Zukunft kleiner", da ist sich Berg sicher.

"Bei jungen Menschen fehlt die Bindung an die Kirche"

Auch ihn sorgt die Zahl der Kirchenaustritte: 11 191 Mitglieder umfasste die katholische Seelsorgeeinheit Ende 2017 – 282 weniger als noch Ende 2015. Diskussionen, wie sie um die Kommunion für gemischtkonfessionelle, katholisch-evangelische Ehepartner entstand, stünden dabei unnötigerweise im Weg, sagt Berg: "Ich persönlich weise bei der Kommunion in meiner Kirche und in meinen Gottesdiensten niemanden zurück." Doch sein Hoffnungsschimmer ist und bleibt Papst Franziskus. "Es gibt viele, die sagen: So wie er die Kirche leitet und den Glauben lebt, gefällt mir das." Das gelte besonders für jungen Menschen, die man nun erreichen müsse. "Die Jugend von heute ist nicht ungläubig", sagt Berg. "Es fehlt schlicht die Bindung an die Kirche."

"Weltbilder ändern sich und damit auch der Kontext, vor dem die Bibel zu betrachten ist"

Einen Ansatz hierfür hat Berg bereits im Kopf: "Wir müssen uns mit unseren Kernbotschaften in den politischen Meinungsprozess einbringen", sagt Berg. "Wir müssen zeigen, dass wir für entrechtete Menschen und für die Menschenrechte stehen. Eigene Weltanschauung und Moralvorstellung vertreten, das aber stets vor dem heutigen Weltbild", so lautet Bergs Botschaft. "Die Bibel hat natürlich Priorität, aber Weltbilder ändern sich und damit auch der Kontext, vor dem die Bibel zu betrachten ist."

  • Evangelische Kirchengemeinde Bad Säckingen
Winfried Oelschlegel, Leiter der evangelischen Kirchengemeinde Bad Säckingen. Bild: Lukas Reinhardt
Winfried Oelschlegel, Leiter der evangelischen Kirchengemeinde Bad Säckingen. | Bild: Reinhardt, Lukas

Winfried Oelschlegel, Leiter der evangelischen Kirchengemeinde Bad Säckingen, ist sich sicher: Im Süden Deutschlands sind die Menschen traditionsbewusster und deshalb näher dran an der Kirche. "Wir sind in einer guten Situation, denn verglichen mit dem Nordosten des Landes halten hier viele am christlichen Glauben fest", sagt Oelschlegel. Doch dem 64-jährigen Pastor ist bewusst: Die evangelische Volkskirche bleibt auf lange Sicht auch hier von einem existenziellen Bedeutungswandel nicht verschont. "Die Folge wird sein, dass wir uns auf das Konzentrieren, was für die christliche Glaubenslehre wichtig ist – und das kann man durchaus auch positiv sehen."

Der Pastor beschreibt damit eine Tendenz, die sich zumindest in Teilen aus den vorliegenden Zahlen ablesen lässt. So schrumpfte seine Kirchengemeinde in Bad Säckingen in den vergangenen fünf Jahren um 5,23 Prozent – von 3631 im Jahr 2013 auf derzeit 3441 Mitglieder. Ein Problem umfasst dabei den demographischen Wandel: Es sterben jedes Jahr deutlich mehr Mitglieder als neue eintreten. Zudem verließen 2017 wieder mehr Gläubige aktiv die Kirchengemeinde als in den Jahren zuvor.

"Für junge Leute spielen finanzielle Gründe eine Rolle"

Oelschlegel hat dafür mehrere Erklärung. Eine davon sei die Positionierung zur gleichgeschlechtliche Ehe. "Die evangelische Kirche hat im vergangenen Jahr beschlossen, auch homosexuelle Paare zu trauen", sagt der Pfarrer. Das sei bei besonders gläubigen Mitgliedern ein Anlass zum Austritt gewesen. Und auch den Einsatz der evangelischen Kirche für Geflüchtete haben nicht alle gut gefunden. Die Hauptgruppe jener aber, die der Kirche den Rücken kehren, sei die der 18 bis 30-Jährigen. "Für die spielen erfahrungsgemäß finanzielle Gründe eine Rolle."

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Ohne finanzielle Mittel keine kirchlichen Sozialeinrichtungen

Angesichts der Austritte fordert Oelschlegel eine Auseinandersetzung mit grundlegenden gesellschaftlichen Fragen: "Die Menschen sollten überlegen, ob sie keine christliche Kultur mehr haben wollen, keine kirchlichen Feiertage und auch keine kirchlichen Sozialeinrichtungen, die besonders vom ehrenamtlichen Engagement getragen werden." Das, so ergänzt er, wäre die Konsequenz, sollte diese Entwicklung anhalten.

  • Alt-Katholische Gemeinde Hochrhein-Wiesental
Kirchenvorstand Anton Wehrstein und Pfarrer Armin Strenzl (rechts) bei der Gemeindeversammlung der Pfarrgemeinde der Alt-Katholiken vom Hochrhein-Wiesental.
Pfarrer Armin Strenzl, Oberhaupt der Alt-Katholiken Hochrhein-Wiesental. | Bild: Gerd Leutenecker

Armin Strenzl, leitender Pfarrer der Alt-Katholiken Hochrhein-Wiesenthal, ist in einer komfortableren Situation. Er freut sich, dass die Mitgliederzahlen seiner Gemeinde seit Jahren ein konstantes Niveau halten. "Die Rückmeldungen zeigen, dass unsere Gemeindemitglieder vor allem das Kleine und Familiäre schätzen", sagt Strenzl.

"Wer bei uns in der letzten Reihe sitzt, ist immer noch mittendrin"

Und tatsächlich: Mit derzeit 230 Gemeindemitgliedern steht Strenzl einer durchaus überschaubare Zahl an Gläubigen vor. Für den Pfarrer ein Vorteil. "Man lernt sich besser und intensiver kennen", sagt er. Auch die Gottesdienste verdeutlichen das. "Wer bei uns in der letzten Reihe sitzt, ist immer noch mittendrin."

Menschen Raum für Spiritualität bieten

Dass der Bedeutungawandel der Kirchen trotzdem auch ihn betrifft, weiß Strenzel. Die Ursache dafür sieht er in der zunehmenden Mündigkeit der Bürger, die heute aus einem Fundus an Weltanschauungen die für sie passende aussuchen. Aktionismus ist seiner Meinung nach aber dennoch nicht angebracht: "Ich bin kein Freund von unreflektierter Anpassung", sagt Strenzel. "Wir müssen die Dinge anbieten, die wir gut können. Und das ist: Menschen, die auf der Suche nach Transzendenz sind, einen Raum für ihre Spiritualität bieten." Das gilt besonders für die junge Generation.