Hektisches Treiben herrscht an einem Dienstagmorgen. Wie in einem Bienenstock schwirren die Helfer durch die Verkaufs- und Vorbereitungsräume des Tafelladens in Bad Säckingen. Um 10 Uhr muss alles bereit sein für die Kunden. Denn das Gemüse oder Obst, das am Vortag in den Einkaufsmärkten geholt wurde, wird nicht einfach so, wie es ist, in den Verkaufsraum gestellt. Jeder Salatkopf, jede Orange und jede Stange Lauch wird von ehrenamtlichen Helfern in die Hand genommen. Mit Handschuhen versteht sich. „Bevor unsere Mitarbeiter im Laden stehen, werden sie in Hygiene und Arbeitsschutz geschult“, erklärt Ewaldine Schwarz vom Caritasverband Hochrhein. Sie ist Sozialberaterin und verantwortlich für die Tafelläden im Landkreis Waldshut. „Ein wichtiger Faktor im Umgang mit den Lebensmitteln“, so Schwarz weiter. Die Mitarbeiter entfernen und entsorgen beispielsweise unschöne Salatblätter. Danach werden die Sachen im Verkaufsraum einsortiert.

Die Zahlen

Die Waren, die im Tafelladen verkauft werden, stammen aus Überproduktionen, die im Handel kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aussortiert werden. Aber es kommen auch Waren von den Einkaufsmärkten, die Transportschäden aufweisen und falsch ausgezeichnet sind. Aus der Bevölkerung kommen ebenfalls viele Spenden. „Allerdings konzentrieren sich diese Spenden vor allem auf Weihnachten und Ostern“, weiß die Sozialberaterin. „Es wäre schön, wenn sich diese Spenden auf das gesamte Jahr verteilen würden.“

Clemens Pfeiffer beliefert den Tafelladen in Bad Säckingen mit Backwaren.
Clemens Pfeiffer beliefert den Tafelladen in Bad Säckingen mit Backwaren. | Bild: Susanne Kanele

Grundsätzlich stehen die Einkaufsmärkte in der Umgebung dem Tafelladen wohlwollend gegenüber und unterstützen das Projekt gerne. Das zeigt sich zum Beispiel an den Mengen an Paprika oder Lauch, aber auch bei den Broten und süßen Teilen, die sich im Vorbereitungsraum der Tafel stapeln. Die Einkaufsmärkte werden alle schon am Montagnachmittag von den Fahrern besucht, während das Brot und die anderen Backwaren erst am Dienstagvormittag abgeholt werden. „Viele Leute wissen nicht, was Tafelläden sind“, so Ewaldine Schwarz. Immer noch sind einige Leute der Meinung, dass ein Tafelladen lediglich ein kleiner Einkaufsladen ist, der regulär beliefert wird und wundern sich, warum zum Beispiel kein Joghurt da ist.

Dass die Lebensmittel gespendet sind und die Mitarbeiter nur mit den Sachen arbeiten können die sie haben, wissen manche nicht. Während sich Obst und Gemüse oder Molkereiprodukte stapeln, gibt es kaum trockene Lebensmittel, wie Zucker, Mehl oder Öl. Weil diese Produkte im Vergleich zu Obst, Gemüse oder Milchprodukten lange haltbar sind, kommen diese entsprechend selten bei den Tafeln an. „Darum stehen in den Geschäften die roten Körbe der Tafeln, damit die Leute – wenn sie mögen – ihre Spenden in Form von Zucker, Mehl oder Nudeln direkt in diesen Korb legen können. Die Sachen in den Körben werden dann gemeinsam mit den gespendeten Lebensmitteln der Einkaufsmärkte eingesammelt.

