Der Rebmannshof in Uhldingen-Mühlhofen ist vom Hausbock befallen. Genauer gesagt das alte Fachwerk. "Das Alter des Gebäudes wird es sein", sagt Hotelier Klaus-Dieter Besser, Betreiber von Pilgerhof und Rebmannshof. Letzterer wurde vor 350 Jahren gebaut. Damals habe man überhaupt nicht die Möglichkeiten gehabt, Insekten fernzuhalten, sagt Besser. Die Nähe zur Natur, zum Bodensee, und die frühere Nutzung durch die Landwirtschaft taten ihr Übriges. Der Käfer gelangte ins Gebäude, wurde vielleicht sogar mit hineingetragen. Nun ist der Rebmannshof eingehüllt. Das Unternehmen Groli Schädlingsbekämpfung aus Dresden soll dem Hausbock Herr werden. Lange gasdichte Kunststoffbahnen wurden über Fachwerk und Dach gespannt. Insgesamt geht es hier um eine Fläche von 1400 Quadratmetern. Zweieinhalb Kilometer Klebeband waren nötig, um die Folie zu befestigen. Mit mehreren Sandsäcken wurde sie auf dem Dach beschwert. Das Landratsamt hat die Arbeiten überprüft. Seit Donnerstagnachmittag wird das Gebäude jetzt begast. Eingesetzt wird das Insektizid Sulfuryldifluorid. Das farb- und geruchlose Gas durchdringt das Holz. Der Hausbock wird das nicht überleben. Marco Müller, Ingenieur und einer der Groli-Geschäftsführer, sagt: "Ich übergebe 100 Prozent schädlingsfrei. Wir garantieren dafür." Das soll nach ausgiebigem Lüften ab Montag am kommenden Mittwoch der Fall sein.

Käfer jahrzehntelang unentdeckt

Lange war es für den Hausbock gut gegangen. Für gewöhnlich halten sich die Insekten vorwiegend im Holz auf, bleiben jahrelang, jahrzehntelang unentdeckt. Die Ausfluglöcher der Käfer sind kaum zu erkennen. "Der hat sich nicht sehen lassen", bestätigt Hotelier Klaus-Dieter Besser. Marco Müller sagt: "Der ist seit Jahrzehnten da drin. Die Population wird immer größer." Auch im Holz in alten Kirchen und antiken Möbeln ist der Hausbock oft zu finden. Manchmal stellt der Experte Möbelstücke, die behandelt werden müssen, mit in die Gebäude. Zwei bis zehn Jahre leben die Larven Müller zufolge im Holz, bis sie sich verpuppen und paaren. An anderer Stelle ist sogar von 18 Jahren die Rede. Die Larve wird zum Insekt, das wiederum 40 bis 150 Eier legt.

Das linke Bild stammt von Hotelier Klaus-Dieter Besser und zeigt das Fachwerkhaus, wie es alle Gäste kennen.
Das linke Bild stammt von Hotelier Klaus-Dieter Besser und zeigt das Fachwerkhaus, wie es alle Gäste kennen. | Bild: Klaus-Dieter Besser

Doch am Ende der zurückliegenden Saison war es so weit: Der Befall wurde sichtbar. Der Hausbock tauchte in dem Hotel, das acht Zimmer und drei Restaurantstuben hat, auf. 1995 hatte Besser das Gebäude vom Markgräflichen Haus übernommen und "durch eine Umnutzung in dieses Juwel verwandelt", sagt der Hotelier und blickt voller Stolz auf das Erreichte. Doch mit dem Umbau war dem Hausbock vermutlich auch Nahrung entzogen worden. "Wände wurden verkleidet. Es fehlte plötzlich ein Teil der Ernährungsgrundlage", erklärt Besser. Der örtliche Schädlingsbekämpfer bat den gelernten Koch, sich doch einem Experten zuzuwenden. Deutschlandweit gibt es Marco Müller zufolge drei Unternehmen, die eine Behandlung gegen holzzerstörende Insekten in diesem Ausmaß leisten können. Parallel wird eine Kirche in Stockach begast. Diese hatten die Experten zuerst eingehüllt und waren dann nach Uhldingen-Mühlhofen weitergefahren.

Gästehaus soll erhalten werden

Der Rebmannshof liegt mit Sicht auf den Bodensee und die Alpen in direkter Nähe zur Klosterkirche Birnau. Zu dem Gebäude gehört auch eine große Terrasse. Früher wurden die Kirchenfürsten, die den Zisterzienser-Orden besuchten, dort untergebracht. Dann verfiel das Gebäude in Maurach in einen Dornröschenschlaf, erläutert Klaus-Dieter Besser. Später wurde es dem Hotelier zufolge als Badeplatz genutzt – von den Mitarbeitern des Markgräflichen Hauses. Der Hafenmeister aus Kirchberg nahe Immenstaad bewohnte eine Wohnung in dem Fachwerkhaus. Und auch eine Tenne war vorhanden, wie der Hotelier erklärt. Dabei handelt es sich um einen Platz, wo früher das Getreide gedroschen wurde. Durch die Familie Besser wurde der Rebmannshof in den 90ern wieder zum Gästehaus. Das Hotel war das Standbein zum Pilgerhof dazu, den die Bessers seit 1. April 1987 betreiben. Die Tochter von Klaus-Dieter Besser wird den Betrieb mit insgesamt 48 Zimmern und Restaurant einmal übernehmen. "Sie steht schon in den Startlöchern", sagt Besser. Für die nachfolgenden Generationen möchte der Hotelier den Rebmannshof erhalten, muss in ihn investieren. Die Behandlung, die derzeit läuft, kostet 30 000 Euro. Während solch eine Maßnahme in einer Kirche teils bis zu 70 Prozent gefördert wird, zahlen Gewerbetreibende die Kosten aus eigener Tasche. Das berichtet Experte Marco Müller. Klaus-Dieter Besser ist der Rebmannshof einiges Wert, wie er sagt. Lange habe er um das Gebäude gekämpft. Seine Geschichte soll deshalb länger haltbar gemacht werden. Insbesondere der Statik eines Holzkonstrukts kann der Hausbock gefährlich werden. "Das hätte beim Rebmannshof in 20 bis 30 Jahren der Fall sein können", sagt Müller. Ob es definitiv dazu gekommen wäre, will er nicht bewerten.

