Rein rechnerisch gibt es in jeder Schulklasse ein Kind, das von sexuellem Missbrauch betroffen ist. Kriminalhauptkommissar Peter Köstlinger zitierte zu Beginn seines Vortrags „Kinder stark machen zum Schutz vor Gewalt und Missbrauch“ einige Statistiken: Mädchen seien häufiger Opfer und Männer öfter Täter. In 90 Prozent der Fälle stamme der Täter aus dem Umfeld des Kindes und nur in zehn Prozent sei es ein Fremder, der das Kind zum Beispiel auf der Straße anspricht. Er führte aus, dass die Zahl der Verbrechen, bei denen junge Frauen zum Mordopfer wurden, zurückgegangen sei, was im Gegensatz zu den gefühlten Wahrheiten stehe.

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Viele Beispiele aus der Praxis

Den über 100 Besuchern, die auf Einladung von „Sozial Netzwirksam Uhldingen-Mühlhofen“ in die Aula der Lichtenbergschule gekommen waren, gab Peter Köstlinger eine Reihe von Tipps, wie sie Kinder stärken können. Nach seiner Arbeit in verschiedenen Dezernaten hat er sich auf die Prävention konzentriert, arbeitet mit Kindern und Jugendlichen und kann viele Beispiele aus der Praxis liefern.

Kriminalhauptkommissar Peter Köstlinger hat sich der Präventionsarbeit verschrieben.
Kriminalhauptkommissar Peter Köstlinger hat sich der Präventionsarbeit verschrieben. | Bild: Sabine Busse

Kinder müssen lernen, Nein zu sagen

Er rät, Kinder in Gruppen zur Schule gehen zu lassen, was sie sowohl im Straßenverkehr als auch vor fragwürdigen Kontaktaufnahmen schütze. „Das Kind darf Nein sagen“, betonte der Experte mehrfach. „Das muss man trainieren.“ Nein sagen, weggehen und Geheimnisse erzählen dürfe man immer, wenn man ein schlechtes Gefühl habe. Das könne der eingeforderte Kuss von der Tante sein, die Berührung beim Schwimmunterricht oder der Autofahrer, der nach dem Weg fragt. Eltern rät er, mit den Kindern eine Liste von Personen zu erstellen, mit denen sie mitgehen dürfen.

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Fingerspitzengefühl ist gefragt

Eltern, die ihre Kinder wappnen, aber nicht verschrecken wollen, müssten mit viel Fingerspitzengefühl vorgehen. Zu viele Details könnten Ängste auslösen oder die Fantasie anregen. Peter Köstlinger warnte davor, Aussagen von Kindern zu schnell in Umlauf zu bringen. „Kommen Sie mit der Geschichte zur Polizei und lassen uns das prüfen.“ Ein falscher Verdacht habe schon Leben zerstört und Panikmache durch übereilte Elternbriefe verfehle das Ziel.

Interessiert verfolgten die mehr als 100 Besucher den Vortrag des Präventionsexperten Peter Köstlinger.
Interessiert verfolgten die mehr als 100 Besucher den Vortrag des Präventionsexperten Peter Köstlinger. | Bild: Sabine Busse

Keine Namensschilder an Schulranzen

Zu den weiteren Tipps des Polizisten gehört es zum Beispiel, den Namen und die Adresse nicht von außen lesbar am Schulranzen anzubringen. Mit diesen Infos lasse sich Vertrautheit vortäuschen. Trotz aller Warnungen würden Kinder das Erlernte schnell vergessen, wenn niedliche Tiere im Spiel seien oder ihre Hilfe gefragt sei.

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Beratungsstellen unterliegen der Schweigepflicht

Eltern und Pädagogen sollten hellhörig werden, wenn ein Kind sich plötzlich verändert, die Leistungen in der Schule absinken, psychosomatische Beschwerden auftreten oder es auf einmal bestimmte Orte meidet. Das könnten Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch sein, sagte Köstlinger. Er empfiehlt, in solchen Fällen zuerst eine Beratungsstelle, wie beispielsweise Morgenrot, aufzusuchen, die im Gegensatz zur Polizei der Schweigepflicht unterliege.

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Köstlinger ist ein gefragter Referent, der vormittags in Schulen das Thema Gewalt mit Jugendlichen behandelt und Elternabende mit vielen Infos bestückt. Er verpackt die Infos in kleine Rollenspiele, die trotz der Schwere des Themas die Veranstaltung auflockern.

Zum Schluss seines Vortrags in Uhldingen-Mühlhofen bemühte er noch einmal die Statistik: Es sei wesentlich wahrscheinlicher, dass ein Kind auf dem Schulweg von einem Bus angefahren werde als von einem Pädophilen ins Auto gezerrt. Doch zum Thema Schulwegsicherheit würden er und die Kollegen nur selten gebucht. „Das ist ein Unfall, das ist eben etwas anderes“, sagte eine Mutter dazu.