Der Tag hätte wohl nicht besser gewählt werden können, der Ort auch nicht. Am gestrigen 11. November, am Namenstag des heiligen Martin, wurde das neue Buch "Martin von Tours – Leitfigur für ein humanes Europa und die Zukunft des Christentums" im Martinus-Klostercafé in Weingarten vorgestellt. Präsentiert wurde das 248 Seiten starke Werk von Bischof Gebhard Fürst, der zu den Autoren gehört, und von Gertrud Widmann vom Schwabenverlag. Mit der Buchvorstellung wurde auch das Martinsjahr beschlossen, in dem die Diözese Rottenburg-Stuttgart das 1700. Geburtsjahr Martins mit vielen Veranstaltungen beging.

Bischof Fürst betonte in seiner Ansprache: "Der Titel des Buches ist so brandaktuell wie die Frage nach der Bedeutung der christlichen Religion für die Zukunft Europas selbst." Gerade in jüngster Zeit werde ein verstärktes Interesse an Religion in Europa laut. Das hänge einerseits mit der aktuellen Auseinandersetzung mit dem Islam zusammen. Mit einem Mal stünden auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen fundamentale kulturelle Normen und Werte der Gesellschaft in der Diskussion. Andererseits werde die Vokabel "christliche Werte" gern von denjenigen verwendet, die das sogenannte "christliche Abendland" im liebsten durch Mauern und Zäune vor Zuwanderung schützen würden. Gebhard Fürst erklärte: "Übersteigertes Nationalbewusstsein oder engstirniger Nationalismus stehen jedoch der jesuanischen Botschaft von Nächstenliebe und Barmherzigkeit und seinem Blick für die Schwachen und Ausgegrenzten entgegen."

Das jetzt erschienene Buch dokumentiert mit zahlreichen Farbbildern einen Martinus-Kongress vom Oktober 2013 an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Weingarten. Im Rahmen dieser Tagung hatte der Bischof bekannt gegeben, das Kloster Weingarten für Flüchtlinge zu öffnen. Neben Fürst gehören mit Theologieprofessor Walter Fürst, Theologin und Politikerin Annette Schavan, Kunstexperte Wolfgang Urban und Brauchtumsprofessor Werner Mezger weitere Fachleute verschiedener Disziplinen zu den Autoren.

Martin von Tours gehört zu den wichtigsten Glaubenszeugen Europas. Als Leitfigur der Evangelisierung sei er insbesondere in einer säkularen pluralistischen Gesellschaft von Interesse und eine "Ikone solidarischer Nächstenliebe", schreibt etwa Walter Fürst in seinem Beitrag. Für Werner Metzger ist der heilige Martin "einer der Väter des christlichen Abendlandes" – nicht zuletzt hinsichtlich des reichen Brauchtums um das Martinsfest, allen voran die Laternenumzüge und Martinsspiele. Wolfgang Urban lenkt in seiner "Übersicht über das Martinsbild in der Kunst des Abendlandes" den Blick auf Skulpturen und Gemälde, in denen – im Bettler, im Bedürftigen, im Notleidenden – das Bild das Anderen, letztlich aber auch das Antlitz Gottes erscheine. Margit Eckholt, Ursula Nothelle-Wildfeuer und andere erörtern die Gestalt von Martin von Tours als pastoralen Impulsgeber und seine zweite "Karriere" als Asket, Begründer des Mönchtums und Bischof. Annette Schavan, deutsche Botschafterin im Vatikan, geht schließlich der Frage nach, warum gerade Martin als Leitfigur für ein modernes Europa dienen kann.


 

Zu Person und Buch

  • Der Heilige: Martin von Tours wurde vor 1700 Jahren im heutigen ungarischen Szombathely geboren. Nach dem Willen seines Vaters schlug er eine Militärlaufbahn ein. Vor einer großen Schlacht verweigerte er die Teilnahme und bat um die Entlassung aus dem Militärdienst, was ihm erst im Alter von 40 Jahren bewilligt wurde. Er errichtete 361 das erste Kloster des Abendlandes. Im Jahr 372 wurde er zum Bischof von Tours in Frankreich geweiht. Martin starb 397 und wurde am 11. November beigesetzt.
  • Das Martinsjahr: Das Martinsjahr, das vor allem in Ungarn und Frankreich, aber auch in Deutschland und anderen Ländern begangen wurde, erinnerte an die Geburt des Heiligen. Während des Martinsjahres fanden in der württembergischen Diözese neben Gottesdiensten und Wallfahrten auch Ausstellungen, Vorträge, Konzerte und Tagungen statt.
  • Das Buch: Martin von Tours – Leitfigur für ein humanes Europa und die Zukunft des Christentums in Europa. Beiträge von Martin Eckholt, Gebhard Fürst, Walter Fürst, Martin Heinzelmann, Werner Mezger, Ursula Nothelle-Wildfeuer, Annette Schavan, Róza Maria Gräfin von Thun und Hohenstein und Wolfgang Urban. 248 Seiten, durchgehend vierfarbig mit zahlreichen Abbildungen. Schwabenverlag Ostfildern, Hardcover, 25 Euro.