Blick aus 20 Metern Höhe auf den eingehüllten Rebmannshof in Uhldingen-Mühlhofen. Das 350 Jahre alte Fachwerkhaus wird dieser Tage vom holzzerstörenden Hausbock befreit. Eine Fläche von 1400 Quadratmetern wurde verkleidet.
Blick aus 20 Metern Höhe auf den eingehüllten Rebmannshof in Uhldingen-Mühlhofen. Das 350 Jahre alte Fachwerkhaus wird dieser Tage vom holzzerstörenden Hausbock befreit. Eine Fläche von 1400 Quadratmetern wurde verkleidet. | Bild: Jenna Santini

Insektizid für Bodensee ungefährlich

Das Insektizid Sulfuryldifluorid, das gerade zum Einsatz kommt, werde weder dem Menschen noch dem Bodensee gefährlich, betont Müller. Der Rebmannshof ist komplett abgedichtet, nichts soll nach draußen dringen. Alle Lebensmittel und Pflanzen wurden aus dem alten Bau geräumt. Außerdem wird von den Technikern darauf geachtet, dass sich niemand dem Gebäude nähert, der dort nichts zu suchen hat. Das farb- und geruchlose Gas ist in Deutschland für den Bereich Material- und Vorratsschutz zugelassen – zum Beispiel in Getreidemühlen. "Jede in Deutschland verarbeitete Kakaobohne wird mit demselben Wirkstoff behandelt", sagt Müller. Und auch in Kirchen, Museen und historischen Gebäuden wird es zum Holzschutz genutzt, da es aufgrund seiner Eigenschaften zum Beispiel nicht chemisch mit Ausstellungsstücken reagiert. In der Bundesrepublik gibt es alleine 24 000 evangelische Kirchen. "Wenn nur wir diese Kirchen bearbeiten würden, hätten wir über 300 Jahre Arbeit", erklärt Müller und lacht. In jüngster Zeit wurden auch relativ viele neu gebaute Gebäude von dem Dresdner Unternehmen behandelt. "Die Qualitätsansprüche an Holz sind heute anders als früher", sagt Müller. Sulfuryldifluorid ist ein schwefelfluoridhaltiges Gas, das sich in den Zellen des Hausbocks anreichert. Müller verspricht: "In Zahnpasta ist mehr Fluorid drin, als bei der Übergabe des Rebmannshofs im Gebäude vorhanden sein wird." Genau gesagt: In Zahnpasta ist etwa 300-mal mehr Fluorid enthalten. Der Übergabe am Mittwoch fiebert Klaus-Dieter Besser schon entgegen: "Ich freue mich darauf, wenn wir an Ostern wieder eröffnen können, und alles ist in Ordnung."

Gefräßige Larven

Der Hausbock, auch Balkenbock oder Großer Holzwurm genannt, gehört zu den Bockkäfern. Die Käfer legen ihre Eier in totem Nadelholz ab. Zum Problem werden sie dadurch, dass sie sich auch gerne in Gebäuden niederlassen. Insbesondere im Dachstuhl. Ihre Larven fressen sich jahrelang durch das tote Holz. Der Körper der Larven hat mehrere Wachstumszyklen. Sie können eine Körpergröße von etwa drei Zentimetern erreichen. Der Kopf ist am Körper größer, hat kräftige Fraßwerkzeuge und mehrere Punktaugen. Die Larven erzeugen oft deutlich hörbare Fraßgeräusche, die ein Zeichen für einen aktiven Befall sein können. "Es ist teilweise so schlimm in Privathäusern, dass die Menschen nicht mehr schlafen können", sagt Marco Müller, einer der Geschäftsführer bei der Dresdner Firma Groli Schädlingsbekämpfung. So wachsen die Larven über Jahre hinweg heran, bis sie sich schließlich verpuppen und als geschlechtsreife Käfer schlüpfen. Der Zyklus fängt dann wieder von vorne an: Die Käfer paaren sich und neue Larven entstehen. Ganze Dachbalken zerstören die Larven-Generationen in ihrem Hunger. Eine Population kann über Jahrzehnte heranwachsen. Bemerkt werden sie oft erst durch Fraßgeräusche oder Rieselspuren, die Holzbiss vermuten lassen, oder Käferfunde. Die Käfer haben eine Lebensspanne von wenigen Wochen.

Dieses Bild zeigt die Larve eines Hausbocks neben einem Kugelschreiber.
Dieses Bild zeigt die Larve eines Hausbocks neben einem Kugelschreiber. | Bild: Jenna Santini