Im vergangenen Jahr wurde in Unteralpfen ein zweiter Stolperstein gesetzt. Er galt der Mitbürgerin Augusta Jehle, die 1945 im KZ Ravensbrück ums Leben kam. Der erste Stein war 2016 in das Pflaster beim Pfarrhaus eingelassen worden, zur Erinnerung an den Pfarrer Max Graf, der 1945 im KZ Dachau starb. Beide Steine wurden von Gunter Demnig gesetzt, der die bundesweite Aktion „Stolpersteine„ ins Leben rief, um auf diese Weise an die Opfer des Nazi-Regimes zu erinnern.

Der neue Stein, vor dem Haus Leiterbachstraße 12, gegenüber der alten Mühle, erinnert an das tragische Schicksal von Augusta Jehle, die 1901 in Happingen geboren wurde und 1928 nach Unteralpfen zog. Nach dem Tode ihres Mannes musste sie allein für ihre fünf Kinder sorgen. Um den Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete sie in der Unteralpfener Mühle.

2016 wurde in Unteralpfen der erste Stolperstein gesetzt, von links Pfarrer Klaus Fietz und Gunter Demnig
2016 wurde in Unteralpfen der erste Stolperstein gesetzt, von links Pfarrer Klaus Fietz und Gunter Demnig | Bild: Manfred Dinort

Hier lernte sie einen polnischen Kriegsgefangenen kennen, von dem sie einen Sohn bekam – in den Augen der Nazis ein schwerer Verstoß gegen die Rassengesetze und Grund genug, ein Exempel zu statuieren. Augusta Jehle wurde angeklagt und ins Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt, wo sie 1945 ums Leben kam. Zurück blieben ihre Kinder und ihr zwei Monate altes Baby. „Wie war so etwas möglich?“ fragte Bürgermeister Stefan Kaiser bei der Gedenkaktion. „Heute ist es kaum zu begreifen, dass so etwas bei uns passieren konnte.“

Der zweite Stein erinnert an Max Graf, der von 1938 bis 1945 Pfarrer in Unteralpfen war und unter den Nazis litt. So wandte sich ein Parteifunktionär an ihn, mit dem Ansinnen, auf dem Turm der Pfarrkirche einen Lautsprecher zu installieren, um das Dorf mit Propaganda zu beschallen. Max Graf lehnte dies ab. Ein weiterer Gegenspieler erwuchs ihm in dem Hauptlehrer der örtlichen Volksschule, der durch seinen demonstrativen Austritt aus der Kirche ein Signal setzte und dank seines Einflusses auf die Dorfjugend vieles wieder zerstörte, was der Pfarrer in seinem Religionsunterricht aufzubauen versuchte.

Gunter Demnig beim Setzen des Gedenksteines am Unteralpfener Pfarrhaus.
Gunter Demnig beim Setzen des Gedenksteines am Unteralpfener Pfarrhaus. | Bild: Manfred Dinort

Weitere Zwischenfälle sorgten dafür, dass sich die Fronten immer mehr verhärteten. Den Stein ins Rollen brachte schließlich eine Predigt im Mai 1944. Darin sagte Max Graf unter anderem, dass es für viele, die sich über die glückliche Heimkehr aus dem Ersten Weltkrieg gefreut hätten, sicher besser gewesen wäre, „sie wären auf dem Feld der Ehre gefallen, statt nun sich und ihre Familien ins Unglück zu stürzen“. Die Predigt wurde zum Dorfgespräch, es kam zu Drohungen und Beschimpfungen. Der Inhalt der Predigt war auf Parteiveranstaltungen immer wieder Thema. Im Oktober 1944 umstellte die Gestapo abends das Pfarrhaus und nahm den Geistlichen fest. Im Februar 1945 wurde er ins KZ Dachau eingeliefert. Dort grassierte der Flecktyphus, dem auch Max Graf zum Opfer fiel. „Ein gütiger Mensch, dem bitteres Unrecht geschehen ist“, so urteilte Elisabeth Scheuble aus Unteralpfen, die Max Graf als Pfarrer und Religionslehrer in guter Erinnerung behalten hat.