Bad Säckingen Bundestagskandidat Ulrich Martin Drescher (Grüne): "Lieber Umfahrungen als eine Autobahn"

Redaktionsbesuch (4):Interview mit dem Bundestagskandidaten Ulrich Martin Drescher zu den politischen Themen in der Region.

Herr Drescher, Ihr Lebenslauf ist geprägt von vielen „grünen Themen“, von Beteiligungen bei den „Stromrebellen“ in Schönau bis hin zur Teilhaberschaft an der Solar-Fabrik in Freiburg. Auf die politische Bühne streben Sie erst jetzt. Warum so spät?

Weil ich bisher beruflich als Unternehmer und Berater eingebunden war. Was ich politisch will, habe ich bisher auch unternehmerisch vorangebracht. Durch Investitionen, durch Beteiligungen – die sich dann auch in Aufsichtsratsmandaten niedergeschlagen haben, beispielsweise bei der EWS Schönau oder der Regionalwert AG im ökologischen Landbau. Jetzt kann ich meinen Beruf langsam auslaufen lassen. Deshalb habe ich mich entschlossen, die Gelegenheit zu nutzen und über den Gemeinderat hinaus ökologische und libertäre Themen im Bundestag voranzubringen.

Welches ist für Sie das wichtigste politische Projekt für den Hochrhein in den kommenden vier Jahren – und warum?

Das Thema ökologische und effektive Verkehrsentwicklung. Das bedeutet auf der einen Seite, die Möglichkeiten der Verbindung des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs, die Elektrifizierung der Hochrheinbahn und deren optimale Anbindung. Auf der anderen Seite sollten wir Abstand nehmen von ursprünglich im Verkehrswegeplan vorgesehenen Projekten: Millionen auszugeben für weiteren Straßenverkehr und Tunnel, was nur weitere Belastungen mit sich bringt und den Durchgangsverkehr anzieht. Die Mobilität im ländlichen Raum sicherzustellen mit einem Mobilpass, der die Möglichkeiten aller Verkehrssysteme umfasst – das werde ich als das vorrangige Thema für diesen Wahlkreis ansehen.

Damit sind wir schon beim ersten wichtigen Thema am Hochrhein: Braucht der Hochrhein die A 98 oder sehen Sie Alternativen, beispielsweise Ortsumfahrungen auf Bundesstraßen?

Ich bin eher für einen Ausbau der Bundesstraßen mit Ortsumfahrungen. Es ist ja nicht der Ziel- und Quellverkehr, dem diese Autobahn vor allem nützt, sondern eher der durchgehende Fernverkehr. Davon profitieren nur die Amazons und Zalandos.

Was ist Ihre Alternative?

Es ist meine Überzeugung, dass das autonome Fahren schneller kommt als die flächendeckende Elektromobilität. Dadurch wird es zu drastischen Veränderungen im Verkehr kommen. Der Gesamtverkehr wird abnehmen, weil es durch das autonome Fahren neue Mobilitätsmodelle geben wird. Wir sind schon jetzt mittendrin in umwälzenden Veränderungen, auch hin zum gemeinsamen Nutzen von Fahrzeugen. Wir sollten deshalb nicht viel Geld in eine Autobahn investieren, das dann beispielsweise bei intelligenten Verkehrsleitsystemen fehlt.

Unterschätzen Sie nicht das emotionale Verhältnis der Deutschen zum Auto?

Die Neigung, die eigene Persönlichkeit über ein Auto auszudrücken, wird spürbar abnehmen. In der Vergangenheit war das Auto manchmal Besitzstand, teilweise sogar Potenzmittel. Das wird sich verändern.

Dennoch scheint nach dem aktuellen Stand die Realisierung einer Autobahn die realistischste Variante. Welchen konkreten Trassenvarianten räumen Sie die besten Chancen ein?

Ungern einer Autobahntrasse. Ich sehe das Thema auch in Verbindung mit Flächenverbrauch und Überschneidungen zum PSW Atdorf (das wir ablehnen). Das sind zwei Großprojekte in sehr begrenzter Raumschaft. Die Konsenstrasse ist am landschaftsverträglichsten und kommt den Bedürfnissen der Gemeinden Wehr und Bad Säckingen entgegen. Diese Diskussionen brauchen aber weiter Zeit.

Zeit? Sagen Sie das auch den Anwohnern an den Durchgangsstraßen in Schwörstadt, Bad Säckingen und Waldshut-Tiengen?

Vorrangig geht es um die Entlastung der Anwohner. Wir sollten auf eine Entlastung durch einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs setzen. Und natürlich auf Umfahrungen. Aber zugleich produziert jeder Straßenausbau neuen Verkehr und entfernt uns damit von den international vereinbarten Klimazielen. Diese Zwickmühlen zu lösen, ist das mühselige Geschäft der Politik.

Bei der Elektrifizierung der Hochrheinbahn wartet die Region auf sichtbare Fortschritte. Trotz aller Durchbrüche, die der grüne Verkehrsminister Winfried Herrmann verkündet. Ursprünglich sollte die Bahnstrecke 2020 elektrifiziert sein, aber der Landkreis bleibt vorerst elektrisch abgehängt. Sehen Sie Chancen, das Verfahren zu beschleunigen?

Es ist wie immer eine Frage der Verteilung von Geldern. Ich denke, dass die regionalen Vertreter sich in den entscheidenden Gremien nicht durchsetzen konnten, damit dieses Projekt eine höhere Priorität bekommt. Das will ich in Berlin ändern.

Auch der grüne Verkehrsminister Herrmann macht nicht den Eindruck, dass er sich für dieses Projekt wirklich einsetzt und aufs Tempo drückt.

