Seit über einem halben Jahrhundert setzt sie sich für die Förderung der konzertanten Kirchenmusik und geistlichen Musik in der Basilika Birnau ein: Die aus einem Chor mit rund 75 Sängern bestehende Birnauer Kantorei, zu deren prominenten Fans auch der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel gehört.

Von Anfang an eine große Familie

Der SÜDKURIER hat mit dem Chorleiter Thomas Gropper und dem langjährigen Vorsitzenden der Birnauer Kantorei, Heinrich Morgenstern, gesprochen. Die Weihe der Birnau nach ihrer Generalsanierung in den 1960er Jahren sei Anlass für die Gründung der Kantorei gewesen, erzählt Heinrich Morgenstern. Der ehemalige Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger habe gesagt, die seinerzeit neue Universität Konstanz stelle das geistige Zentrum dar, in Birnau aber liege das geistliche Zentrum. „Das hat förmlich nach Musik geschrien“, so Morgenstern. Die Konzertsängerin Cilla Mayer habe mit dem Dirigenten und Kirchenmusiker Klaus Reiners den Konzertchor aus der Taufe gehoben. Von Anfang an sei er eine große Familie gewesen, auch die Instrumentalisten seien Bekannte und Freunde gewesen. Schnell habe sich ein gewisser Rhythmus ergeben, ab Mai bis in den Herbst hinein mehrere Konzerte zu geben. „In den Wintermonaten ging und geht es ja nicht, weil die Birnau nicht beheizbar ist“, sagt der Ex-Vorsitzende.

„Wir waren und sind verantwortlich für die festliche Musik in der Basilika.“ – Heinrich Morgenstern, langjähriger Vorsitzender
„Wir waren und sind verantwortlich für die festliche Musik in der Basilika.“ – Heinrich Morgenstern, langjähriger Vorsitzender | Bild: Kleinstück, Holger

Das Besondere der Kantorei sei, dass mehrere Konzerte im Jahr an einem einzigen Standort gegeben werden: „Wir waren und sind verantwortlich für die festliche Musik in der Basilika", so Morgenstern. "Die Priester sind froh, dass so alles geordnet ist." Der Pater Prior wisse, wer im Hause ist, wenn Konzerte gegeben werden. "Wir haben uns all die Jahre für die geistliche Musik in diesem Gotteshaus eingesetzt."

Seit ihrer Gründung 1965 gibt der Verein mehrere Konzerte jährlich in der Basilika Birnau. Bild: Holger Kleinstück
Seit ihrer Gründung 1965 gibt der Verein mehrere Konzerte jährlich in der Basilika Birnau. Bild: Holger Kleinstück | Bild: Kleinstück, Holger

Großartige Akustik

Normalerweise gibt es in der Basilika vier Mal pro Jahr Konzerte. „Das ist das Kerngeschäft der Kantorei“, sagt Thomas Gropper, seit 2014 musikalischer Leiter. Optisch und akustisch sei die Birnau „einfach ein Prunkstück“, lobt er. Die Akustik sei großartig und sie seien dankbar, dort auftreten zu dürfen. Nach den Konzerten erlebe man immer wieder, dass sich Konzertgäste persönlich bedanken, indem sie beispielsweise sagen: „Jetzt haben Sie mir zwei Stunden inneren Frieden geben. Ich bin jetzt aufgetankt und gestärkt.“

Seit 2014 dirigiert Thomas Gropper, Professor an der Hochschule für Musik und Theater in München, die Birnauer Kantorei. 2010 sang er zum ersten Mal als Solist bei der Kantorei. Vor dem kommenden Konzert am Sonntag gibt er ab 16 Uhr eine Einführung über die Werke der Komponisten, die an diesem Abend gespielt werden.
Seit 2014 dirigiert Thomas Gropper, Professor an der Hochschule für Musik und Theater in München, die Birnauer Kantorei. 2010 sang er zum ersten Mal als Solist bei der Kantorei. Vor dem kommenden Konzert am Sonntag gibt er ab 16 Uhr eine Einführung über die Werke der Komponisten, die an diesem Abend gespielt werden. | Bild: Birnauer Kantorei

Auswärtige Konzerte hat die Kantorei beispielsweise schon in Salem, Tuttlingen, Reichenau, München oder in Friedrichshafen gegeben. Nicht immer sei das aufgrund der unterschiedlichen Akustik-Verhältnisse einfach, erzählt Heinrich Morgenstern. „Das ist genug Arbeit, das einzuüben“, bestätigt auch Thomas Gropper. Wer möchte, kann bei den Konzerten in der Basilika übrigens Inhalte und Dramaturgie der Werke von Gropper jeweils rund eine Stunde vor Beginn erfahren. „Diese Einführung wird sehr gut angenommen und ist Gold wert“, bekräftigt Morgenstern.