Joe Köllner kauft gerne im Tafelladen in Bad Säckingen ein und schämt sich nicht dafür.
Joe Köllner kauft gerne im Tafelladen in Bad Säckingen ein und schämt sich nicht dafür. | Bild: Susanne Kanele

Bei den Kunden der Tafelläden handelt es sich um Menschen, deren Einkommen nicht ausreicht, um sich selbst zu versorgen. Damit sie in den Tafeln einkaufen können, erhalten sie vom Caritasverband Hochrhein einen Berechtigungsschein. Momentan sind es rund 900 Ausweise für alle Tafeln im Caritasverband Hochrhein. Darunter sind viele Asylbewerber, Arbeitslose, Alleinerziehende und Rentner mit geringer Rente und Grundsicherung. Alleine in Bad Säckingen sind in den zwölf Jahren seit dem Bestehen rund 640 Kundenausweise für den Einkauf bei der Tafel ausgestellt worden.

Diesen Ausweis müssen die Kunden bei jedem Einkauf dabeihaben. Wenn das Geschäft öffnet, sammeln die Mitarbeiter die Berechtigungsscheine ein. „Die Kunden werden jeweils zu acht in Gruppen zusammengefasst und dürfen dann in Begleitung eines Mitarbeiters einkaufen“, erklärt Ewaldine Schwarz. Weil die Lebensmittel beschränkt sind und auf den Berechtigungsscheinen vermerkt ist, ob es sich um eine alleinstehende Person oder um eine Familie handelt, wird eine entsprechende Menge an Lebensmitteln ausgegeben. „Denn jeder soll etwas bekommen“, so Schwarz weiter.

Auch süße Teilchen sind unter den Backwaren, die im Tafelladen angeboten werden.
Auch süße Teilchen sind unter den Backwaren, die im Tafelladen angeboten werden. | Bild: Kanele, Susanne

Rund 60 bis 70 Kunden pro Einkaufstag besuchen eine der vier Tafeln im Landkreis. „Die Kunden, die zum Beispiel vom Hotzenwald nach Bad Säckingen kommen, gründen Fahrgemeinschaften“, weiß die Sozialberaterin. Oft sind diese Gruppen vor den Öffnungszeiten da. „Sie sitzen dann noch zusammen und unterhalten sich“, so Schwarz. Die Kunden gehen inzwischen viel offener damit um, in einem Tafelladen einzukaufen. „Für viele ist es inzwischen ein Ort der Kommunikation“, erklärt Ewaldine Schwarz. Was auch ein Kunde der Tafel in Bad Säckingen bestätigt: „Da ich alleine bin, freue ich mich, im Tafelladen andere Leute zu treffen und mit ihnen ins Gespräch kommen.“

Viele erkennen aber auch weitere Chancen, die ihnen eine Tafel bietet. „Ohne die Tafel könnte ich mir nicht so oft frisches Obst und Gemüse leisten“, sagt eine Kundin. „Durch die Tafel kann ich mich einfach gesünder ernähren.“ Auch kleine Extras für Kinder wie Süßigkeiten oder Gebäck sind durch die Tafelläden möglich. „Durch die günstigen Preise in der Tafel konnte ich mir gute, warme Winterschuhe leisten“, erklärt ein weiterer Kunde.

„Ich muss nicht verzichten“

Joe Köllner (72) ist bereits seit Bestehen des Tafelladens in Bad Säckingen Kunde und freut sich über das Angebot.

Herr Köllner, wie wichtig ist Ihnen der Tafelladen?

Es ist hervorragend, dass es diese Tafelläden gibt, auch weil es immer mehr Menschen gibt, die einen Tafelladen nutzen müssen. Im Tafelladen bekomme ich alles und muss nicht verzichten.

Wie schwer fällt es Ihnen, dass Ihre Freunde und Bekannten wissen, dass Sie im Tafelladen einkaufen?

Damit habe ich überhaupt kein Problem. Ich habe viele Bekannte und Freunde und sie wissen alle, dass ich in der Tafel einkaufen gehe. Zu mir kam noch nie jemand und hat gesagt: „Du arme Sau, musst in der Tafel einkaufen.“ Ich ärgere mich eigentlich mehr über die Wartezeit. Denn wenn du gleich drankommst, hast du eine entsprechend größere Auswahl. Und alles für rund 10 Euro. Im Tafelladen benötige ich rund 90 Euro im Monat und bin rundum versorgt. In anderen Lebensmittelgeschäften kostet es mich mehr als das Doppelte. Im Tafelladen kann ich sparen und so bleibt mir auch einmal Geld und ich kann auch mal ein Geschenk machen.

