Er unternimmt jedes Jahr Busreisen, er verfolgt das politische Geschehen und packt in seinem Haushalt in der Oberuhldinger Straße „Im Sieble“ immer noch an: Kaum zu glauben, dass Hellmuth Gawron jetzt seinen 105. Geburtstag feierte. „Ich bin zufrieden und muss es auch sein“, sagt der Jubilar. Bürgermeister Dominik Männle gratulierte dem ältesten Bürger von Uhldingen-Mühlhofen zum Geburtstag.

Hellmuth Gawron wuchs in der oberschlesischen Stadt Ratibor im heutigen Polen auf, besuchte das Gymnasium, das er jedoch nach einigen Jahren verlassen musste, da seine Eltern das Schulgeld nicht mehr aufbringen konnten. Nach seiner Lehre zum Industriekaufmann bewarb er sich bei einigen größeren Firmen, musste aber erst seinen Wehrdienst ableisten.

Nach dem Krieg vier Jahre in Gefangenschaft

Am 1. September 1939 erhielt er seinen Marschbefehl nach Polen, es folgten Einsätze an der West- und Ostfront im Zweiten Weltkrieg. Im April 1940 heiratete er seine Frau Ruth. In Berlin geriet er schließlich in vierjährige russische Gefangenschaft, „die schlimmste Zeit meines Lebens“, erinnert sich Hellmuth Gawron. Seinerzeit musste er mit einer „Stalintorte“ vorliebnehmen: Dreimal täglich gab es eine Art Krautsuppe, dazu Kommissbrot, was aber aufgrund fehlender Messer nicht geschnitten werden konnte.

1949 feiert er großes Wiedersehen mit Frau und Sohn

1949 kam Hellmuth Gawron im rheinländischen Marienheide an, wohin es seine Frau Ruth und seinen Sohn Sigurd verschlagen hatte – dort feierte die Familie ein großes Wiedersehen. Der Kriegsheimkehrer kannte seinen Sohn nur von Fotos, bei der letzten Begegnung war Sigurd erst 14 Monate alt gewesen, jetzt ging er das erste Jahr zur Schule. Über Lüdenscheid und Nassau an der Lahn gelangte die Familie nach Konstanz, wo Gawron zunächst in einem kleinen Betrieb arbeitete, bevor er im September 1965 das Finanzressort der Neurologischen Kliniken Dr. Schmieder in Gailingen übernahm. Zuletzt war er als Leiter der Finanzabteilung tätig.

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Mit dem Rollator geht er zum Supermarkt

Als Hellmuth Gawron 1980 in den Ruhestand trat, zog er mit seiner Frau nach Oberuhldingen. Im Jahr 2005 starb seine Frau, seither lebt er allein, immer wieder umsorgt auch von seinem 250 Kilometer entfernt lebenden Enkel Olaf und dessen Familie sowie von Freunden und hilfsbereiten Nachbarn. Die Strecke zum rund 300 Meter entfernten Supermarkt bewältigt der Senior per Rollator nach wie vor allein.

Bis zum Alter von 95 Jahren fuhr der Jubilar noch Auto

Täglich schaut der Sozialdienst nach Hellmuth Gawron – wenn er zuhause ist. Denn das Reisen macht ihm nach wie vor große Freude. Inzwischen verreist er per Bus, bis ins Alter von 95 Jahren hatte er noch selbst am Steuer seines Autos gesessen. Bis er nach einem leichten, selbst verschuldeten Unfall, bei dem er für den kaputten Außenspiegel am anderen Fahrzeug über 1000 Euro zahlen musste, zum Entschluss kam, nicht mehr selbst zu fahren.

Hellmuth Gawron mit seinem Enkel Olaf vor vier Jahren.
Hellmuth Gawron mit seinem Enkel Olaf vor vier Jahren. | Bild: privat

Zehn Fotoalben mit je 300 Bildern zeugen von seinen Reisen

Erst im Mai dieses Jahres war der Jubilar mit der Kriegsgräberfürsorge mehrere Tage am Gardasee, vor Corona besuchte er im Frühjahr regelmäßig Portugal, freilich mit Begleitung, wie er erklärt. „Die steht mir laut meinem Behindertenausweis auch zu“, erzählt er. Gemeinsam mit seiner Begleitung hat er in den zurückliegenden zehn Jahren nicht weniger als 33 Reisen unternommen. Zehn dicke Fotoalben mit jeweils 300 Bildern zeugen davon. Im Mai kommenden Jahres will Hellmuth Gawron mit der Kriegsgräberfürsorge nach Tschechien reisen.

Schlagfertig ist er immer noch. Als ihm sein Hausarzt alles Gute und viel Gesundheit wünscht, kontert der 105-Jährige: „Danke, aber dafür sind Sie ja zuständig.“ Und sein Geheimnis für ein so langes Leben? Solide leben, nicht rauchen und wenig trinken, immer wissbegierig sein und – natürlich – immer wieder reisen.