Genügend Druck macht unser Verkehrsminister Herrmann schon, aber die Schweizer Seite wollte ja zwischenzeitlich die Elektrifizierung mit dem Flugverkehr verknüpfen. Und die Mitfinanzierung des Landes hatte Bundesverkehrsminister Dobrindt zwischenzeitlich ausgesetzt. Beides brachte Verzögerungen.

Für reichlich Ärger in der Region hat die Sperrung der Albtalstrecke gesorgt. Viele fürchten, dass sie gar nicht mehr geöffnet wird. Wie ist da Ihre Position?

Es gibt Menschen, die sagen, da sei in den vergangenen hundert Jahren nichts passiert. Hier gilt aber auch die Verkehrssicherungspflicht für das Regierungspräsidium. Die nötigen Sicherheitsmaßnahmen greifen in geschütztes Gebiet ein, Eingriffe in die Natur sind hier schwierig. Winfried Herrmann will wohl öffnen und kommt am 22. August zum Ortstermin. Ich bin dabei, dann sehen wir weiter.

Ein mindestens ebenso brisantes Thema ist am Hochrhein die Gesundheitsversorgung und die damit verbundene Spitalfrage im Kreis Waldshut. Wie sehen Sie die Diskussion aus Kirchzartener Sicht?

Ich war schon im Oktober vergangenen Jahres auf der Bürgerversammlung in Bad Säckingen, um mich mit diesem Thema vertraut zu machen. Schon dort hatte ich das Gefühl, hier stimmt irgendetwas nicht. Das ist möglicherweise ein Management-Problem und auch die Eigentumsverhältnisse in der Trägergesellschaft blockieren eine Lösung.

Und wie beantworten Sie die Frage „Zentralspital oder zwei Krankenhaus-standorte“?

Der Kreistag hat den Beschluss für ein Zentralspital gefasst, und ich denke, dass dies die richtige Entscheidung ist. Es muss allerdings ergänzt werden mit medizinischen Versorgungszentren außerhalb, um die Notfallversorgung im Raum aufrecht zu erhalten. Es gibt ja Beschlüsse für die Übergangszeit von zwölf Jahren mit Nennung der medizinischen Schwerpunkte in den bestehenden Häusern und zur Renovierung auch einen Finanzierungsbeschluss.

Wie sehen Sie die Zukunft des Gesundheitsstandorts Bad Säckingen? Das Krankenhaus hat im Konzert der Kurkliniken ja eine Bedeutung.

Die Kurkliniken müssen ihre Geschäftsmodelle überprüfen und weiter entwickeln. Sie können sich nicht darauf berufen, dass sie nur überleben können, wenn auch das Krankenhaus bleibt. Lage und Spezialisierungen bieten ihnen aber weiterhin Chancen.

Ein dramatischer Engpass droht im gesamten Landkreis auch in der hausärztlichen und Fachärzteversorgung. Welche Möglichkeiten sehen Sie für die Politik hier einzugreifen?

Eine mögliche Lösung sehe ich auf interkommunaler Ebene. Gemeinden sollten gemeinsam die Gründung von Praxisgemeinschaften fördern. Sie sollten sich dabei nicht als Konkurrenz sehen, sondern gemeinsam auftreten. Der Bund sollte Fördermittel bereitstellen, um Medizinern die Neugründung von Praxen zu erleichtern. Es gibt hier schon erfolgreiche Kooperationsmodelle integrierter Versorgung.

Der Staat hat die Frage der Zulassung von Ärzten an die Kassenärztliche Vereinigung delegiert, also an die Ärzte selbst. Ist diese Selbstverwaltung der Ärzte gescheitert?

Ihre Aufgabe der flächendeckenden ärztlichen Versorgung erfüllt sie im Kreis offensichtlich nicht. Dazu sollte sie auch die Zulassung und Bezahlung der Hausärzte verbessern. Ich setze mehr auf medizinische Versorgungs-zentren, die fachübergreifende Zusammenarbeit und flexiblere Arbeitszeiten ermöglichen.

Muss der Hochrhein mit zwei alten schweizerischen Pannenreaktoren vor der Haustür leben?

Wir müssen gegenüber der Schweiz darauf hinweisen, dass es – neben der akuten Gefährdung – auch nicht im wirtschaftlichen Interesse sein kann, solche Pannen-Reaktoren weiter zu betreiben. Auf der anderen Seite unseres Wahlkreises protestieren wir genauso entschlossen gegen den französischen Schrottreaktor Fessenheim. Sicherheit für die Bevölkerung auf beiden Seiten des Rheins hat höchste Priorität. Diese Atomreaktoren müssen sofort abgeschaltet werden.

Zur Person

Ulrich Martin Drescher (Bündnis 90/Die Grünen) wurde 1952 in Frankfurt/Main geboren, das Studium brachte ihn nach Freiburg. Seine politische Heimat war zunächst die FDP, bis zur „Wende“ 1982. Seit 1986 ist er Mitglied der Grünen. Er wurde Aufsichtsrat von mehreren „grünen Wirtschaftsunternehmen“ und Genossenschaften, wie beispielsweise Netzkauf EWS. Seit 1979 ist Drescher selbstständig als Moderator und Organisationsentwickler tätig. Seit 2014 ist er Gemeinderat in Kirchzarten. Ulrich Martin Drescher ist geschieden und Vater eines erwachsenen Sohnes.

 

Ihre Meinung ist uns wichtig
Herbstliche Weine vom Bodensee
Neu aus diesem Ressort
Bad Säckingen
Bad Säckingen
Bad Säckingen
Bad Säckingen, Region
Bad Säckingen
Bad Säckingen
Die besten Themen
Kommentare (1)
    Jetzt kommentieren