Es war ein Anblick, den man nicht so schnell vergisst: In Mühlhofen flog ein Storch auffällig niedrig über die Aach. Plötzlich war ein knisterndes Geräusch zu hören. Etwa drei Meter über dem Boden waren Funken und Blitze zu sehen. Es ging rasend schnell, dann stand der Storch auf dem Gehweg und dampfte regelrecht.

Was war passiert? Der Vogel hatte ganz offensichtlich die doppelte Hochspannungsleitung gestreift und einen heftigen Stromschlag abbekommen. Dennoch stand er sichtlich mitgenommen, aber lebendig auf dem Gehweg.

Nach ein paar Runden wieder auf dem Schornstein

Das Tier erholte sich erstaunlich schnell. Etwas orientierungslos startete er bald schon wieder und kam auch erfolgreich in die Luft. Nach ein paar Runden erreichte er sein Ziel auf dem Schornstein der ehemaligen Fabrik auf etwa 30 Metern Höhe. Dort hatte er die Zeit und Ruhe, sich von diesem Schock zu erholen.

„Bemerkenswert, dass er Stromschlag überlebt hat“

„Es ist bemerkenswert, dass er diesen Stromschlag überlebt hat“, sagt Sylvia Altheimer, die Storchenbeauftragte am Affenberg Salem. „Es ist tatsächlich die mit Abstand häufigste Todesursache bei Störchen.“ Das Mühlhofer Exemplar muss aber ein besonders Zähes sein. Wie der Stromschlag zustande kam, darüber kann nur spekuliert werden. Vielleicht sei das Gefieder feucht gewesen, sodass dadurch der Funke übergesprungen sei.

Die Storchenbeauftragte am Affenberg Salem, Sylvia Altheimer, bei einer Beringungsaktion, bei der die Schnäbel der Jungtiere gesäubert werden. Entstanden ist das Bild Ende März.
Die Storchenbeauftragte am Affenberg Salem, Sylvia Altheimer, bei einer Beringungsaktion, bei der die Schnäbel der Jungtiere gesäubert werden. Entstanden ist das Bild Ende März. | Bild: Jäckle, Reiner

Die Erholungsphase des Storches dauerte nicht lange. Er hatte auch keine große Zeit dazu, denn er hat eine wichtige Aufgabe zu erfüllen: Mittlerweils sind bei dem Storchenpaar auf dem Schornstein alle Küken geschlüpft – es sind fünf. Allerdings ist es ungewiss, dass alle überleben werden.

Oft bleibt das schwächste Küken auf der Strecke

„Es kommt häufig vor, dass es das jüngste nicht schafft“, berichtet Sylvia Altheimer. „Bislang sind die Voraussetzungen aber optimal.“ Allerdings müssen viele Faktoren zusammenkommen, damit alle überleben. Häufig sei es so, dass die Eltern schlichtweg nicht genügend Futter für alle Küken fänden. Dann bleibt das kleinste und schwächste auf der Strecke – und das ist in der Regel das zuletzt geschlüpfte.

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Aktuell fliegen die Elternteile im Wechsel los und versorgen den Nachwuchs mit Futter. Der Storch, der den Stromschlag abbekommen hat, scheint tatsächlich unverletzt zu sein. An seinem Gefieder und seinem Körper ist nichts zu sehen. Außerdem fliegt er völlig unauffällig und beteiligt sich ganz normal an der Futtersuche. Es war also eine dramatische Szene mit einem Happy End.

Das Storchenpaar auf dem Mühlhofer Schornstein. Die Elterntiere kümmern sich gemeinsam um den Nachwuchs.
Das Storchenpaar auf dem Mühlhofer Schornstein. Die Elterntiere kümmern sich gemeinsam um den Nachwuchs. | Bild: Jäckle, Reiner