Dass die beiden Betreiber der Alten Fabrik – Martin Möcking und Matthias Becht – sich bisweilen herrlich neurotisch geben können, bewiesen sie jüngst auf der Bühne: Ihre Rollen in Winnie Abels Boulevardkomödie „Neurosige Zeiten“ verkörperten sie mit viel Liebe zum Detail. So begeisterte Martin Möcking an zwei Abenden als überkorrekter Ordnungsfanatiker Hans, der seinen peniblen Putz- und Kontrollzwang in der „Offenen Wohngruppe Psychiatrie Mühlhofen„ stoisch und bis zur Perfektion ausübte. Matthias Becht hingegen mimte den menschenscheuen und ständig überforderten Willi.

Martin Möcking alias Zwangsneurotiker Hans (links) und Matthias Becht in der Rolle des stotternden Soziophobikers Willi.
Martin Möcking alias Zwangsneurotiker Hans (links) und Matthias Becht in der Rolle des stotternden Soziophobikers Willi. | Bild: Manuela Klaas

Darsteller setzen Eigenschaften der Charaktere liebenswert in Szene

Pointiert waren nicht nur die Witze, auch Mimik und Gestik der Darsteller setzten die schrulligen Eigenschaften der Charaktere liebenswert in Szene. Konnte man anfangs noch glauben, die Komödie erschöpfe sich in Witzen über die sexbesessene Agnes (gespielt von Gabi Biedermann), war schnell ersichtlich, dass die Neurosen eines jeden Charakters, egal ob Bewohner oder Besucher, skurrile Blüten trieben.

Die liebeswahnsinnige Stalkerin Marianne (Ulrike Baumann) mit ihrem Idol Hardy Hammer (Soeren Gloth).
Die liebeswahnsinnige Stalkerin Marianne (Ulrike Baumann) mit ihrem Idol Hardy Hammer (Soeren Gloth). | Bild: Manuela Klaas

Besuch von Cécile Adolon wirbelt WG-Leben durcheinander

Die Geschichte nimmt an Fahrt auf, als Agnes‘ Mutter Cécile Adolon – herrlich kapriziös gespielt von Kerstin Anske-Krenz – überraschend ihren Besuch anmeldet. Womit das beschauliche WG-Leben von Hans, Willi, der liebeskranken Stalkerin Marianne (Ulrike Baumann), Beschäftigungstherapeut Rolf (Martin Möcking in einer Doppelrolle) und der betreuenden Ärztin Dr. Dr. Ilse Schanz (Sabine Haller) gehörig auf den Kopf gestellt wird. Denn Agnes möchte ihrer Mutter weismachen, sie wohne nur übergangsweise in der Wohnung und lebe eigentlich standesgemäß in einer stattlichen Villa, die derzeit renoviert werde.

Agnes (Gabi Biedermann, Mitte) will verhindern, dass ihre Mutter (Kerstin Anske-Krenz, links) erfährt, dass sie in der Wohngruppe lebt. Marianne (Ulrike Baumann) soll dabei helfen.
Agnes (Gabi Biedermann, Mitte) will verhindern, dass ihre Mutter (Kerstin Anske-Krenz, links) erfährt, dass sie in der Wohngruppe lebt. Marianne (Ulrike Baumann) soll dabei helfen. | Bild: Manuela Klaas

Verwechslungsspiel läuft aus dem Ruder

Um zu verhindern, dass Cécile Adolon erfährt, wo ihre Tochter wirklich untergebracht ist, sollen Agnes‘ Mitbewohner sich möglichst normal verhalten. Als dann noch weiterer Besuch in Gestalt der Küchenartikelberaterin Herta (Gaby Leon) sowie des Rockstars Hardy Hammer (Soeren Gloth) auftaucht und Mutter Adolon in der Zwangsjacke landet, läuft das turbulente Verwechslungsspiel völlig aus dem Ruder.

Agnes‘ Mutter soll glauben, dass ihre Tochter in einer Villa lebt.
Agnes‘ Mutter soll glauben, dass ihre Tochter in einer Villa lebt. | Bild: Manuela Klaas

Darsteller erstellen Biografien für ihre Charaktere

Regisseurin Lilo Braun inszenierte den Dreiakter gemeinsam mit Silvia Tepe und Nora Blankenstein. „Bei dem Stück kam es darauf an, die sehr speziellen Charaktere herauszuarbeiten und überzeugend darzustellen“, erläuterte Lilo Braun. „Zu diesem Zweck erhielten die Darsteller zunächst einmal den Auftrag, eine Biografie für ihre Rolle zu erstellen: Welche Familiengeschichte steckt hinter der Person, welche Tics hat sie?“

Martin Möcking: „Bei der Generalprobe lief alles schief“

Den Darstellern verlangten die skurrilen Charaktere einiges ab, wie Matthias Becht erzählte: „Man sieht eine Szene vor sich und versucht, so nah wie möglich an diese Vorstellung heranzukommen.“ Martin Möcking fügte hinzu: „Bei der Generalprobe lief alles schief. Die Premiere war super, am zweiten Abend ging der Knopf so richtig auf.“

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Zuschauer zeigen sich begeistert

Monika und Norbert Braun aus Mühlhofen kamen zu beiden Vorstellungen. „Das mussten wir uns einfach zwei Mal geben. Es war gigantisch“, sagte Norbert Braun. Und seine Frau fügte hinzu: „Wenn man die Akteure privat kennt, ist es ungemein spannend, wie sie die Rollen mit Leben füllen. Diesmal waren sie Matthias Becht und Martin Möcking auf den Leib geschrieben.“