Dass Affären mit Frauen einem Politiker ganz schön das Leben schwer machen können, wissen wir nicht erst seit der Affäre des früheren amerikanischen Präsidenten Bill Clinton mit seiner damaligen Praktikantin Monica Lewinsky. Der Unterhaltungswert derartiger Stoffe ist ungebrochen hoch.

Nichts Ende gut, alles gut: Für den Premierminister George Venables (Gerald Hacker) und Gattin Sybil (Hilde Butz) kommt es am Ende noch einmal knüppeldick. Bilder: Marion Rank
Nichts Ende gut, alles gut: Für den Premierminister George Venables (Gerald Hacker) und Gattin Sybil (Hilde Butz) kommt es am Ende noch einmal knüppeldick. | Bild: Rank, Marion

Das gilt erst recht, wenn er auf die Bühne kommt, wie bei der neuen Produktion der Festspielgemeinde Bad Säckingen "Verzeihung, Herr Premierminister". Hier versuchen gleich mehrere Frauen, dem Staatsoberhaupt buchstäblich das Genick zu brechen – mit den Waffen des vermeintlich schwächeren Geschlechts, versteht sich. Die turbulente und überaus tempogeladene Komödie, eine Farce von Edward Taylor und John Graham Premiere, inszeniert von Regisseurin Renate Kraus, feierte am Freitagabend eine umwerfende Premiere.

Streit um ein rotes Kleid: Die eine will es unbedingt zurückhaben (Sandra Lutz als Shirley Springer, re.), die andere will es gerne besitzen (Hilde Butz (li., als Sybil Venables), Gattin des Premierministers. Bild: Marion Rank
Streit um ein rotes Kleid: Die eine will es unbedingt zurückhaben (Sandra Lutz als Shirley Springer, re.), die andere will es gerne besitzen (Hilde Butz (li., als Sybil Venables), Gattin des Premierministers. | Bild: Rank, Marion

Ein Stück, das ins Schwarze trifft

Nicht nur mit der Wahl des Stückes hat die langjährige Regisseurin der Festspielgemeinde voll ins Schwarze getroffen, sondern auch mit der Besetzung des mittlerweile 29. Stückes, das aufgeführt wurde. Den Darstellern schienen die Rollen regelrecht auf den Leib geschneidert zu sein. Zudem agierten sie einfach großartig.

Seine angebliche Tochter Shirley Springer (Sandra Lutz) treibt den Premierminister George Venables (Gerald Hacker) in den kompletten Wahnsinn, lässt ihn Blut und Wasser schwitzen. Shirley will sich erst wieder anziehen, wenn der Premier verspricht, die Steuern nicht zu erhöhen. Bild: Marion Rank
Seine angebliche Tochter Shirley Springer (Sandra Lutz) treibt den Premierminister George Venables (Gerald Hacker) in den kompletten Wahnsinn, lässt ihn Blut und Wasser schwitzen. Shirley will sich erst wieder anziehen, wenn der Premier verspricht, die Steuern nicht zu erhöhen. | Bild: Rank, Marion

Allen voran gilt das für Gerald Hacker in seiner Rolle als Georges Venables, gestresster englischer Premierminister. Am Ende dankte es das begeisterte Publikum überschwänglich mit schier nicht enden wollendem Applaus.

Eigentlich sollte es ja im England, das die Festspielgemeinde da auf die Bühne zauberte, ganz moralisch zugehen, wie Regisseurin Renate Kraus dem Publikum bei ihrem Prolog darstellte. Dem Glückspiel, Alkohol, Sex, Theater und allem, was sonst noch Spaß macht, haben die Puritaner den Kampf angesagt.

Biederheit trifft auf Bigotterie

Dabei ist der Premierminister (Gerald Hacker) selbst kein Kind von Traurigkeit, auch wenn er wie ein Hündchen vor seinem Schatzkanzler Hector Cramond (Helmut Kaltenbach) kuscht, der die Vergnügungssteuern drastisch erhöhen will. Doch die beiden haben die Rechnung ohne die Frauen gemacht.