Wie gehen Sie damit um, dass Sie in einem Tafelladen einkaufen müssen?

Ich muss halt sparen im Leben, aber durch den Tafelladen fällt es mir leichter, weil ich eigentlich – was Lebensmittel angeht – nicht verzichten muss. Einzig, man muss die Sachen durch das kürzere Haltbarkeitsdatum schneller verzehren. Aber dafür zahle ich nur 50 Cent statt zwei Euro.

„Es bleibt immer weniger Geld für das Essen übrig“

Clemens Pfeiffer von der gleichnamigen Bad Säckinger Bäckerei unterstützt den Bad Säckinger Tafelladen bereits von Beginn an. Er spendet auch jedes Jahr Ware für das Weihnachtsfest für Alleinstehende an Heiligabend in der Caritas Begegnungsstätte.

Herr Pfeiffer, wie wichtig sind die Tafelläden Ihrer Meinung nach?

Tafelläden sind sehr wichtig für die Menschen die darauf angewiesen sind und das sind immer mehr. Es bleibt immer weniger Geld für das Essen übrig, weil Wohnung, Energie und Kleidung das meiste Geld auffressen. Die Tafelläden sorgen dafür, dass diese Menschen dann etwas zu Essen haben.

In welcher Form unterstützen Sie den Tafelladen?

Grundsätzlich bekommt die Tafel von mir alles, was ich auch noch Essen würde, auch wenn es vom Vortag ist. In der Hauptsache Brot und Süßteig. Was samstags an Zöpfen und Nussstollen übrig ist, wird eingefroren und dann am folgenden Dienstag mitgegeben. Die Tafel ist keine Resteverwertung, sondern auch diese Menschen haben eine Menschenwürde, die von mir verlangt, dass ich Ware liefere, die ich nicht in den Müll werfen würde, wenn ich es vermeiden kann oder wenn ich sie noch essen könnte. Aufgrund der Marktgegebenheiten bin ich immer gezwungen, bis zum Ende der Öffnungszeiten ein relativ breites Sortiment vorzuhalten, was dazu führt, dass eben dann auch mal viel Ware vor ist. Ich bin daher auch aus diesem Grund froh, dass es die Tafel und die dort freiwillig Arbeitenden gibt, da ich dann nicht so viel Ware einfach nur entsorgen muss. Es stimmt mich beim Sortieren der Ware immer noch nachdenklich, dass wir in einer derartigen Überflussgesellschaft leben und ich mit dem, was weggeworfen wird, viele Menschen satt machen könnte, die an Hunger leiden.

Ist es nicht möglich, beim Überfluss einfach weniger zu produzieren?

Niemand, der im Lebensmittelhandel arbeitet, und dazu gehören auch Bäckereien, kann es sich leisten, ab 17 Uhr mit einem Minisortiment dazustehen. Denn die Kunden kommen vielleicht ein oder zweimal und fragen nach der Ware. Beim dritten Mal bleiben sie weg und gehen woanders einkaufen.

Der Tafelladen ist nicht die einzige Institution, die Sie mit Ihrer Ware unterstützen.

Glücklicherweise gibt es aber auch immer mehr Menschen, die sich mit praktischen Aktionen wie dem Weihnachtsessen im Münsterhof aktiv um ihre Mitmenschen kümmern und dabei geht es nicht nur darum, den Hunger nach Essen zu stillen, sondern den Hunger nach Nähe und Zusammensein. Selbstverständlich bekommt auch diese Feier alles, was Sie von mir benötigt, am 24. Dezember nach Ladenschluss, von Brot bis Kuchen. Und darüber bin ich auch sehr froh.

Was können auch Ihre Kunden tun, um die Tafel zu unterstützen?

Meine Kunden können direkt in meinem Geschäft nichts Spezielles tun. Aber in den Supermärkten sind Körbe für Warenspenden aufgestellt, wo jeder etwas hineinlegen kann. Natürlich kann sich auch jeder persönlich in der Tafel engagieren oder zweckgebunden Geld spenden.

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