Textile Fasern umgeben uns im Alltag nicht nur in Form von Bekleidung: Sie stecken außerdem im Faden des Teebeutels beim Frühstück, in der Schnur um die Salami beim Abendbrot, sie stecken in Keilriemen und Schläuchen unserer Autos, sie retten Leben in der Medizin (Stents aus Textil, zeitgesteuertes, selbstauflösendes Nahtmaterial für Operationen). Ein Produkt mit Zukunft also. Alles muss gefertigt werden, dafür braucht es Maschinen und Menschen, die diese bedienen können. Trotzdem beklagt die Textilindustrie einen eklatanten Mangel an Auszubildenden.

Mit einer Initiative der Forschungsindustrie, initiiert vom Verband Südwest-Textil in Kooperation mit verschiedenen Universitäten und Hochschulen, darunter in Reutlingen und Balingen, mit dem größten Textilforschungszentrum in Europa, die Deutschen Institute für Textil- und Faserforschung (DITF) in Denkendorf, der ITV Denkendorf Produktservice GmbH (ITVP) und dem Wirtschaftsministerium soll nun gegengesteuert werden. Ziel: Die Leistungsfähigkeit der Baden-Württembergischen Textilindustrie nach außen zu vermarkten, auch international. Auch die Gatex in Bad Säckingen, Aus- und Weiterbildungszentrum der baden-württembergischen Textil- und Bekleidungsindustrie, dritte Säule in der dualen Ausbildung des Fachkräftenachwuchses der Textilbranche, klagt über zu wenig Auszubildende in der Textilbranche.

„Es wird ein falscher Eindruck vermittelt“, sagt Christian Gutmann, kaufmännischer Leiter der Gatex. „Textil bedeutet nicht nur Klamotten. Die Bekleidungsindustrie ist mehr oder weniger aus Deutschland verschwunden.“ Die besonderen Eigenschaften des textilen Fadens, wie Dehnbarkeit und Flexibilität, haben Automobilindustrie, Bau, Energie, Medizin und Luftfahrt schon längst erkannt: Textilfasern können gewebt, gewirkt, gesponnen und gestrickt werden. "Die breit gefächerte, fundierte Ausbildung bei der Gatex bildet die Grundlage für all diese Anwendungen“, erklärt Gutmann.

Die Auszubildenden lernen auf einer Fläche von 8000 Quadratmetern, an 55 Anlagen und Maschinen, die gesamte textile Prozesskette (Spinnerei, Weberei, Zwirnerei, Veredelungslabor, Technisches Labor) kennen. „Deutschlandweit sind wir die Einzigen, die das anbieten können“, erklärt Gutmann. Eine Ausbildung in der Textilbranche biete Möglichkeiten, schnell aufzusteigen als Meister oder Techniker. Und doch suchten Unternehmen wie die GST in Murg händeringend Ingenieure, so Gutmann. Derzeit würden in Deutschland 350 Textilingenieure ausgebildet, aber 700 benötigt.

Pro Jahr hat die Gatex rund 40 Auszubildende, „das sind zu wenige, auch für die Ausbildungsbetriebe“, sagt Gutmann, „wir müssen heute um die Auszubildenden kämpfen.“ 60 Prozent der Auszubildenden sind Hauptschüler, 30 Prozent Real- oder Werkrealschüler, einige haben Abitur oder Fachhochschulreife, sie kommen aus dem Raum Karlsruhe bis zum Bodensee. Ausbildungsleiter Matthias Rentschler und Christian Gutmann sehen den Grund für den Mangel an AUszubildenden so: „Der Fehler der letzten Jahre in der Textilindustrie war, das zu wenig positive Seiten nach außen getragen wurden, keine Zukunft in der Branche gesehen wird." Der Anteil an weiblichen Auszubildenden sei eher gering mit rund 20 Prozent, dies sollte nach Gutmanns Ansicht gesteigert werden.

Trotz Mechanisierung gebe es auch heute immer noch Vorgänge, die von Hand durchgeführt werden müssen, etwa einen gerissenen Faden wieder zu verknoten. Diese Feinarbeiten kommen den motorischen Fähigkeiten von Frauen entgegen, erklärt Gutmann. Die Ansprüche an Quantität und Qualität der Auszubildenden steigen. „Die Anforderungen an die Industrie 4.0 werden sich weiter fortentwickeln, die Komplexität der Maschinen und Arbeitsgänge ist für ungelernte Mitarbeiter nicht mehr zu managen“, weiß Gutmann. Doch rund 70 bis 80 Prozent der Mitarbeiter in Betrieben seien ungelernte Arbeiter ohne textile Ausbildung, weil ausgebildete Kräfte fehlen.

Die Gatex in Bad Säckingen

  • Das Aus- und Weiterbildungszentrum der baden-württembergischen Textil- und Bekleidungsindustrie, wurde 1978 gegründet und bildet die dritte Säule in der dualen Ausbildung, neben Unternehmen und Berufsschulen. Die Gatex bietet eine umfassende berufsbegleitende Ausbildung für Auszubildende mit einer vollständigen Lehrwerkstatt, Lehrinhalte der Berufsschule werden durch theoretischen Unterricht ergänzt und vertieft.
  • Die Anlagen: Die Gatex deckt die gesamte Bandbreite der textilen Prozesskette mit Spinnerei, Weberei und Textilveredlung (Technikum und Labor) ab, dazu stehen den Auszubildenden insgesamt 55 Anlagen und Maschinen, mit einem Gesamtwert von rund 4,2 Millionen Euro, zur Verfügung.
  • Die erlernbaren Berufe: Maschinen- und Anlagenführer (zweijährige Ausbildung), Produktionsmechaniker Textil (drei Jahre), Produktveredeler Textil (drei Jahre), Textillaborant (dreieinhalb Jahre). Für ungelernte Mitarbeiter im Alter zwischen 40 und 50 Jahren, die bereits mehrere Jahre in der Textilindustrie arbeiten, gibt es sogenannte Wegebaukurse, die in verkürzter Ausbildung eine Qualifizierung ermöglichen. Sie können sich zum Maschinen- und Anlagenführer ausbilden lassen.