Den Klosterfestspielen Weingarten ist es mit Bertolt Brechts "Leben des Galilei" erneut gelungen, Pflichtlektüre aus Schulzeiten spannend und unterhaltsam zu inszenieren. Unter der Regie von Christof Küster finden die Festspiele nach Jahren im Innenhof des Klosters erstmals ist der Naturkulisse des Hofguts Nessenreben statt. Der neue Ort ist dabei nicht weniger stimmungsvoll als der alte Spielort.

Zwischen zwei denkmalgeschützten Hofgebäuden spannt sich ein riesiges Bücherregal. Als Kulisse für die 15 Szenen gibt es gleichzeitig den Blick frei in die grüne Natur. Auf, im und vor dem Regal mit seinem beweglichen Inhalt agieren die Schauspieler, allen voran Dietmar Kwoka als Galilei. Absolut überzeugend schlüpft er in die Rolle des genialen Wissenschaftlers, der im Jahr 1609 das alte Weltbild aus den Angeln hebt. Seinem skeptischen Schüler Andrea (Florian Wilhelm) erklärt er mit Apfel und Stift, warum der Kopf des Menschen nicht nach unten hängt, obwohl sich die Erde dreht. "Aber wo ist dann Gott?", fragt der Jüngling. Schnell zeichnet sich der Konflikt zwischen Wissenschaft und Kirche ab.

Galileis Haushälterin, Frau Sarti (Barbara von Munchhausen), verkörpert den praktischen Charakter, der sich mehr Gedanken um das tägliche Brot, als um den Fortschritt macht. Tochter Virginia (Lena Stamm) bleibt kein Raum für eine eigene Lebensplanung. Mit einem überdimensionalen Bleistift zeichnet Galilei seine Formeln auf die Bühne. Begeistert ist er von der Erfindung des Fernrohrs, das ihn den Planeten am Himmel noch näher bringt. Als übergroße Brille mit stark vergrößernden Gläsern wird das Fernrohr zum Objekt, unter dem sich bestens debattieren lässt, und das die Gesichter der Räte von Venedig zu Zerrbildern macht.

Im Disput mit einem kleinen Mönch (Severin Gmünder) fällt eines der wichtigen Zitate: "Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher."

Immer wieder klettern die Schauspieler über Leitern auf eine Art Brücke über dem Regal. Über sie gelangt der versammelte Klerus in eines der Hofgebäude. Die Tür schließt sich und Galilei ist der Inquisition ausgeliefert. Was bleibt ist ein zerstörter Mensch. Großartig, wie Dietmar Kwoka vom fast schon manisch begeisterten Wissenschaftler voller Ideen zum gebrochenen Mann wird. Mit tonloser Stimme verliest er den Widerruf. Er bleibt zwar am Leben, wird aber im eigenen Haus zum Gefangenen der Kirche. Erneut durch die Brille beäugt vom alten Kardinal (Eberhard Boeck) sitzt er unter einem Netz, das selbst seine Gedanken zu fesseln scheint.

Mit Einbruch der Dunkelheit gibt es gelungene Lichteffekte, die sogar die Bäume im Hintergrund als Leinwand nutzen. Eine wichtige Rolle spielt die Musik. In der Rolle des Bertolt Brecht verkörpert Sebastian Schafer nicht nur das Prinzip des epischen Theaters. Er spielt zu Beginn der Szenen auch Klavier. Ludovico (Jan Uplegger), einer von Galileos Gegenspielern, am Fagott und Florian Wilhelm an der Harfe geben der Inszenierung weiteren Tiefgang. Während Tanzmusik der 1960er Jahre auf dem Ball im 17. Jahrhundert humorvoll wirkt, sind Techno-Beats zur Untermalung von Galileis Verzweiflung etwas dick aufgetragen.

Am Ende der sehr gelungenen Inszenierung wundert man sich, dass nur zwölf hervorragende Schauspieler auf der Bühne stehen. Sie waren Mönche, Rats- und Kirchenherren, Hofschranzen und Gelehrte (Boris Rosenberger, Reinhard Froboess, Henning Bormann und Martin Molitor).

Aufführungen bis 13. August. Karten: Telefon 07¦51/40¦52¦30, Informationen im Internet: www.klosterfestspiele-weingarten.de