In den 60er Jahren gibt es noch keine 40-Stunden-Woche, kein Handy und an Urlaub auf den Malediven denkt man nicht einmal im Traum. Gegenüber den 50er Jahren geht es den Menschen wesentlich besser. Die heute 84-jährige Elfriede Butz erinnert sich, wie sie in den 60er Jahren die Mitarbeit im Malergeschäft des Ehemanns Werner, Kindererziehung, Haushalt und Garten bewältigt hat. Sie erzählt, worin sich das damalige Familienleben vom heutigen unterscheidet.

Elfriede Butz steht in der heutigen Schützenstraße, im Hintergrund fällt der Blick auf das Kaufhaus Woolworth, dort wo einst der "Schützen" stand.
Elfriede Butz steht in der heutigen Schützenstraße, im Hintergrund fällt der Blick auf das Kaufhaus Woolworth, dort wo einst der "Schützen" stand. | Bild: Hans-Walter Mark

Obwohl es seit Anfang der 60er Jahre die Antibabypille gibt, hat eine Familie meist drei und mehr Kinder. Vereinzelt gibt es Hausgeburten, meistens kommt das Neugeborene in der Entbindungsstation im Säckingen Krankenhaus zur Welt. In der Krankenhauskapelle findet danach die Taufe statt. Manchmal nehmen auch die Paten daran teil. Nach der Geburt wird die Mutter in der katholischen Kirche vom Pfarrer ausgesegnet, das heißt ihr wird bescheinigt, dass sie wieder „rein“ ist. „Was an einer Geburt unrein sein soll, kann ich bis heute nicht verstehen", gibt Butz zu dieser symbolischen Handlung zu bedenken.

Alles fürs Baby

Glücklich kann sich schätzen, wer im Besitz einer Waschmaschine ist, denn Mullwindeln fallen täglich zahlreich an. Pampers und damit Plastik kennt man zu dieser Zeit kaum. Als Beigabe zum Stillen des Babys oder zur Schoppenflasche stehen der jungen Mutter schon Gläschen mit Gemüse oder Mus zur Verfügung. Die Frauen sind überzeugt, dass diese Gläschen eine gesunde Babynahrung enthalten. Ein gut sortiertes Lebensmittelgeschäft, auch schon mit Dosen im Angebot, ist Müller & Degler.

Spielen auf der Straße

Ab drei Jahren können in Säckingen die Kleinen ganztags den Kindergarten besuchen. Das Spielzeug ist meistens aus Holz oder, wie der beliebte Kreisel, aus Blech. Es gibt auch schon elektrische Eisenbahnen. Spiele auf Konsole oder iPad: Fehlanzeige. Die Kinder spielen oder streiten auf der Straße und die meisten Eltern sind der Meinung, Kinder hätten ihre Probleme selbst zu lösen und mischen sich meist nicht ein.

Die Lederhose als beliebte Kleidung

Die Kinder verbringen mit einfachen Materialien wie Pfeil und Bogen, Fang- und Suchspielen mit Gleichaltrigen ihre Zeit – vorwiegend an der frischen Luft. Die Kinder haben Fantasie. Im Sommer tragen sie die kurze und im Winter die lange Lederhose mit langen Kniestrümpfen – diese kann Schmutz vertragen: Je speckiger die robuste Hose aussieht, desto schöner; danach wird eine Lederhose beurteilt. Es bestehen in den 60er Jahren auch schon Spielplätze wie der auf dem Auplatz. Im Zuge der Entstehung des Rheinkraftwerks eröffnet am 8. Juni 1963 das Waldbad seine Pforten und tritt an die Stelle des Rheinbads sowie des Bads am Bergsee.

Entwicklungen im Schulwesen

Mit sieben Jahren findet die Einschulung in die Hindenburgschule (heute Anton-Leo-Schule) statt. Die damalige Volksschule ist der Ort für die Klassen eins bis acht. 1964 beschließen die Bundesländer, den Beginn des Schuljahres von Ostern auf den 1. August zu verlegen, was mittels zweier Kurzschuljahre geschieht. Mitte der 60er Jahre wird das dreigliedrige Schulwesen durch den Bau der Hans-Thoma-Hauptschule und der Realschule differenzierter. Samstag ist damals ein normaler Schultag. Auf dem Stundenplan stehen heute nicht mehr Fächer wie Schönschreiben. Einen großen Stellenwert nahm in der Schule das Auswendiglernen ein. Handarbeit und Kochen war ausschließlich den Mädchen vorbehalten, die Jungen nahmen am Werkunterricht teil. Disziplin steht an ersten Stelle.

Der berufliche Werdegang

Klar zugeordnet ist der Schulabschluss zur Berufslaufbahn. Der Hauptschüler ergreift meist einen Handwerksberuf, der Schüler mit Realschulabschluss schlägt eine Laufbahn im mittleren Dienst, beispielsweise bei Post, Bahn oder in einem technischen Bereich ein. Der Abiturient nimmt ein Studium auf und der Schulabgänger mit Fachhochschulreife bewirbt sich um eine Stelle im gehobenen Dienst einer Behörde oder studiert an einer Fachhochschule.

