Es sind insbesondere Arzneimittel, andere medizinische Produkte und Pflanzenschutzmittel, die den Kläranlagen bei der Abwasserreinigung immer größeres Kopfzerbrechen bereiten. Umso mehr, wenn das gereinigte Wasser am Ende in einen See fließt, der nicht nur Badespaß verspricht, sondern als Trinkwasserreservoir für mehr als vier Millionen Menschen in Baden-Württemberg dient. Über 7 Millionen Euro investiert der Abwasserzweckverband Überlinger See daher in eine vierte Reinigungsstufe in seinem Klärwerk in Seefelden. Dem 1966 gegründeten Verband gehören neben Überlingen auch Uhldingen-Mühlhofen, Meersburg, Daisendorf und Owingen an. Am Montag beschloss die Verbandsversammlung ihren Haushalt für die kommenden beiden Jahre, eine Darlehensaufnahme in Höhe von 2,8 Millionen Euro inklusive.

Das Klärwerk Seefelden aus der Vogelperspektive: Oben links befindet sich die mechanische Klärstufe und unten links sind die Belebtschlammbecken zur Entfernung des Nitrats zu erkennen. Auf der Wiese neben dem runden Absetzbecken zur Phosphatfällung kann die vierte Reinigungsstufe gebaut werden – mit Ozonierung und anschließender Aktivkohlefiltration.
Das Klärwerk Seefelden aus der Vogelperspektive: Oben links befindet sich die mechanische Klärstufe und unten links sind die Belebtschlammbecken zur Entfernung des Nitrats zu erkennen. Auf der Wiese neben dem runden Absetzbecken zur Phosphatfällung kann die vierte Reinigungsstufe gebaut werden – mit Ozonierung und anschließender Aktivkohlefiltration. | Bild: Abwasserzweckverband

Vor drei Jahren noch 3,5 Millionen Euro geschätzt

Beim Baubeschluss vor drei Jahren hatte der Verband die Kosten für eine vierte Reinigungsstufe auf rund 3,5 Millionen Euro geschätzt. Inzwischen werden es aufgrund einer technischen Erweiterung und der allgemeinen Kostensteigerungen mehr als doppelt soviel werden. Nicht gestiegen ist der Zuschuss des Landes, das die Maßnahme mit 1,4 Millionen Euro fördert. Doch das Gros der Kosten bleibt mit 6 Millionen Euro am Verband und seinen Mitgliedern hängen. Deren Kämmerer haben sich in der aktuell schwierigen Haushaltslage darauf verständig, dass die Finanzierung nicht über aktuelle Umlagen, sondern über eine Darlehensaufnahme des Verbands geregelt werden soll. Die ist im Etat ausgewiesen.

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Inbetriebnahme voraussichtlich 2023

Auch die Realisierung des Bauwerks, das von der Gemeinde Uhldingen-Mühlhofen genehmigt wurde, kommt nun etwas später als geplant. Im März werden die Bagger anrücken. Im Jahr 2023 soll die Technik in Betrieb genommen werden. Dazu entsteht auf der derzeitigen Wiese östlich des Nachklärbeckens der dritten Stufe ein neues Gebäude, in dem eine Ozonierungsanlage und das anschließende Filtersystem mit Aktivkohlegranulat untergebracht werden. Zur Optimierung der Nachbehandlung hatte der Zweckverband 2018 in Zusammenarbeit mit dem Institut für Siedlungswasserwirtschaft der Universität Stuttgart und der Ingenieurberatung für Abwassertechnik GmbH aus Stuttgart eine Versuchsreihe durchgeführt, die zu der jetzigen Lösung geführt hatte. Das Stuttgarter Büro hat mit zwei weiteren Spezialisten nun auch die Planung entwickelt.

