Solch ein Zyklusschema findet man im Biologieunterricht wohl selten: Das Modell von Simone Oesterle und Anja Wetzel ist bis ins kleinste Detail durchdacht und in liebevoller Handarbeit erstellt. Im goldenen Rahmen vereinen sich die körperlichen und hormonellen Vorgänge des weiblichen Zyklus mit den einhergehenden Stimmungen und Bedürfnissen.

Jeder Gegenstand der Zyklus-Collage hat eine symbolische Bedeutung – vom Schneckenhaus, in das sich so manche Frau während der Monatsblutung gern zurückziehen möchte, bis zum Schlüssel, der für den verschlossenen Muttermund nach der fruchtbaren Phase steht.

Anja Wetzel erklärt das Zyklusmodell, das sie und Simone Oesterle selbst angefertigt haben: Sie zeigt auf das reichhaltige Büfett, welches den Spermien in der fruchtbaren, grün dargestellten Phase durch den flüssiger werdenden Zervixschleim bereitet wird. Um den symbolischen Brunnen herum flattern die FSH-Schmetterlinge – das follikelstimulierende Hormon bewirkt mit den „Östrogen-Herzen“ die Reifung der Eizelle. Nach dem Eisprung folgt eine trockene, gelb gestaltete Phase, das Scheidenmilieu wird saurer – hier durch Zitronen symbolisiert – und der Muttermund verschließt sich.
Anja Wetzel erklärt das Zyklusmodell, das sie und Simone Oesterle selbst angefertigt haben: Sie zeigt auf das reichhaltige Büfett, welches den Spermien in der fruchtbaren, grün dargestellten Phase durch den flüssiger werdenden Zervixschleim bereitet wird. Um den symbolischen Brunnen herum flattern die FSH-Schmetterlinge – das follikelstimulierende Hormon bewirkt mit den „Östrogen-Herzen“ die Reifung der Eizelle. Nach dem Eisprung folgt eine trockene, gelb gestaltete Phase, das Scheidenmilieu wird saurer – hier durch Zitronen symbolisiert – und der Muttermund verschließt sich. | Bild: Miriam Altmann

Im spielerischen Umgang mit dem eigenen Zyklus sollen Zusammenhänge auch im wörtlichen Sinn greifbarer werden: „Wir bieten eine altersgerechte, emotional berührende und auf dem aktuellen Wissensstand basierende Aufklärung“, sagt Anja Wetzel. Die 41-jährige Hebamme bietet den Mädchenjahreskurs mit Simone Oesterle ab April im Familientreff Kunter-Bund in Uhldingen-Mühlhofen an.

Sensible Themen im geschützten Raum

Die 36-jährige Sozialarbeiterin Simone Oesterle ergänzt, dass neben dem medizinischen Wissen das kreative Arbeiten mit Materialien wie Stoff, Ton, Wolle oder Papier im Vordergrund stehe. Im geschützten, bewertungsfreien Raum und einer festen Gruppe werden Themen wie Sexualität, Fruchtbarkeitsregelung, Schwangerschaft und Geburt anschaulich aufbereitet. Dabei soll das Bewusstsein für den eigenen Körper und für die persönliche Individualität gestärkt werden: „In den Medien sieht man immer das Makellose, Perfekte. Es ist aber ganz natürlich, dass wir unterschiedlich sind“, erklärt Simone Oesterle.

Die wichtigsten Unterschiede auf einen Blick: Anja Wetzel und Simone Oesterle haben in liebevoller Handarbeit Modelle der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane genäht. Oben im Bild sieht man die Außenansicht, darunter zeigt sich nach dem Aufklappen der Organaufbau.
Die wichtigsten Unterschiede auf einen Blick: Anja Wetzel und Simone Oesterle haben in liebevoller Handarbeit Modelle der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane genäht. Oben im Bild sieht man die Außenansicht, darunter zeigt sich nach dem Aufklappen der Organaufbau. | Bild: Miriam Altmann

Mädchen sollen Vorgänge im Körper als normal anerkennen

Beiden Frauen ist es wichtig, dass die Mädchen die Vorgänge in ihrem Körper als normal anerkennen. „Es ist uns eine Herzensangelegenheit, Mädchen zu stärken“, betont Anja Wetzel, die auch an Schulen geht, um über diese Themen aufzuklären. Diese Aufklärungsmöglichkeit schätzt die Hebamme und Zyklusberaterin, doch bedeute sie viel Information in kurzer Zeit. Zu ihrer Kollegin gewandt, bekräftigt Anja Wetzel: „Wir genießen die Zeit, die wir haben, um auch auf die Mädchen einzugehen.“ So möchten sie diese bestärken, ihren eigenen Weg zu finden und das, was ihnen persönlich gut tue.