Vertrauen auf den Schutzengel

Was die Sicherheit der Kinder anbetrifft, so macht sich damals keiner Gedanken. Sie sitzen ohne Kindersitz in Autos, in denen es weder Sicherheitsgurte noch Airbags gibt. Zwar fahren die Autos noch nicht so schnell und sind auch nicht so zahlreich. Trotzdem ist die Verletzungsgefahr bei einem Unfall groß. Es gibt keinen Kinderschutz in Steckdosen, Putzmittel mit Kindersicherung oder Medikamente mit geschütztem Drehverschluss. Und wer trägt schon einen Fahrradhelm? Seifenkisten werden gebaut, oft ohne Bremse. Selbst die Motorradfahrer tragen Anfang der 60er Jahre noch keinen Helm. Der Glaube an den Schutzengel ist groß.

Lernen durch Erfahrung

Gerade bei gefährlichen Stoffen wie Laugen oder Putzmittel wissen die Kinder, was den Erwachsenen gehört. "Falls nicht, müssen sie mit Konsequenzen rechnen, die auch wehtun können", charakterisiert Elfriede Butz die damalige Erziehungsmethode. Kein Thema ist die gesundheitliche Gefährdung der Kinder durch das Rauchen. Ob zu Hause, bei der Arbeit, in Gaststätten – das Rauchen, insbesondere der Männer und der Jugend, ist Bestandteil eines coolen Lebensstils.

Ein Ausflug an den Bieler See im Jahr 1963: Elfriede Butz (links) mit den Söhnen Wolfgang und Andreas sowie Schwester Marlies (verstorben). Die Jungen trugen die damals moderne und strapazierfähige Lederhose.
Ein Ausflug an den Bieler See im Jahr 1963: Elfriede Butz (links) mit den Söhnen Wolfgang und Andreas sowie Schwester Marlies (verstorben). Die Jungen trugen die damals moderne und strapazierfähige Lederhose. | Bild: Archiv Elfriede Butz

Heilig ist der Familie Butz der Sonntag als Familientag. So gibt es keinen Sonntag ohne Kirchgang, der Mann im Anzug, Mutter und Kinder ebenfalls sonntäglich gekleidet. Bleyle ist damals eine bekannte Modemarke, die das Modehaus Gabele führt. Am Sonntagnachmittag steht ein Spaziergang oder Ausflug mit Einkehr, im Sommer ein Schwimmbadbesuch auf dem Programm. Die Kinder freuen sich an einer Bluna und sind zufrieden. Für den Vater gibt es ein Bier. Alkohol ist nur an Bierablagen und in Gasthäusern, nicht aber in Lebensmittelgeschäften erhältlich.

Das Hotel "Schützen" brennt 1846 nieder. Nach dem Wiederaufbau steht das Haus jahrzehntelang im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Stadt (Bild unten). Hier finden die offiziellen Empfänge anlässlich des Fridolinsfestes, Vereinsfeiern, Theateraufführungen sowie die ersten Filmvorführungen statt. 1972 muss der Schützen dem Bau des Kaufhauses Woolworth (Bild oben) weichen.
Das Hotel "Schützen" brennt 1846 nieder. Nach dem Wiederaufbau steht das Haus jahrzehntelang im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Stadt (Bild unten). Hier finden die offiziellen Empfänge anlässlich des Fridolinsfestes, Vereinsfeiern, Theateraufführungen sowie die ersten Filmvorführungen statt. 1972 muss der Schützen dem Bau des Kaufhauses Woolworth (Bild oben) weichen. | Bild: Archiv Karl Braun

Ein besonderes Ereignis ist es im Jahr 1969, für die Familie Butz den Weißen Sonntag (Erstkommunion) im Hotel Schützen zu feiern. Zum Schützen gehören zwei Kinos mit vorwiegend Heimalt- und Liebesfilmen. Da die Familie Butz schon früh ein Auto der Marke Ford besitzt, geht es im Sommer nach Italien und später nach Spanien, aber nicht in ein Hotel, sondern auf einen Zeltplatz. Wartezeiten von zwei Stunden vor der Zollabfertigung sind keine Seltenheit.

1972 muss der Schützen dem Bau des Kaufhauses Woolworth weichen.
1972 muss der Schützen dem Bau des Kaufhauses Woolworth weichen. | Bild: Hans-Walter Mark

Die Erziehung der Kinder ist in den 60er Jahren ausschließlich Aufgabe der Frau. Daneben ist sie für den Haushalt und Garten zuständig sowie, wie Elfriede Butz, für die Buchhaltung im Geschäft ihres Mannes verantwortlich. Die Mitgliedschaft in Vereinen und der Frühschoppen am Sonntagmorgen ist Männersache. Obwohl Elfriede Butz Mitglied in der Narrenzunft ist, hat das weibliche Geschlecht in der Männergesellschaft keine Chance, als vollwertiges Mitglied angesehen zu werden. Mit Wehmut denkt die leidenschaftliche Fasnächtlerin an den Januar 1963, als der Franzose Professor Chauchoy, von 1946 bis 1948 Gouverneur in Säckingen, in Aachen mit dem Orden "Wider den tierischen Ernst" ausgezeichnet wird. Eine Abordnung aus Säckingen, darunter ihr Ehemann Werner, nimmt dran teil. „So gerne wäre ich dabei gewesen, aber als Frau hat man keine Chance, ich habe ja die Kinder.“

Ein Blick in die Margarethenlaube des Hotels "Schützen".
Ein Blick in die Margarethenlaube des Hotels "Schützen". | Bild: Archiv Karl Braun