Auf dieser Wiese wird der Neubau für die vierte Reinigungsstufe entstehen, die mehr als 7 Millionen Euro kosten wird. Reinhold Dillmann und seine Mitarbeiter überwachen die Anlage.
Auf dieser Wiese wird der Neubau für die vierte Reinigungsstufe entstehen, die mehr als 7 Millionen Euro kosten wird. Reinhold Dillmann und seine Mitarbeiter überwachen die Anlage. | Bild: Hanspeter Walter

Nachbehandlungstechnik setzt neuen Standard

„Damit verfügen alle Kläranlagen im Regierungsbezirk Tübingen, die direkt in den Bodensee einleiten, in absehbarer Zeit über die modernste und hochwertigste Abwasserbeseitigung“, kommentierte Umweltminister Franz Untersteller jetzt den Förderbescheid. Bei den Kläranlagen Kressbronn-Langenargen und Eriskirch sei die vierte Reinigungsstufe bereits in Betrieb, in Friedrichshafen im Bau sowie in Immenstaad und Uhldingen-Mühlhofen in der Planung. Wobei der Abwasserzweckverband Überlinger See mit seiner Nachbehandlungstechnik einen neuen Standard setzt, wie Christian Stüble, der technische Leiter betont. Vor Ort ist Reinhold Dillmann mit einem halben Dutzend Mitarbeiter für den Betrieb verantwortlich. „Mit der technischen Erweiterung kommen in den nächsten Jahren noch einige Herausforderungen auf uns zu“, sagt Dillmann, der seit 27 Jahren hier tätig ist.

80 Prozent der Spurenstoffe werden entfernt

„Mit der vierten Reinigungsstufe lassen sich Rückstände von Arzneimitteln, Hormonen und anderen Stoffen herausfiltern“, erläutert der Umweltminister: „Wir sind da bundesweit Vorbild und tun auf diese Weise sehr viel, um den ökologischen Lebensraum der Gewässer zu erhalten und zu stärken, was besonders auch am Bodensee von herausragender Bedeutung ist. In dieser technischen Größenordnung sei eine vierte Reinigungsstufe im Land bisher noch nicht realisiert worden. „Damit werden künftig rund 80 Prozent der Spurenstoffe aus dem Abwasser der Kläranlagen, die im Bodenseekreis direkt in den Bodensee einleiten, entfernt“, lobt der Umweltminister.

Reinigungsstufen des Abwassers

  • Der „­Zweckverband Abwasserbeseitigung Überlinger See“ wurde im Jahr 1966 gegründet. Von Anfang an Mitglieder waren Überlingen, Meersburg, Nußdorf, Daisendorf, Hödingen,?Oberuhldingen, Unteruhldingen und Mühlhofen. Mehrere Jahre lang dauerte die Grundstückssuche, 1970 begann die Planung des Klärwerks in Seefelden. Baubeginn war im Jahr 1973. In diesem Jahr wurden auch Bambergen, Deisendorf, Owingen und Stetten als neue Verbandsmitglieder aufgenommen. 1974 ging das Klärwerk in Betrieb, die Baukosten summierten sich auf rund 48,5 Millionen DM. Wichtig wurde später die insbesondere die Ausfällung des Phosphats, das Ende der 1970er Jahre mit nahezu 100 mg pro Kubikmeter Seewasser seinen Höchststand erreichte und für eine Überdüngung des Sees sorgte. Inzwischen ist der Gehalt wieder auf rund 6 Milligramm – den Wert der 1950er Jahre – zurückgegangen. Das Klärwerk hat eine Kapazität von 70 000 Einwohnergleichwerten, ein Begriff unter dem auch die gewerblichen Abwässer subsummiert werden. Deshalb liegt diese Summe deutlich über der Zahl der Menschen, die im Einzugsgebiet leben.
  • Bislang verfügt das Klärwerk über drei Reinigungsstufen. Im ersten Schritt werden mechanische Inhaltsstoffe herausgefischt, dann erfolgt ein mikrobiologischer Abbau von organischen Substanzen und schließlich eine chemische Fällung von Phosphaten, die als Nährstoffe unter anderem zu einem starken Algenwachstum führen können – wie in den 1970er Jahren. Die neue vierte Klärstufe zielt insbesondere auf die wachsende Menge an medizinischen Substanzen, die sich bisher teilweise unverändert anreichern. Auch wenn sie in aktuellen Konzentrationen nach derzeitigen Erkenntnissen keine physiologische Wirkung entfalten, sollen sie künftig durch eine Ozonierung zerstört und über Aktivkohlefilter gebunden werden. Arzneimittelrückstände können auf verschiedene Wege in das Abwasser gelangen. Unter anderem über die Ausscheidung des Menschen, zum anderen durch direkte „Entsorgung“ von Tabletten oder flüssigen Medikamenten über die Toilette. Nach Erhebungen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung tut dies jeder siebte Bundesbürger mit übrig gebliebenen Tabletten, jeder zweite mit flüssigen Medikamenten. (hpw)