Hebamme Anja Wetzel ist auch Zyklusberaterin und mit viel Leidenschaft bei der Sache: „Es ist uns eine Herzensangelegenheit, Mädchen zu stärken“, sagt sie.
Hebamme Anja Wetzel ist auch Zyklusberaterin und mit viel Leidenschaft bei der Sache: „Es ist uns eine Herzensangelegenheit, Mädchen zu stärken“, sagt sie. | Bild: Miriam Altmann

Wissensvermittlung auch für Eltern

Die Kursleiterinnen haben jeweils zwei Töchter, über die sie sich kennengelernt haben. Schnell merkten sie, dass sie für dieselben Themen brennen, woraus im letzten Jahr der erste Mädchenjahreskurs entstand. Sieben 12- bis 13-Jährige aus Uhldingen-Mühlhofen und Umgebung nahmen teil – das Feedback der Mädchen und deren Eltern war durchweg positiv und auch die Mütter hätten noch etwas gelernt. Ein Ziel sei somit auch, dass das Wissen auch zuhause ankomme. Persönliches bleibe jedoch im geschützten Rahmen im Kurs.

Unterstützung durch Soroptimistinnen

Den Wert dieses Angebots erkannten die Frauen der Organisation Soroptimist International, der Serviceclub engagiert sich auch für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen und Mädchen. Die Überlinger Soroptimistinnen unterstützten den Kurs finanziell, nachdem Wetzel und Oesterle bereits viel Zeit und Materialkosten investiert hatten: „Es ist toll, dass wir nun auch eine finanzielle Anerkennung bekommen“, freut sich Simone Oesterle.

Sozialarbeiterin Simone Oesterle präsentiert neben verschiedenen Modellen ein Schätzspiel: Welche Blutmenge verliert eine Frau im Laufe einer Menstruationsphase – würde sie gesammelt ein Schnapsglas, ein Sektglas oder ein Wasserglas füllen? Die Lösung liegt in der Mitte, 80 Milliliter sind es im Durchschnitt.
Sozialarbeiterin Simone Oesterle präsentiert neben verschiedenen Modellen ein Schätzspiel: Welche Blutmenge verliert eine Frau im Laufe einer Menstruationsphase – würde sie gesammelt ein Schnapsglas, ein Sektglas oder ein Wasserglas füllen? Die Lösung liegt in der Mitte, 80 Milliliter sind es im Durchschnitt. | Bild: Miriam Altmann

Nächster Kurs unter Pandemiebedingungen

Die Pandemie ging jedoch nicht spurlos an dem Angebot vorbei: „Coronabedingt mussten wir Termine zusammenlegen oder nach draußen auslagern“, berichtet Simone Oesterle von den Auswirkungen auf den zurückliegenden Kurs. Auch der diesjährige Kurs hätte bereits im Februar starten sollen und ist nun für April anvisiert: „Sobald der Familientreff öffnet, wird gestartet“, sagt die Sozialarbeiterin, die seit 2019 dort arbeitet. Dabei werden alle Abstands- und Hygieneregeln eingehalten und im Sommer werde nach Möglichkeit viel draußen stattfinden. Platz wäre für maximal 14 Teilnehmerinnen, bei mehr Interessentinnen wäre vielleicht ein zweiter Kurs möglich.

Noch kein vergleichbares Angebot für Jungen

Ein vergleichbares Angebot für Jungen fehlt jedoch bisher: „Wir sehen da einen Bedarf“, bestätigt Simone Oesterle. Auch Jungen müssten sich an der Schwelle zum Erwachsenwerden mit ihrem Männerbild auseinandersetzen und seien beispielsweise zunehmend von Essstörungen betroffen. Es sei laut der Sozialarbeiterin jedoch sinnvoll, wenn solch ein Angebot von einem Mann komme, da somit für die Jungen die Identifikation leichter falle und die Hemmschwelle niedriger sei. „Wir würden uns wünschen, dass es das Pendant zu uns gibt“, sagt die 36-Jährige.