Der Berliner Autor Michael Nast hat 2016 mit seinem Buch „Generation Beziehungsunfähig“ einen Erfolg gelandet. Das Stück wurde zum Bestseller und Nast füllte bei seinen Lesungen ganze Hallen. Der Resonanz nach zu urteilen, hat er den Zeitgeist komplett getroffen. Aber ist die Generation Y tatsächliche eine, die sich schwerer damit tut, Beziehungen zu führen?

Gewissermaßen als Antwort auf Nasts Werk hat die Psychologin Stefanie Stahl ein Jahr später das Buch „Jeder ist beziehungsfähig“ auf den Markt gebracht. Auch dieses wurde zum Bestseller. Im Interview spricht sich darüber, warum sie Menschen für beziehungsfähig hält.

Ist das Führen einer glücklichen Beziehung Übungssache?

Ich denke nicht. Es ist nicht das gleiche wie etwa Tennis oder Klavier spielen. Es hat eher etwas mit der inneren Einstellung zu tun. Die Menschen mit einer Bindungsangst denken zu einem großen Teil, dass es nur zwei Möglichkeiten gäbe. Entweder ich selbst oder die Beziehung. Sie haben das Gefühl, sich in irgendeiner Weise verstellen oder verbiegen zu müssen. Viele glauben, wenn sie die Erwartungen nicht erfüllen, würden sie nicht geliebt werden. Es geht darum, ob die Menschen überhaupt daran glauben, dass man sie lieben kann. In der Psychologie sprechen wir von Glaubenssätzen. Es ist weit verbreitet, wenn es nicht klappt, einen dieser Sätze auszugraben. Das sind tiefe, psychische Programme, die wir häufig in der Kindheit erwerben. Typische Glaubenssätze sind: "Ich genüge nicht" oder auch "Ich bin nichts wert". Die Glaubenssätze sind die Programmiersprache unseres Selbstwertgefühls und genau jenes entscheidet wesentlich darüber, ob wir uns für liebenswerte Menschen halten oder, ob wir meinen, wir müssten uns sehr anstrengen und verbiegen, um geliebt zu werden.

Wie können Sie Ihren Patienten weiterhelfen?

In den Gesprächen gilt es herauszufinden, was die Leute geprägt hat. Unsere Eltern sind für uns als Kinder wie ein Trainingslager. Darin liegt bei vielen die Ursache für eine später zu Tage tretende Bindungsangst. Ein Beispiel könnte sein: Als Kind musste man immer etwas machen, was einem nicht gefiel, um gelobt zu werden. Wir kommen schließlich mit einem unfertigen Hirn auf die Welt. Im Alter bis sechs Jahre prägen sich sehr viele synaptische Verbindungen aus. Auch die Pubertät ist wichtig für das Selbstbild. Viele der Betroffenen entwickeln dann später ein echtes Händchen dafür Menschen zu finden, mit denen eine Beziehung nie funktionieren kann.

Seit dem Erscheinen des Buches „Generation Beziehungsunfähig“ herrscht der Eindruck vor, dass die Generation Y…

(unterbricht) Das ist doch Quatsch. Die jungen Leute heute sind viel beziehungsfähiger, als wir es früher waren. Denen geht es heute doch viel zu sehr um Sicherheit. Wie viele von den jungen Menschen bleiben heute lange zusammen oder heiraten gar den ersten Partner und machen noch anderen oberspießigen Quatsch. So lange hocken sie aber noch bei den Eltern auf dem Schoß, bis sie endlich ausziehen. Das hat alles mit der Unsicherheit auf der Welt zu tun. Deswegen wollen sie zumindest in diesem Punkt Sicherheit haben.

Es wird immer so behauptet und jeder schreibt vom anderen ab. Ich habe mich mal, weil ich es einfach wissen wollte, mit Studien darüber beschäftigt, die meinen Eindruck bestätigen. Das einzige, was sich geändert hat in der Generation Y, dass die Ansprüche an die Beziehungsqualität gestiegen sind.

Das hängt zusammen mit der Emanzipation und dadurch bedingt, dass es keine Versorgungsehen wie früher mehr gibt. Zudem ist das gesellschaftliche Korsett lockerer geworden. Man muss heute nicht mehr heiraten, um gesellschaftlich angepasst zu sein. Heute kann jeder sagen, dass er eine Bindungsangst hat, ohne dafür lange schräg angeguckt zu werden.

Nochmal zum Buch von Michael Nast. Was hat es ausgelöst?

In diesem Moment brach ein wahrer Hype los. Das Buch ist sehr persönlich geschrieben und es wird deutlich, dass der Autor nicht bereit ist, Kompromisse einzugehen. Für ihn gibt es auch bloß die Wahl zwischen frei sein oder einer Beziehung. Auch seiner Meinung nach schließt das eine das andere aus.

Er berichtet rein aus seinem subjektiv Erlebten. Das ist auch völlig in Ordnung, ich möchte ihm da gar nicht an den Karren fahren. Aber es ist nun mal bloß eine Stichprobe. Dazu kommt noch, dass er in Berlin wohnt, was von vornherein schon mal prädestiniert ist für Individualisten. Deswegen muss ich den ganzen Mist, der landläufig behauptet wird, aber nicht glauben.

Sie sind der Auffassung, dass sich nichts verändert hat?

Es gibt mehr serielle Beziehungen, aber es muss ja auch nicht ein ganzes Leben halten. Nur weil zwei Leute ein Leben lang zusammen sind, heißt das nicht, dass diese bindungsfähiger sind, als der langjährige Single von nebenan. Es gab schon immer Ehen von unterirdischer Beziehungsqualität.

Wie beurteilen Sie den Zuwachs an Partnerbörsen?

Immer heißt es, das böse Internet und die bösen Partnerbörsen. Dabei ist es so, dass Beziehungen, die im Internet ihren Ursprung haben, weitaus besser funktionieren, als alle anderen. Aber das macht ja auch Sinn: Im Alltag läuft man sich mehr oder minder zufällig über den Weg, verliebt sich Hals über Kopf, benimmt sich in den ersten Wochen noch extra gut, bevor man sich dann erst richtig kennenlernt.

Im Internet ist es ganz anders. Da lernt man sich noch bei vollem Verstand kennen, checkt sich gegenseitig ab, trifft sich dann und verliebt sich möglicherweise dann später.

Die modernen Apps befeuern also keine Bindungsangst?

In jedem Menschen ist es genetisch tief verankert, eine Beziehung zu einem Menschen aufzubauen. Das hat sich über Millionen von Jahren so entwickelt. Und das lässt sich durch 20 Jahre Internet nicht austreiben.