Statt allem Laster den Kampf anzusagen, zu hören, dass man seit 25 Jahren Vater ist, das haut auch den stärksten Schatzkanzler (Helmut Kaltenbach als Hector Cramond) um. Tochter Shirley (Sandra Lutz, li.) und deren Mutter und Cramonds Ex-Verhältnis Dora Springer (Evelyn Marten) kümmern sich um den Ohnmächtigen. Bild: Marion Rank
Statt allem Laster den Kampf anzusagen, zu hören, dass man seit 25 Jahren Vater ist, das haut auch den stärksten Schatzkanzler (Helmut Kaltenbach als Hector Cramond) um. Tochter Shirley (Sandra Lutz, li.) und deren Mutter und Cramonds Ex-Verhältnis Dora Springer (Evelyn Marten) kümmern sich um den Ohnmächtigen. | Bild: Rank, Marion

Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, als statt der erwarteten Journalistin ein blonder Vamp in verführerischem roten Fummel (eine hinreißende Sandra Lutz als Shirley Springer) auftaucht: Der Premier baggert, was das Zeug hält. Dabei handelt es sich um seine eigene Tochter, von deren Existenz er bis dato aber nichts wusste. Sie ist Ergebnis eines Seitensprungs mit Parteigenossin Dora Springer (Evelyn Marten).

Wer ist der Vater der schönen Shirley?

Die Vaterschaft und deren Hintergründe würde der Premier zu gern vertuschen. Vor der exzentrischen, immer leicht verpeilten Ehefrau Sybil (urkomisch dargestellt von Hilde Butz) und erst recht vor dem erzkonservativen Schatzkanzler. Doch Shirley und Mama Dora haben ihre eigenen Vorstellungen.

Shirleys rotes Kleid bringen den Premier ganz schön in Bedrängnis und das Publikum vor Lachen in Atemnot. Ein erbitterter Kampf um das Kleid mündet im Chaos, das ungeheure Tempo dessen, was sich alles auf der Bühne abspielt und die Situationskomik, lassen den Zuschauern keine Zeit zum Durchatmen, denn mittlerweile ist auch Journalistin Jane Rotherbrook (Luisa Buckmann) aufgetaucht, sorgt für noch mehr Wirbel. Doch es kommt noch schlimmer. Denn wie sich zeigt, ist der Premier gar nicht Shirleys Vater, sondern ein ganz anderer.

Die liebestolle Miss Frobisher (Anne-Kathrin Ragusa), eine wandelnde Enzioklopädie, sieht in dem Parlamentarischen Staatssekretär Rodney Campell (Detlef Bengs) Ritter Lancelot und sich selbst als dessen Geliebte Genoveva.
Die liebestolle Miss Frobisher (Anne-Kathrin Ragusa), eine wandelnde Enzioklopädie, sieht in dem Parlamentarischen Staatssekretär Rodney Campell (Detlef Bengs) Ritter Lancelot und sich selbst als dessen Geliebte Genoveva. | Bild: Rank, Marion

Doch schon lässt sein knochentrockener Privatsekretär Rodney Campell (Detlef Bengs) die nächste Bombe platzen. Nach dem ganzen Schlamassel ist die wandelnde Enzyklopädie Miss Frobisher (Anne-Kathrin Ragusa) wahrscheinlich die einzige, die im Privatsekretär unverwandt den edlen Ritter Lancelot sieht.

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Die Personen und Ihre Darsteller

Premierminister George Venables (Gerald Hacker), Parlamentarischer Privatsekretär Rodney Campell (Detlef Bengs), Schatzkanzler Hector Cramond (Helmut Kaltenbach), Sekretärin des Schatzkanzlers Miss Frobisher (Anne-Kathrin Ragusa), Sybil Venables, Ehefrau des Premiers (Hilde Butz), Ex-Freundin des Premiers Dora Springer (Evelyn Marten), Tochter von Dora Shirley Springer (Sandra Lutz), Journalistin Jane Rotherbrook (Luisa Buckmann). Renate Kraus (Regie und Bühnenbild), Heike Bengs (Sektbar Organisation), Günter Kraus und Peter Heinemann (Technik), Monika Kruse (Souffleuse), Ruth Nowack (Maske), Detlef Bengs (Plakat, Programm, Internet), Roberto Pugliatti (Fotos).

Marion Rank