Schuhe, Hüte, Taschen, Gefäße und vieles Weiteres: Dorothee Olthof hat im Pfahlbaumuseum eine Auswahl an Alltagsgegenständen ausgelegt, die anhand von Funden an Pfahlbausiedlungen rekonstruiert wurden oder diesen ähneln. Vieles davon hat sie selbst hergestellt oder zusammengetragen. Olthof ist Archäologin, die sich hauptsächlich mit der experimentellen Archäologie beschäftigt. „Ich grabe nicht mehr“, sagt die Holländerin lachend. Stattdessen erprobt sie, wie die Menschen wohl einst ihre Sachen herstellten. Vorlage sind dabei die Originalfunde oder oft nur Fotografien derselben, um während der Pandemie Kontaktbeschränkungen einzuhalten.

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Vor allem in Holland, aber auch in der ganzen Welt vermittelt Olthof die Techniken weiter. „Ich war schon mal in Korea und Moskau“, berichtet die Archäologin. Auf dem Parkour zwischen den Pfahlbauten zeigt sie, wie in der Jungsteinzeit Lindenbast genutzt wurde, um Schnüre herzustellen. Aus den Schnüren entstanden beispielsweise Schuhe.

Peter Walter, Archäologe im Pfahlbaumuseum, hält ein offenes und ein geschlossenes Modell in Händen. Ersteres entstand nach Funden bei Sipplingen und Allensbach, Letzteres nach Funden in der Schweiz. Nahe Zug wurden auf einen Schlag 40 Entdeckungen gemacht. „Das sind Dinge, die weit verbreitet waren, weil sie funktional waren“, sagt der Archäologe. Und: „Es gab durchaus Trends.“ Das könne man zum Beispiel anhand der Verzierungen auf Keramiken nachvollziehen. Unter anderem Händler hätten das Wissen verbreitet, erklärt Walter.

Bei den Besuchen der Experimentalarchäologen im Pfahlbaumuseum geht es nicht um Versuche, sondern Wissensvermittlung.
Bei den Besuchen der Experimentalarchäologen im Pfahlbaumuseum geht es nicht um Versuche, sondern Wissensvermittlung. | Bild: Santini, Jenna

Zur selben Zeit mit denselben Rohstoffen konfrontiert

Doch einiges fand auch gleichzeitig statt. „Die Flechttechniken, die wir aus der Steinzeit kennen, können wir überall finden“, sagt Dorothee Olthof. Ihr zufolge liegt das daran, dass die Menschen zur selben Zeit mit denselben Rohstoffen konfrontiert waren. Die Schweizer Schuhe gehen auf ein Vorbild zurück, das 5000 Jahre alt ist.

Sie schließen um den Fuß und haben ein Sohlenprofil. Dieses kam als letztes dran und konnte wieder entfernt werden. Olthof vermutet daher, dass das Profil eventuell erneuert wurde und die Schuhe nicht so schnell kaputt waren. Wie lange solch ein Paar Schuhe hielt? Olthof kann nur Thesen basierend auf eigenen Versuchen entwickeln. Noch hat sie den zweiten Schuh nicht beendet. „Wenn er fertig ist, werde ich es ausprobieren“, verspricht die Holländerin, „auf natürlichen weichen Böden im Wald.“ Denn viele interessiert genau diese Frage.

Davide Radivo aus Reuberg trägt eine komplexe Kopfbedeckung aus mehreren Schichten Material. Rekonstruiert wurde sie nach einem Fund im ...
Davide Radivo aus Reuberg trägt eine komplexe Kopfbedeckung aus mehreren Schichten Material. Rekonstruiert wurde sie nach einem Fund im Steinzeitdorf Pestenacker. | Bild: Santini, Jenna

Olthof: „Menschen wollten schon immer schön sein“

Die Fußbekleidung nach Sipplinger Vorbild schnürt sich Dorothee Olthof um den Fuß. Sie kann sich vorstellen, dass die Füße doch komplett bedeckt wurden, wenn die Pfahlbauer mal Schuhe trugen. In der Regel handelt es sich um Fragmente, die die Taucharchäologen finden, und nach denen die Experimentalarchäologen arbeiten. Leider sind die Originalfunde meist im Zehenraum kaputt.

Der Übergang von den Zehen zum Fußrücken lässt sich also nicht ohne Weiteres nachvollziehen. Daher müssen sich die Archäologen dem tatsächlichen Objekt allmählich nähern. Olthof macht das seit 15 Jahren auf selbstständiger Basis, davor in einer Einrichtung ähnlich dem Pfahlbaumuseum – und freilich nicht nur mit Schuhen. Ebenfalls schreibt sie über ihre Arbeit. Ob die Menschen damals modisch waren? Olthof antwortet: „Die Menschen wollten schon immer schön sein. Die ältesten Perlen sind 100.000 Jahre alt.“ Es geht um durchbohrte Muscheln aus Afrika.

Dorothee Olthof schnürt sich ein Modell nach Sipplinger Vorbild um den Fuß. Wie die Pfahlbauer das zu ihrer Zeit vermutlich machten, ...
Dorothee Olthof schnürt sich ein Modell nach Sipplinger Vorbild um den Fuß. Wie die Pfahlbauer das zu ihrer Zeit vermutlich machten, kann Olthof nur erproben. | Bild: Santini, Jenna

Archäologe Peter Walter bedauert, dass Selbstständige wie Dorothee Olthof sich in der Pandemie auch umorientieren mussten, als Kontakt wie bei den Darbietungen im Pfahlbaumuseum unmöglich war. Er findet: „Es ist sehr spannend herauszufinden, wie man vom Rohstoff zum fertigen Produkt kommt. Das verrät das Stück nicht.“ Laut Walter wird in den Versuchen viel gemessen und dokumentiert.

Vor den Besuchern steht dann die Wissensvermittlung im Vordergrund. Vom 15. bis 21. August ist ein Fachmann zu Gast, der die Bearbeitung von Holz und Knochen demonstriert. Walter betont die Bewahrung von Handwerkskunst. Eine Liste bedrohter Handwerke fände er wichtig. „Vonseiten der Kulturschützer könnte eigentlich auch da etwas gemacht werden“, sagt der Archäologe.

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