Der Saal ist ausverkauft, und das für einen erst 33-jährigen Musiker. Im Rock mag das keine Seltenheit sein, im Jazz hingegen schon. Zumal Christian Scott ein wirklich beinharter Jazzer ist, der beim Trans4Jazz-Festival in der Linse in Weingarten zunächst auch nicht sehr zugänglich wirkt. Er wendet sich lieber seiner Band zu als dem Publikum und erinnert darin an Miles Davis. Der wollte sich die Wertschätzung eines weißen Publikums nicht erkaufen, indem er den netten "Onkel Tom" spielt.

Christian Scott ist eine schillernde Figur, und das nicht nur, weil seine Trompete mit dem nach oben gebogenen Trichter an Dizzy Gillespies Instrument erinnert. Scott hat nicht nur afrikanische Wurzeln, sondern auch indianische. Sein Berklee-Studium hat er in der Hälfte der Zeit absolviert, er hat für Prince gespielt, hat für die "Vogue" gemodelt, und die Kritiker vergleichen ihn mit Miles Davis ebenso wie mit Herbie Hancock, weil seine Kreativität nach allen Seiten explodiert und keine Stilgrenzen akzeptiert.

Es ist eine Kreativität mit abgründigen Seiten, in denen sich der Aufruhr und die Aggressivität seines bisweilen an Freddie Hubbard erinnernden Spiels auf einer rhythmischen Basis des Unheimlichen aufbaut. Ein stark aufgedrehter Kontrabass, Fender Rhodes und Schlagzeug weben einen Teppich, der nach HipHop-Kultur klingt, nach dunklen Ecken, Aufstand und Revolte, von denen über diesen Beats ein Rapper in seinen Ryhmes erzählen müsste. Es ist Musik, wie der völlig desillusionierte Gil Scott-Heron sie zuletzt machte – aber an die Stelle des Gesangs treten Trompete und Saxofon, Seite an Seite, mit einem melancholisch schönen Abgesang, der in wutverzerrte Heftigkeit übergeht.

Kampf liegt in der Luft. Christian Scott verwandelt ein neues Klima der Bedrohlichkeit, die wie eine Smogdecke auf den westlichen Gesellschaften liegt, in Musik. Der auffahrende Applaus hat etwas von einer Lunge, die nach Luft ringt.

Es könnte ein ungemütlicher Abend sein, wenn Christian Scott nicht ganz anders wäre, als es zunächst den Anschein hat – denn sein anfängliches Schweigen geht in eine ausgesprochene Plauderlaune über. Scott ist rau, aber herzlich, "fuckin'" eine seiner Lieblingsvokabeln. Er will nicht von der Bühne, ohne die Menschen hinter seiner Musik zu zeigen. Jeden seiner vier Musiker stellt er mit einer langen Geschichte vor – so wie Kris Funn am Kontrabass, den Scott kenenlernte, als er mit einer Lebensmittelvergiftung allein in einer Hotellobby herumdämmerte. Funn päppelte ihn wieder auf. "Ich erzähle euch keine Heldengeschichte, auch wenn ich hier mit dieser Goldkette am Hals stehe. Ich erzähle euch, wie man mich mit Suppe gefüttert hat", sagt Scott und lacht.

Stück für Stück festigt Christian Scott die Gewissheit, dass man es hier mit einem Großen zu tun hat. Stück um Stück verzahnt sich das Lyrische mit dem Verschlingenden: preschende TripHop-Rhythmen inszenieren eine ausweglose Finsternis, das E-Piano die Gefangenschaft in einem undurchdringlichen Traum, und doch gleitet Scotts Trompete in ausgefeilten melodischen Phrasen durch die Höhen wie ein Delphin durchs Meer. Eine Schönheit und Erhabenheit, zu der die Schwärze gehört. In dieser Verbindung erreicht Scotts Musik ihre Fallhöhe und damit ihre Größe. Erreichbar ist da nicht durch ein mittleres Kraftniveau im Spiel, sondern nur durch eine Getriebenheit, die an die Grenzen geht und in der sich die Schere zwischen lyrischen Höhen und tobenden Rhythmen immer weiter öffnet.

Christian Scott hat Großes vor. Hat man ihn recht verstanden, wird er 2017 ein Tripelalbum herausbringen. Das hat im Jazz zuletzt Kamasi Washington gewagt, und das Echo war gewaltig. Vielleicht will Scott hinter ihm einfach nicht zurückstehen. Aber man zweifelt auch nicht, dass er genügend zu sagen hat. Das Konzert in der Linse hat's bewiesen- hier hat er fast nur unveröffentlichtes Material gespielt, das 2017 veröffentlicht werden soll.