Mit Uwe-Martin Prinz stehe ich in einem Supermarkt in Friedrichshafen. Nur ein paar Dinge besorgen und sich unterhalten. Auf den ersten Blick ist es nicht zu bemerken, was Prinz in den vergangenen 16 Jahren durchgemacht hat.

"Kurz nach meinem Einsatz in Überlingen wollte ich auch einkaufen gehen", erinnert sich der 39-Jährige. "Dann dachte ich aber, dass ja alle Läden nach so einem Unglück geschlossen sein müssten. Ich war schockiert, als ich feststellte, dass es nicht so war."

Lachende und glückliche Menschen, die unbeschwert ihren Alltag leben, waren für Prinz in diesem Moment etwas unvorstellbares. Er wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die Angst sein Leben verändern würde.

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Der ehemalige Rettungssanitäter war am 1. Juli 2002 zur Stelle, als bei Überlingen DHL-Flug 611 und Bashkirian-Airlines-Flug 2937 zusammenstießen. "Ich gehörte zur Abschnittsleitung. Wir sollten vor Ort schauen, was passiert war", sagt Uwe-Martin Prinz. Überlebende konnte das Einsatzteam allerdings nicht mehr bergen.

"Es ist kaum vorstellbar was mit Menschen passiert, die aus großen Höhen fallen", sagt Prinz. An den Anblick kann er sich noch gut erinnern. 71 Menschen, davon 49 Kinder, starben durch das Unglück.

Der Einsatz hat Uwe-Martin Prinz geprägt. "Wenn man etwas Schreckliches sieht, verursacht das allerdings nicht direkt eine Veränderung. Diesen Schreckschock gibt es nicht", erklärt er. Der Prozess im Kopf verlaufe schleichend und sei deshalb so gefährlich. "Ich habe mich zunächst in die Arbeit gestürzt. Neben meiner leitenden Stelle bei den Einsatzkräften habe ich noch eine Firma gegründet. Ein Tag, an dem ich nicht 14 Stunden gearbeitet habe, war für mich Verschwendung", erinnert Prinz sich.

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Hinzu kam, dass er damit anfing, bestimmte Dinge zu vermeiden. "Man gesteht sich dann aber nicht ein, Angst davor zu haben. Ich habe zum Beispiel lieber behauptet, dass ich schnelle Züge nicht mag." Das erste Mal sei ihm bei einer Autofahrt auf der Bundesstraße aufgefallen, dass etwas nicht stimmt. "Die Autofahrer hinter mir haben gehupt und Lichtzeichen gegeben. Ich hatte mich gewundert: Wieso wollen die alle zu schnell fahren?" Als Prinz rechts ran fuhr, um die anderen Autofahrer vorbeizulassen, fiel es ihm auf: Die anderen waren nicht zu schnell, sondern er viel zu langsam.

"Ich bin fertig mit der Welt"

Die Erkenntnis, dass die Angst ihn nun beherrschte, brachte einen Stein ins Rollen. "Ich kam immer öfters ins Grübeln. Ich überlegte, was ich hätte anders machen können und was passiert wäre, wenn ich etwas nicht gemacht hätte. Diese Gedanken drehen sich dann stundenlang im Kreis", sagt Uwe-Martin Prinz. Für Kopf und Körper sei das auf Dauer eine extreme Belastung. "Ich hab mich immer und immer wieder gedanklich weg bewegt, bin zeitlich und örtlich zurück gegangen, habe Schuldgefühle entwickelt. Dann denkt man an die Zukunft und bekommt es mit der Angst zu tun." Der Einsatz war zu diesem Zeitpunkt schon drei Jahre her.

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Die Reaktion von Uwe-Martin Prinz war der Rückzug. "Irgendwann habe ich zu mir gesagt: Ich bin fertig mit der Welt, ich hab genug getan und bleib ab sofort zu Hause." Er hat keine Post mehr geöffnet, ging nur noch selten ans Telefon. Doch damit kamen weitere Ängste: "Was, wenn in den Briefen etwas Wichtiges drin steht? Kommt morgen vielleicht der Gerichtsvollzieher? Habe ich gleich keinen Strom mehr?"

2006 wurde Prinz berufsunfähig.