"Optisch und akustisch ist die Birnau einfach ein Prunkstück.“ – Thomas Gropper, Dirigent
"Optisch und akustisch ist die Birnau einfach ein Prunkstück.“ – Thomas Gropper, Dirigent | Bild: Kleinstück, Holger

75 Sänger im Alter von Anfang 20 bis über 80 Jahren sind momentan im Chor dabei. Sie kommen nicht nur aus dem Bodenseeraum, sondern auch aus dem Allgäu, Sigmaringen, Rottweil und von der Höri. „Im Gegensatz zu anderen Chören stammen wir nicht alle aus einer Gemeinde und müssen nach den Proben sehen, rechtzeitig nach Hause zu kommen“, sagt Morgenstern. Treffen in einem Vereinslokal oder dergleichen kämen somit nicht infrage.

Was die Sänger können müssen

Neue Sänger seien immer willkommen, sagt Thomas Gropper. Um im Chor mitsingen zu können, sollte eine musikalische Vorbildung vorliegen und Noten „sollten keine böhmischen Dörfer sein". Zudem sollten die Mitglieder eine Affinität zu geistlicher Musik haben. Musicals oder Opern seien bei der Birnauer Kantorei nicht angesagt. „Das wäre an unserer Hauptschlagader vorbei“, sagt Thomas Gropper. Die Kantorei sei auch kein Projektchor, der nur für eine bestimmte Aufführung übt: „Sondern wir sind eine Gruppe, die stetig zusammen ist – mit einer etwas engeren Konzertfolge." Der Nachteil daran sei, im Sommer etwa alle fünf Wochen ein Wochenende für die Auftritte zu „opfern“. Der Vorteil sei, sich als Sänger im Konzertchor nicht ein halbes Jahr auf ein bestimmtes Jahreskonzert vorbereiten zu müssen, um dann womöglich am Tag der Aufführung krank zu sein.

Die Finanzen des Vereins würden durch die Konzerteinnahmen im Übrigen nicht gedeckt, auch wenn diese nicht unerheblich sind. Angewiesen sei man daher auf Fördermitglieder: „Ein richtig großes Orchester kostet beispielsweise rund 12 000 Euro. Ein kostendeckendes Konzert ist einfach nicht zu machen“, erläutert Thomas Gropper. „Das Wasser steht uns zwar nicht bis zum Hals. Aber man muss schon schauen, dass man nicht mit den Schwimmbewegungen aussetzt.“

Die Birnauer Kantorei: Verein, Proben und das aktuelle Konzert

  • Der Verein: Die Birnauer Kantorei wurde 1966 von der Konzertsängerin Cilla Mayer und dem Dirigenten und Kirchenmusiker Klaus Reiners als Konzertchor gegründet. Der Zweck des Vereins besteht in der Förderung konzertanter Kirchenmusik im Bodenseeraum. Die Kantorei besteht heute aus einem Chor mit etwa 75 Sängerinnen und Sängern aus dem Bodenseeraum und angrenzenden Gebieten. Die Einstudierung der Werke und die künstlerische Leitung der Konzerte lag bis September 2014 in den Händen von Klaus Reiners aus Wangen im Allgäu. Im Herbst 2014 wurde er durch Thomas Gropper abgelöst. Seit 1966 finden jährlich von Frühjahr bis Herbst sechs bis sieben Konzerte der Konzertreihe „Geistliche Musik Birnau“ im Bodenseeraum statt, insbesondere in der Basilika Birnau. Vorsitzende ist Pia Gold.
  • Der Dirigent: Thomas Gropper unterrichtet seit dem Abschluss seines Studiums des Opern- und Konzertgesangs sowie der Gesangspädagogik seit 1997 an der Hochschule für Musik und Theater in München, wo er 2001 eine Professur für Gesang, Sprecherziehung und Gesangsdidaktik erhielt. Er leitet das Ensemble Arcis-Vocalisten München. In den Bereichen Gesang und Stimmbildung verfügt er über einen großen künstlerischen und pädagogischen Erfahrungsschatz. 2010 sang er zum ersten Mal als Solist bei der Birnauer Kantorei und im Frühjahr 2014 wählte ihn der Chor zum Nachfolger von Klaus Reiners.
  • Die Proben: Probentag ist der Mittwoch. Nach der Stimmbildung probt der Gesamtchor von 19.30 bis 21.45 Uhr. Das Probenlokal befindet sich im Augustinum Meersburg/Daisendorf. Wer Gesangserfahrung und Affinität zu Oratorien und geistlicher Musik hat sowie an einer konzentrierten und bereichernden Probenarbeit interessiert ist und große musikalische Kunstwerke mit professionellen Solisten und Orchestern in einem einzigartigen Kirchenraum gestalten möchte, kann sich an Chorleiter Thomas Gropper, Telefon 0 81 71/2 92 33, wenden.