Die Geschichte ist eigentlich schnell erzählt: Nach Erkenntnis des Historikers Fridolin Jehle (1908 bis 1976) ließen sich die Alemannen im vierten und fünften Jahrhundert hierzulande nieder und es entstand am rechten Rheinufer unter dem Namen Säckingen eine alemannische Siedlung. Sie umfasste mehrere Weiler und ihr Kern lag im heutigen Obersäckingen.

Als dann im sechsten oder siebten Jahrhundert der Glaubensbote Fridolin auf der in der Nähe gelegenen Rheininsel ein Kloster gründete und sich in seiner Umgebung nach und nach eine bürgerliche Ansiedlung bildete, die sich „niederes Säckingen“ nannte, galt das zwei Kilometer entfernte alte Fischerdorf fortan als „oberes Säckingen“. Das Kloster und sein Umfeld gewannen zunehmend an Bedeutung, und aus dem „niederen Säckingen“ wurde die Bezeichnung „Säckingen“. Aus dem „oberen Säckingen“ ergab sich alsdann der Ortsname „Obersäckingen“.

Im Ausschnitt aus der ältesten Karte von Obersäckingen aus dem Jahr 1776 sind die damaligen 17 Häuser und die frühere Martinskirche zu ersehen. Keines dieser Gebäude ist in seiner alten Pracht noch heute vorhanden.
Im Ausschnitt aus der ältesten Karte von Obersäckingen aus dem Jahr 1776 sind die damaligen 17 Häuser und die frühere Martinskirche zu ersehen. Keines dieser Gebäude ist in seiner alten Pracht noch heute vorhanden. | Bild: Richard Kaiser

Während sich Säckingen dank des Fridolinstifts prächtig entwickelte, blieb Obersäckingen noch lange das Fischer- und Bauerndorf. Der „Grund-Riss über den ober Segginger Bann Freyherlich von Schönauischer Herrschaft, welcher im Jahre 1776 die Juchard zu 36.000 Quadratschuh Wiener Mases ist abgemessen und gezeichnet worden von Fridolin Garnie, Geometer juratus“ macht dies deutlich. Schon aus der Kartenüberschrift ist ersichtlich, dass das Dorf nicht zu einer Einung der Grafschaft Hauenstein gehörte, sondern den Herren von Schönau unterstand.

Anlässlich der Katastervermessung von 1881 bis 1886 wurden auch die Gewannnamen festgeschrieben. Sie werden im Liegenschaftskataster noch immer geführt oder als Straßenbezeichnung verwendet. Zu den damaligen Gebäuden, oder an deren Stelle, wurden längst neue Wohnhäuser und Straßen gebaut.
Anlässlich der Katastervermessung von 1881 bis 1886 wurden auch die Gewannnamen festgeschrieben. Sie werden im Liegenschaftskataster noch immer geführt oder als Straßenbezeichnung verwendet. Zu den damaligen Gebäuden, oder an deren Stelle, wurden längst neue Wohnhäuser und Straßen gebaut. | Bild: Richard Kaiser

Ganze 17 Häuser zählte man 1776 in Obersäckingen und etwa 100 Bewohner. Am Dorfrand erhob sich die St.-Martins-Kirche, deren Ursprung ins achte Jahrhundert zurückgeht. Obersäckingen war allem Anschein nach die erste Pfarrei, die aufgrund der Missionierung durch den heiligen Fridolin gegründet wurde. Sogar die Säckinger Stadtbewohner gehörten bis 1345 diesem Pfarrsprengel an und wurden auf dem Obersäckinger Friedhof begraben, bis die Klosteräbtissin das Fridolinmünster auch für die Bürger von Säckingen freigab.

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Der Plan von 1776 hat den Maßstab 1:5000 und ist 67 mal 32 Zentimeter groß. Hierin sind auch die 71 Grenzsteine eingetragen, die schon lange vorher gegenüber dem Segginger und Murger Bann gesetzt wurden. Der Gemarkungsplan umfasste mit 613 Juchard (220 Hektar) ein relativ kleines Gebiet. Kein Wunder, denn Säckingen machte sich schon recht früh ziemlich breit, sodass sich Obersäckingen mit seinem Bann nur in Richtung Murg ausdehnen konnte.

Im Obersäckinger Gemarkungsatlas von 1886 sind die Friedhofkapelle und ihre umgebenden Häuser sowie ein Teil des Dorfbaches vermessungstechnisch erfasst.
Im Obersäckinger Gemarkungsatlas von 1886 sind die Friedhofkapelle und ihre umgebenden Häuser sowie ein Teil des Dorfbaches vermessungstechnisch erfasst. | Bild: Richard Kaiser

Denn auch in nördliche Richtung gab es nichts zu holen, weil der große Wald, einst Klosterbesitz, schon relativ früh zum städtischen Eigentum wurde. So verblieben den Obersäckinger Bauern lediglich 301 Juchard (108 Hektar) Ackerland, 173 Juchard (62 Hektar) Grünland, 16 Juchard (sechs Hektar) Baumgärten und 114 Juchard (41 Hektar) Wald zu ihrer Bewirtschaftung. An Hofräumen und Wege waren neun Juchard (drei Hektar) vorhanden. Flurnamen enthielt der Plan von 1776 nicht, obwohl schon einige existierten, wie beispielsweise Heuel, Hinter der Kirche, Landtenwiesen oder Rätschenacker.

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Obersäckingen, stets im Schatten von Säckingen liegend, entwickelte sich dennoch zufriedenstellend. Im Katasterplan von 1886 konnten bereits 85 Gebäude zeichnerisch dargestellt werden, die Wohnstätte für knapp 600 Personen waren. 1403 Grundstücke maß der damalige Geometer Günzburger auf und als Gemarkungsfläche brachte er 258 Hektar hervor. 38 Hektar mehr als 100 Jahre zuvor, was in erster Linie daran lag, dass die halbe Rheinfläche der Gemarkung Obersäckingen zugerechnet wurde.

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Eine betrübliche Angelegenheit war für die Obersäckinger die gegen ihren Willen erfolgte Eingemeindung zur Stadt Säckingen. Durch Entschließung des Reichsstatthalters wurde die Gemarkung Obersäckingen, mit Ausnahme des Gebietes Rheinsberg, das zur Gemeinde Murg kam, mit Wirkung zum 1. November 1935 mit der Gemarkung Säckingen vereinigt.

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Heute sind diese Wunden verheilt. Das Dorf ist längst mit der Stadt zusammengewachsen, wenn auch manche Obersäckinger noch recht stolz auf ihr Dorf sind und sich zu ihm bekennen. Sagte doch vor einigen Jahren ein alteingesessener Obersäckinger einem neu Hinzugezogenen: „Eins mün Sie sich merke, es git dreierlei Sorte vo Mensche, nämlich Männli, Wibli und Obersäckinger.“