"Irgendwann habe ich zu mir gesagt: Ich bin fertig mit der Welt, ich hab genug getan und bleib ab sofort zu Hause." Uwe-Martin Prinz über die Auswirkungen seiner Krankheit.
"Irgendwann habe ich zu mir gesagt: Ich bin fertig mit der Welt, ich hab genug getan und bleib ab sofort zu Hause." Uwe-Martin Prinz über die Auswirkungen seiner Krankheit. | Bild: Kipar, Sandro

Der Schritt, nach Hilfe zu suchen, sei sehr schwierig gewesen. "Ich hatte Angst vor der Reaktion meiner Freunde", sagt Prinz. Sie hätten schon früh bemerkt, dass er sich verändert, was Prinz allerdings immer verneint habe. Dennoch ist er auch Dank ihnen heute auf dem Weg der Besserung. 2012 hat er eine Therapie begonnen.

Von der Angst sind heute nur noch Auswirkungen bemerkbar, die sich auch beim gemeinsamen Einkauf in Friedrichshafen zeigen. Auffallend oft verliert er den Faden. "Wo waren wir?" Ein Satz, der während dem gemütlichen Schlendern durch den Supermarkt öfters fällt. Zurück im Auto entschuldigt er sich. "Es sind so viele Dinge, auf die ich mich in so einer Umgebung gleichzeitig konzentriere. Da fällt es mir schwer, ein Gespräch zu führen."

Ein Überbleibsel seiner Erkrankung, sagt er.

Drei Fragen an Ulla Baierl, Oberstabsärztin am Bundeswehrkrankenhaus in Ulm

  • Was kann eine Posttraumatische Belastungsstörung auslösen?

Meistens handelt es sich um eine außergewöhnliche Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß, die bei den Betroffenen tiefgreifende Verzweiflung auslöst. Diese Verzweiflung äußert sich allerdings sehr individuell: Manche Menschen sind dafür mehr, andere weniger anfällig. Das kommt auf die Biologie, die Genetik, aber auch auf die Kindheit der Betroffenen an. Häufiger betroffen sind etwa Frauen und junge Menschen, zudem hängt es von der Art des Traumas ab, ob ein Mensch erkrankt, oder nicht.

  • Wie äußern sich die Symptome?

Die Betroffenen erleben eine schreckliche Situation immer wieder durch Albträume oder sogenannte Flashbacks, die auch den Tagesablauf stören können. Bei Soldaten werden diese Zustände oftmals durch Knallgeräusche ausgelöst, die an einen Schuss erinnern, etwa wenn eine Türe zuknallt. Es entstehen starke Anspannungszustände mit heftigen Emotionen, wie zum Beispiel Angst. Diese Anspannungszustände und die Angst können sich so weit steigern, dass der Betroffene den Bezug zur Realität verliert. Alles, was Angst macht, wird dann konsequent vermieden. Ein weiteres Symptom ist erhöhte Erregbarkeit, die sich in Schreckhaftigkeit, Unkonzentriertheit und auch Wutausbrüchen äußert. Grund dafür ist das Traumagedächtnis, das ein Erlebnis und die damit verbundenen Emotionen im Gehirn ohne zeitliche Einordnung abspeichert. Bei einem Auslöser ploppen diese Sachen wieder auf. Für den Betroffenen fühlt sich das dann so an, als würde er die Situation nochmal durchleben.

  • Wie können Betroffene geheilt werden?

Bei vielen vergehen die Symptome von selbst. Das dürften 50 bis 60 Prozent der Betroffenen sein. Bei dem Rest ist die Therapie sehr komplex und kann Monate oder Jahre dauern. Dem Patient muss zunächst erklärt werden, was mit ihm los ist, denn viele verstehen die Krankheit nicht und sind deshalb verunsichert. Es geht darum, dem Betroffenen Stabilität zurückzugeben. Dazu gehören Entspannungstechniken und der Aufbau einer gewissen Distanz zum Geschehenen. In erster Linie vermittle ich damit Hilfe zur Selbsthilfe. Mit meinen Patienten treffe ich mich zur Aufarbeitung zwei Mal die Woche für ein bis zwei Stunden.