Das Southside-Festival im Kreis Tuttlingen ist am Wochenende nass und mit einer Schlammschlacht vor der Bühne gestartet. Das weckt Erinnerungen an ein anderes, legendäres Open-Air-Musikfestival: „Woodstock“. Im August 1969 fand es statt, auch bei schlechtem Wetter und katastrophalen Zuständen. Wie es damals ausgesehen hat auf den Weidefeldern eines Milchbauern in White Lake im US-Bundesstaat New York, wer da alles aufgetreten ist, und wie die Zuschauer in einem Zeltlager biwakierten – das verraten berühmte Fotos von damals, die der Kunstverein Hochrhein im Städtischen Kunsthaus Villa Berberich derzeit zeigt.

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Kuratiert hat die Fotoschau Reinhard Schultz, ein Galerist, Ausstellungsmacher und Fotospezialist, der die Agentur Bilderwelt in Berlin hatte und sich die Fotos von Agenturen wie Getty und aus öffentlichen Sammlungen besorgte. Fotos, die um die Welt gingen: Momentaufnahmen von den Konzerten, den Bands, Stars wie Jimi Hendrix, Janis Joplin und Santana, aber auch dokumentarische Bilder von Zuschauermassen, den Verkehrsstaus um das Festivalgelände und der Abreise. Sie imaginieren den Mythos „Woodstock“ als friedliches Fest von 400 000 Besuchern. Bis heute verkörpert Woodstock das „andere“ Amerika in den 60er Jahren, als sich die USA im Vietnamkrieg befanden und politische Morde an John F. Kennedy und Martin Luther King die Welt schockierten.

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Die Bilder suggerieren Aufbruch, Freiheit und friedlichen Protest. Die Künstlerfotos der Legenden Hendrix und Joplin wirken heute noch anziehend und vielsagend, wie auch die Aufnahme von Joe Cocker oder Grace Slick, Leadsängerin von Jefferson Airplane. Vier Tage lief das Festival mit 32 Bands und Solokünstlern aus Folk, Rock, Blues und Country. Hendrix war der Top Act am letzten Tag. Gerade von ihm gibt es viele gute, aus der Nähe fotografierte Porträts. Angesichts dieser Fotos kann man sich fragen: Wo sind heute Musiker mit einem solchen Charisma?

Kurator Reinhard Schultz mit einem Foto von Hippies auf einem Bus.
Kurator Reinhard Schultz mit einem Foto von Hippies auf einem Bus. | Bild: Jürgen Scharf

Funktioniert hat das Festival auch ohne Internet und soziale Medien, allein durch Mund-zu-Mund-Propaganda, sagt Schultz als Kenner der amerikanischen Musikszene. Die Aufnahmen zeigen aber auch, was blieb, als sich die Massen wieder in ihre großen Studebaker-Schlitten setzten und abfuhren: gigantische Mengen von Müll. Heute ist das „Woodstock“-Gelände mit Museen touristisch erschlossen. Interessant sind aber auch die Anti-Kriegs-Fotos. Che Guevara war auf Plakaten immer dabei. Die Fotos der Antikriegsbewegung thematisieren die gesellschaftlichen Konflikte bis zu den Hell‘s Angels, die als Aufsicht angeheuert wurden.

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Bei der Vernissage ging Schultz auf die Kommerzialisierung ein, die mit Woodstock einherging, zeigte Fotos vom riesigen „Woodstock“-Festival, das es in Polen noch immer gibt – auch mit einem Schlammloch zum Austoben –, was bei uns in Deutschland kaum bekannt ist. Der Vorsitzende des Kunstvereins Hochrhein, Frank van Veen, stellte die Frage in den Raum, ob eine Ausstellung und ein Konzert zu „Woodstock“ reine Nostalgie seien, nach dem Motto, dass früher alles besser war. Er verwies auf Parallelen zur politischen Situation damals, zum Vietnamkrieg und der Rockmusik, die diese politische Protesthaltung aufgenommen habe.

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