Immer wieder werden in der jüngsten Zeit Schildkröten am Rheinufer beobachtet. Viele Passanten fragen sich, ob die Tiere womöglich ausgesetzt wurden, weil man sie vorschnell angeschafft hat und dann ihrer überdrüssig wurde. Emil Kohlbrenner, Gründer des Taxiunternehmen Kohlbrenner und häufig an der Kleingartensiedlung am Zoll anzutreffen, beobachtet seit etwa vier Wochen eine Schildkröte stets am selben Platz beim Sonnenbaden. Häufig wird sie auch mit einem Erpel gesichtet, mit dem sie offenbar Freundschaft geschlossen hat.

Die nicht einheimischen amerikanischen Schmuckschildkröten teilen sich die wenigen Sonnenplätze am Ufer des Hochrheins oft mit den Enten.
Die nicht einheimischen amerikanischen Schmuckschildkröten teilen sich die wenigen Sonnenplätze am Ufer des Hochrheins oft mit den Enten. | Bild: Katharina Reeb

Auch auf Höhe der Kläranlage seien zwei Schildkröten anzutreffen, die dort bereits überwintert hätten, berichtet Kohlbrenner weiter. Mit dieser Beobachtung ist er nicht allein, auch andere Bürger berichteten schon, dass sie dort oft Schildkröten gesehen hätten. Entsteht hier eine neue Population?

Heimische Schildkröten sind praktisch ausgerottet

Biologe Mathias Küster von der biologischen Station Hotzenwald erklärt auf Anfrage unserer Zeitung, dass die einheimische Wasserschildkröte (europäische Sumpfschildkröte) in unserer Gegend praktisch ausgerottet ist, auch durch die Abholzung der Auwälder. Im nördlichen Rheingebiet werde versucht, sie wieder anzusiedeln. Die Schildkröten, die gesichtet werden, seien aber oftmals Neozoen, so der Biologe. Neozoen sind Eindringlinge, also Arten, die hier nicht vorkommen.

Aussetzung als wahrscheinlicher Hintergrund

Also sind die Schildkröten ausgesetzt worden? Küster bestätigt das, meist geschehe das in der Tat durch Aussetzung. Eigentlich sei das am Rheinufer gesichtete Exemplar der Rotwangen-Schmuckschildkröte, eine Unterart der amerikanischen Schmuckschildkröte, im Osten Tennessees/Mississippi Valley beheimatet, so Küster. Diese Neozoen würden in der Größe einer Streichholzschachtel gekauft und wenn sie zum Beispiel zu groß für das Terrarium werden, werde die Wasserschildkröte häufig ausgesetzt.

Mittlerweile besteht ein Importverbot

In den 70er Jahren sei die Rotwangen-Schmuckschildkröte in jeder Zoohandlung zu kaufen gewesen und entsprechend oft ausgesetzt worden. Mittlerweile bestehe ein Importverbot für diese Unterart. Dennoch könne man sie hier weiterzüchten, berichtet Küster. Heute sehe man besonders in den Teichen der Parkanlagen von Städten wesentlich öfter Schmuckschildkröten als einheimische, so Küster.

Dieses schöne Bild am Rhein bei Hohentengen machte unser Leserreporter.
Dieses schöne Bild am Rhein bei Hohentengen machte unser Leserreporter. | Bild: Wilfried Meier

Keine Hinweise auf übermäßige Population

Offenbar sind die Schildkröten am Bad Säckinger Rheinufer die ersten ihrer Art, die hier auftauchen. Denn weder Ralf Däubler, der Umweltbeauftragte Bad Säckingens, noch Manfred Geretzky vom Amt für Umweltschutz in Waldshut haben bisher Erkenntnisse, dass die amerikanische Schmuckschildkröte hier vermehrt auftrete und die Population überhandnehme.

Probleme könnte es im Elsass geben

Auch Küster meint, dass ihm am Hochrhein bisher keine solchen Probleme bekannt seien. Problematisch könnte das Richtung Petite Camargue in den Auenwäldern des Rheins im südlichen Elsass werden. Würde dort versucht, die einheimische Schildkröte wieder anzusiedeln, könnte die amerikanische Schmuckschildkröte sie verdrängen, befürchtet Küster. Die Neozoen seien zwar kälteempfindlicher und die Brut würde dementsprechend meistens nicht schlüpfen, aber sie seien auch größer und würden die wenigen Sonnenplätze am Rheinufer beanspruchen.

 

Leserreporter Clemens Strüber schickte uns dieses Video einer Schildkröte im Rhein bei Kadelburg:

 

Video: Clemens Strüber