Weingarten – Kaum ein Thema hat die Bildungslandschaft in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren so kontrovers bewegt wie die Einführung der Gemeinschaftsschulen. Während viele Befürworter schon früh von der einzigen zukunftsfähigen Schulform sprachen, warfen die Skeptiker die Vorteile des dreigliedrigen Systems entgegen. Sie sahen in der Gemeinschaftsschule die Gefahr, dass der Leistungsstandard der Schüler im Land nach unten rutscht.

Wie in Baden-Württemberg geschaffene Gemeinschaftsschulen wirklich aufgestellt sind und mit welchen Herausforderung sie im Schulalltag zu arbeiten haben, war Kernpunkt eines umfangreichen Forschungsprojekts, zu dem fünf Hochschulen und drei Universitäten 31 Mitarbeiter entsandt hatten. Nach rund zwei Jahren stellte jetzt Projektleiter Professor Thorsten Bohl die Ergebnisse der Studie bei einem Vortrag an der Pädagogischen Hochschule Weingarten vor.

Der Dozent an der Universität Tübingen schwor die Besucher im vollbesetzten Festsaal ein, unabhängig von persönlichen Meinungen und Argumenten tolerant mit den Ergebnissen der Studie umzugehen. Er rechnete freilich damit, dass ein alsbald aufgeführter Parameter beim einen oder anderen Interessierten für Enttäuschung sorgen könnte.

Thorsten Bohl sieht nach dem Ergebnis der Studie den Befund, dass für den Erfolg und Bildungsstand zu 73 Prozent der Schüler selbst mit Charakter und Talent relevant sei. Zwölf Prozent entfallen auf die ortsbezogene Schule und vier Prozent auf die eigentliche Schulform. "Die Erklärungskraft ist einfach zu gering, vielmehr ist entscheidend, was der Schüler selbst mitbringt", sagte Bohl. Sinn und Erfolgschancen von Gemeinschaftsschulen stelle dies aber freilich nicht infrage.

Die Studie an zehn Gemeinschaftsschulen sollte das auch gar nicht klären. Vielmehr zeigte der Projektleiter die Unterschiede auf, die nicht nur zwischen den Schulen, sondern auch innerhalb der Schulen registriert wurden. Dabei beleuchtete er, welche Rolle die Lehrkräfte an einer Gemeinschaftsschule spielen. Neben der Kompetenz zur Unterrichtsgestaltung und dem Umgang mit den optimal auf die Schüler abgestimmten Materialien sei es wichtig, die Schüler richtig einzuschätzen. "Eine Lehrkraft muss genau analysieren, welcher Schüler was bekommt", sagte Bohl. Leistungsschwächere Schüler bräuchten mehr direkte Ansprache im Unterricht, während stärkere Schüler weitaus eigenverantwortlicher und individueller ihre Lernzeit bestreiten könnten.

Insbesondere bei den Lehrkräften wies die Studie teils große Unterschiede auf. Auffallend erfolgreich seien die Gemeinschaftsschulen gewesen, deren Lehrkräfte sich engagiert fortbilden und in regem Austausch mit der Schulleitung stehen. Dies sei jedoch mit hohem Zeitaufwand verbunden. Personell unterbesetzte Gemeinschaftsschulen taten sich demnach schwer.

Besonders starken Einfluss auf den Erfolg einer Gemeinschaftsschule habe auch laut Studie auch, wie ein Lehrerkollegium sich nach Außen darstelle. Dass die Politik für die Weiterbildung von Lehrkräften zusätzliches Geld in die Hand nehmen müsse, sei laut Thorsten Bohl unbestritten. Nach rund 75 Minuten Details und Daten war sowohl für die Gäste als auch für Projektleiter Thorsten Bohl klar: "Das Modell Gemeinschaftsschulen ist nach außen so komplex an Reformen, dass ein nachhaltiger Befreiungsschlag in naher Zukunft schwer möglich sein wird."

 

Erhebung vor Ort und per Fragebogen

Das Projekt Wissenschaftliche Begleitforschung an Gemeinschaftsschulen wurde unter dem Titel "WissGem" zu einer Studie zusammengefasst. Untersucht wurden insgesamt zehn Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg. Ziel der vom baden-württembergischen Kultusministerium ausgeschriebenen Studie war die Analyse der Voraussetzungen, des Schulalltags und der gemeinschaftsschulspezifischen Unterrichtsform der jeweiligen Einrichtungen. Im Fokus stand vor allem die Aufgabe, den Alltag der Lehrkräfte und ihre jeweiligen Herausforderungen zu analysieren.

Die Daten und Erfahrungen des zweijährigen Forschungsprojekts basieren zum einen auf Vor-Ort-Begleitungen in Unterricht und Schulalltag, zum anderen auf umfangreichen Erhebungen mit Fragebögen sowie Interviews mit Schülern, Eltern, Lehrkräften und Schulleitungen.

Mitbeteiligt waren die Pädagogische Hochschule Weingarten, sechs weitere Hochschulen in Baden-Württemberg sowie die Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Die Kurzversion der Studie finden Sie hier: www.uni-tuebingen.de