Die Erlösung kam Anfang Januar 2021. Cordula Eisele aus Mühlhofen hatte keine Lust mehr, sich zu verstecken. Der psychische Druck war einfach zu groß geworden. Die 40-Jährige leidet unter Kreisrundem Haarausfall, im Fachjargon auch Alopecia Areata genannt. Zu diesem Zeitpunkt waren die kahlen Stellen durch Haarausfall auf dem Kopf kaum noch zu verstecken.

Sie ging also zum Nachbarn, lieh sich den Langhaar-Rasierer aus und ließ sich von ihrem Mann den Kopf rasieren. „Es war wirklich wie eine Erlösung“, erzählt sie heute. „Ich kann mich noch ganz genau erinnern: Ich habe die Haare auf dem Boden liegen sehen, bin aufgestanden, habe in den Spiegel geschaut und war von jetzt auf nachher jemand anderer.“ Ein monatelanger Spießrutenlauf lag zu diesem Zeitpunkt hinter der Mutter. „Ich werde das Gefühl nie vergessen“, sagt sie. „Ich war plötzlich wieder frei. Ich konnte endlich wieder atmen.“

Ohrfeige wegen Witzen über Jada Pinkett Smith

Aktuell ist das Leiden in aller Munde. Der Grund ist die schallende Ohrfeige von Will Smith im Rahmen der Oscarverleihung, nachdem sich der Moderator und Comedian Chris Rock über die Glatze der Frau von Smith amüsiert hatte. Was der Moderator zu diesem Zeitpunkt angeblich nicht wusste: Jada Pinkett Smith hat ebenfalls Kreisrunden Haarausfall. Cordula Eisele kann die Reaktion des Schauspielers und Oscar-Gewinners völlig nachvollziehen: „Ich wäre wahrscheinlich selbst aufgestanden und hätte ihn zurechtgewiesen“, sagt sie. „Klar, man muss ja nicht gleich zuschlagen, aber Chris Rock hat keine Ahnung, was er psychisch mit so einem Witz anrichtet.“

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Cordula Eisele: „Es sind nicht nur fehlende Haare“

Die Mühlhoferin weiß, von was sie spricht. „Es sind nicht nur fehlende Haare“, erklärt sie. „Vor allem bei Frauen ist dieses Leiden vor allem eine massive psychische Belastung.“ Auch sie hatte lange damit zu kämpfen. „Es flossen viele Tränen, eimerweise“, sagt sie. Cordula Eisele ist heute vor allem ihrem Ehemann dankbar für die unzähligen Male, die er sie aufgebaut hat. Aber auch ihre Familie und ihr Freundeskreis haben einen großen Anteil daran, dass sie heute ihre Glatze ganz offensiv zeigt und damit lebt.

Erster Haarausfall und Diagnose im Jahr 2013

Es war 2013, als die heute 40-Jährige zum ersten Mal Haare verlor. Damals hatte sie lange Haare – und plötzlich fehlten welche an der Seite. „Ich war beim Hautarzt und habe mich auf jede Menge Dinge untersuchen lassen“, erinnert sie sich. „Letztlich kam dann die Diagnose Kreisrunder Haarausfall.“ Das sei natürlich ein Schock gewesen. Damals war kurz zuvor ihr Vater gestorben. „Ich denke, dass es durchaus einen Zusammenhang geben kann“, spekuliert sie. Allerdings legte sich damals der Haarausfall wieder.

Sieben Jahre später verlor sie aber erneut Haare. „Es war im Sommerurlaub, da entdeckte ich im Spiegel ein Loch oben auf dem Kopf“, sagt sie. „Natürlich bin ich sofort zum Arzt gegangen.“ Nach einigen Blutuntersuchungen bekam sie zu hören, dass sie sich damit abfinden solle, dass ihre Haare sehr wahrscheinlich ausfallen würden. Der Arzt bot zwar an, diesen Prozess mit Cortison zu bekämpfen, das wollte sie aber nicht, weil es selten erfolgreich ist.

