Das vergangene Wochenende wird Bernhard Waurick aus Unteruhldingen nicht so schnell vergessen. Zunächst beobachtete er einen Schwan, der mitten auf der Seefelder Straße lief. Anschließend bog das Jungtier auf ein landwirtschaftliches Gelände ab und verirrte sich auf eine Streuobstwiese. „Der Jungschwan war offensichtlich völlig erschöpft und orientierungslos“, erzählt Bernhard Waurick, der neben dem Grundstück wohnt.

Bei einer Windböe fiel der Schwan nach vorn auf seinen Schnabel

Erschreckend sei die Situation gewesen, als der Jungschwan auf der Straße unterwegs war und eine Windböe von hinten kam. „Er fiel einfach nach vorn auf den Schnabel“, berichtet der Ruheständler. „So etwas habe ich noch nie gesehen habe.“ Deshalb sei er dem Wasservogel gefolgt. „Ich habe mich einfach gewundert, warum der Jungschwan in eine Richtung läuft, in der es kein Wasser gibt.“

„Ich habe gemerkt, dass er durch den langen Weg völlig erschöpft war. Deshalb wollte ich unbedingt helfen.“
Bernhard Waurick
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Auf der Streuobstwiese habe er sich dem Tier langsam genähert. „Ich habe gemerkt, dass er durch den langen Weg völlig erschöpft war“, erzählt Waurick. „Deshalb wollte ich unbedingt helfen.“ Der Schwan sei weder aggressiv gewesen noch habe er gefaucht. Als Bernhard Waurick nah genug war, redete er dem Tier gut zu. Er begann den Schwan am Hals zu streicheln, um sein Vertrauen zu gewinnen, was ihm schließlich auch gelang. Kurz darauf konnte er den Jungschwan auf den Arm nehmen und mit ihm in Richtung Wasser laufen.

Am Wasser angekommen: Bernhard Waurick auf den letzten Metern seiner Rettungsaktion. Er setzt den Schwan ab, damit dieser wieder in den See zurückkann.
Am Wasser angekommen: Bernhard Waurick auf den letzten Metern seiner Rettungsaktion. Er setzt den Schwan ab, damit dieser wieder in den See zurückkann. | Bild: Annette Waurick

Der Schwan blieb auf dem Arm Wauricks ganz ruhig

Rund 300 Meter bis zum Strandbad trug Bernhard Waurick den etwa acht Kilo schweren Jungschwan und hielt zur Vorsicht dessen Hals separat fest. Der Schwan blieb aber ganz ruhig. Die Tochter des Retters konnte sogar noch Fotos von der Aktion machen. „Ich hatte das Gefühl, dass der Jungschwan mir sogar dankbar war.“ Am Wasser angekommen, setzte der Unteruhldinger das Tier ab. Von dort kämpfte sich der Schwan durch die vom Wind recht hohen Wellen. Auf dem See angekommen, war der Vogel aber wieder in seinem Element.

Auf dem Weg Richtung Pfahlbauten flattert der Jungschwan noch einmal mit seinen Flügeln. Es hat den Anschein, als bedanke er sich bei seinem Retter und winke ihm zum Abschied.
Auf dem Weg Richtung Pfahlbauten flattert der Jungschwan noch einmal mit seinen Flügeln. Es hat den Anschein, als bedanke er sich bei seinem Retter und winke ihm zum Abschied. | Bild: Annette Waurick

Das Jungtier mit dunklem Schnabel und dunklen Stellen im Gefieder schwamm in Richtung Pfahlbauten. Auf halbem Weg richtete es sich noch einmal auf und bewegte seine Flügel im Wind. „Es war irgendwie ein bisschen, als ob er mir noch einmal zuwinkte und sich für meine Hilfe bedankte“, kommentiert Bernhard Waurick diese Situation schmunzelnd. „Danach verschwand er im windgeschützten Bereich der Pfahlbauten.“

Hobby-Fotograf hält am Strandbad immer nach dem Schwan Ausschau

Wenn der Hobby-Fotograf jetzt im Strandbad Unteruhldingen unterwegs ist, hält er kurz inne und schaut über den Bodensee nach dem Jungschwan. Insgeheim hofft er auf ein Wiedersehen. „Es wäre schön, wenn wir uns vielleicht noch einmal sehen“, sagt er. „Ich würde mich freuen, wenn sich der Schwan dann an mich erinnern würde.“

Ornithologe Wolfgang Fiedler an seinem Arbeitsplatz im Max-Planck-Institut in Möggingen. Er warnt davor, Schwäne einfach so hin und her zu transportieren.
Ornithologe Wolfgang Fiedler an seinem Arbeitsplatz im Max-Planck-Institut in Möggingen. Er warnt davor, Schwäne einfach so hin und her zu transportieren. | Bild: Gerald Jarausch

Das sagt der Experte der Vogelwarte Radolfzell

Wolfgang Fiedler ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Ornithologie, Leiter der Beringungszentrale an der Vogelwarte Radolfzell und Tierschutzbeauftragter an der Vogelwarte.

Er sagt, dass momentan die Höckerschwäne ihre Brutterritorien verteidigen. Dabei kann es durchaus zu heftigen Kämpfen auch mit den eigenen Jungschwänen kommen. „Unterlegene Vögel wissen sich manchmal gegen die immer wiederkehrenden Attacken der Territoriumsbesitzer nicht anders zu helfen, als landwärts zu entkommen, und landen dann unter Umständen in Hinterhöfen, Unterführungen oder auch mal auf Straßen“, sagt Wolfgang Fiedler. „Manche sind durch die Verfolgungen bereits so geschwächt, dass sie ziemlich apathisch wirken und sich einfach irgendwo absetzen.“

Grundsätzlich sei es richtig, solche Vögel von möglicherweise gefährlichen Stellen ans Wasser zurückzubringen. Es könne allerdings sein, dass die Attacken am Wasser sofort wieder beginnen und der Vogel dann erneut versucht, landwärts zu entkommen. Dann sei es sinnvoller, ihn an eine andere Stelle am See zu bringen.

Streng genommen ist es aber nicht erlaubt, Schwäne einfach so hin und her zu transportieren. Daher ist eine Rücksprache beispielsweise mit dem Umweltamt der Gemeinde empfehlenswert. Es sei auch nicht jedermanns Sache, einen ausgewachsenen Schwan herumzutragen. Sollte dies dennoch nötig sein, sollte man den Schwan am besten vorsichtig in eine Decke einschlagen, da seine kräftigen Flügelschläge und die Krallen an den Zehen auch Menschen verletzen können. Anschließend sei es wichtig, sich gründlich die Hände zu reinigen und eventuell verschmutzte Kleidung umgehend zu wechseln und zu waschen.