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Monatelang versucht, Situation zu verstecken

So nahm das Schicksal seinen Lauf. Das Loch wurde immer größer. „Ich habe es monatelang versucht zu verstecken“, erzählt Cordula Eisele. „Mit Haarbändern, Haarspangen und allem Möglichen ist mir das auch gelungen.“ Aber die psychische Belastung, das Leiden verstecken zu müssen, nahm quasi von Tag zu Tag zu. „Es war die Hölle“, sagt sie heute. „Ich war nur noch mit meinen Haaren beschäftigt.“ Beim Kämmen fielen die Haare teilweise büschelweise aus. Dann kam der Tag der Verwandlung im Januar 2021.

„Natürlich habe ich mich nicht von heute auf morgen mit der Glatze gezeigt“, gesteht die 40-Jährige. „Ich weiß noch, es war mal beim Einkaufen. Ich habe dermaßen unter der Mütze geschwitzt, dass ich sie einfach abgenommen habe.“ Sie war erstaunt, wie wenige sie angestarrt haben. „Da dachte ich mir, dann lass das Ding doch weg“, sagt sie. Seitdem geht sie ganz offensiv mit ihrer Lage um.

Jada Pinkett Smith und ihr Mann Will Smith bei der Oscar-Verleihung. Sie entschied sich ebenfalls aufgrund Kreisrunden Haarausfalls ...
Jada Pinkett Smith und ihr Mann Will Smith bei der Oscar-Verleihung. Sie entschied sich ebenfalls aufgrund Kreisrunden Haarausfalls dazu, Glatze zu tragen. | Bild: Chris Pizzello/Invision/AP/dpa
„Das Geld, das ich jetzt für den Friseur spare, gebe ich eben für Mützen, Brillen und Kleider aus.“
Cordula Eisele

„Es gibt immer wieder Situationen, da werde ich einfach angestarrt“, erzählt sie. „Einige fragen dann, ob ich krank sei.“ Im ersten Moment sagt sie dann: „Nein, warum?“ Sie denkt oft nicht mehr daran, dass sie eine Glatze hat. Doch durch die oft mitleidigen Blicke der Mitmenschen wird sie regelmäßig daran erinnert. „Das ist nicht immer einfach, aber ich habe mich daran gewöhnt“, sagt sie heute selbstbewusst.

Persönlich kennt sie niemanden, der auch Kreisrunden Haarausfall hat. Sie tauscht sich aber sehr viel in den sozialen Netzwerken aus. „Das hat mir auch geholfen“, sagt die Lehrerin. Und die Reaktion ihrer Schülerinnen und Schüler fand sie auch spitze: „Ich habe es ihnen erklärt und sie hatten Verständnis“, sagt sie. „Einige finden es sogar cool, eine Lehrerin mit Glatze zu haben.“

Perücke hätte sie wieder als Verkleiden empfunden

Mittlerweile bekommt sie sogar immer wieder Komplimente, wie sie mit ihrem Leiden umgehe, sagt sie. Und Cordula Eisele sieht es ganz pragmatisch: „Das Geld, das ich jetzt für den Friseur spare, gebe ich eben für Mützen, Brillen und Kleider aus.“ Eine Perücke sei für sie nie ein Thema gewesen: „Dann wäre es ja wieder eine Art Verstecken und Verkleiden gewesen“, erklärt sie. „Genau das wollte ich ja nicht mehr.“ Bis heute muss sie sich jeden Tag mit der Situation arrangieren. „Es ist nicht immer einfach und nicht jeder Tag ist ein guter Tag ohne Haare“, sagt Cordula Eisele und schmunzelt. „Allerdings überlege ich mir auch immer mal wieder, ob ich überhaupt noch Haare auf dem Kopf haben möchte.“

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