Groß, Vollbart, Kraft wie ein Bär. So kennt man Hephaistos, den griechischen Gott der Metallkünste von den Abbildungen auf antiken Trinkschalen und Vulkanus, sein römisches Pendant, quer durch die Kunstgeschichte. So stellt man sich Wieland den Schmied aus der germanischen Heldensage vor. Wie er den schweren Hammer rhythmisch auf den rotglühenden Stahl niedersausen lässt. Mit der Zange hält er das Werkstück auf dem Amboss, die Funken stieben nach allen Seiten. Schlag für Schlag verdichtet Jörg Altheimer das Metallpaket, das einmal ein Messer sein wird.

Eine "Luppe". Aus solchem Eisenschwamm werden mittelalterliche Messer.
Eine "Luppe". Aus solchem Eisenschwamm werden mittelalterliche Messer.

Der 35-Jährige steht am Amboss seiner Werkstatt in Mühlhofen, die er sich vor knapp einem Jahr am Ortseingang des Dorfes eingerichtet hat. Endlich genügend Platz für den Beruf, den Jörg Altheimer seit gut fünf Jahren ausübt: Er ist selbständiger Messerschmied, hat sein Hobby zum Beruf gemacht. "Irgendwann habe ich halt festgestellt, der Dipolmingenieur für Informatik ist es nicht, das will ich nicht bis ans Ende meiner Tage machen – aber das hier ist es definitiv." Zwei, drei wuchtige Hammerschläge später bemerkt er: "Ich kann mir auch vorstellen, noch mit 80 am Amboss zu sitzen und hin und wieder zu schmieden."

Schritt für Schritt nimmt das Stück Kohlenstoffstahl unter den Schlägen des Schmiedehammers die Form der Messerklinge an.
Schritt für Schritt nimmt das Stück Kohlenstoffstahl unter den Schlägen des Schmiedehammers die Form der Messerklinge an.

Begonnen hat alles vor 15 Jahren. "Ich mache Live-Rollenspiel, wir spielen meistens in einem mittelalterlich angehauchten Fantasy-Setting ", erläutert der Meersburger, der seit einiger Zeit in Unteruhldingen wohnt. "Einem meiner Charaktere, die man dort spielt, dem habe ich den Beruf Schmied verpasst, damit er sich seine eigenen Rüstungsteile und so machen kann." Innerhalb des Rollenspiels entwickelte sich das immer weiter und irgendwann begann er, sein erstes Messer zu schmieden. "Das wurde eine kleine Liebe." So ab 2010 habe er mit dem Gedanken gespielt, daraus einen Beruf zu machen. Mitte 2011 sei dann die Entscheidung gefallen. Seine erste Werkstatt richtete sich er im Überlinger Gewerbegebiet, im Yachtzentrum ein. Eine Halle, in der er die Hälfte gemietet hatte, der Rest war Lager. "Für den Anfang ganz gut, aber nicht toll." Aber jetzt, in der ehemaligen Wagnerei und Schlosserei in Mühlhofen, "da passt alles".

Ein kleines Sortiment von Altheimers Arbeiten (von links): Küchenmesser, fünf Jahre in starkem Gebrauch. Küchenmesser mit Damastklinge ...
Ein kleines Sortiment von Altheimers Arbeiten (von links): Küchenmesser, fünf Jahre in starkem Gebrauch. Küchenmesser mit Damastklinge und Griff aus Mooreiche. Mittelalterliches niederländisches Messer. Konstanzer Messer nachgeschmiedet nach Originalfund aus dem 14. Jahrhundert. Süddeutsch 15. Jahrhundert mit schwarzem Horngriff. Steckangelmesser nach Konstanzer Fund aus dem Mittelalter. Klappmesser nach Fund aus Nowgorord. Outdoormesser aus rostträgem, hochlegierten "Niolox-Stahl".

Er gäbe ja auch einen guten Wieland ab, vom Typ her, oder? "Das ist Zufall", lacht Alheimer. Und um Kraft, erklärt er, gehe es beim Schmieden auch nicht. "Das ist eher Ausdauer, die Muskeln baut man dann schon automatisch auf." Zur körperlichen Dauerleistung braucht es aber auch geistige Hartnäckigkeit. Altheimer eignete sich systematisch alles nötige metallurgische Wissen an, die Werkstoffkunde. "Man kann nicht einfach mit ein paar Erfahrungswerten arbeiten, man muss sein Material in und auswendig kenen, um ein Maximum herauszuholen." Vor allem müsse man auch auf dem aktuellen Stand der Forschung bleiben, gerade wenn es um historische Messer gehe. "Und davon mache ich viele", erklärt der Messerschmied.

Natürlich gehören zu seinem Sortiment alle Arten von Küchenmessern, auch nach japanischem Vorbild des Santoku-Typs. Oder individuelle Outdoormesser. Jagdmesser mit Damastklinge. Aber Klingen nach historischem Vorbild gilt seine besondere Liebe. Dabei hat er sich auf das europäische Mittelalter konzentriert. Insbesondere die Funde aus der berühmten Wikingersiedlung Haithabu in Schleswig-Holstein haben es ihm angetan. Was die Archäologen dort ausgruben, schmiedet er ebenso nach wie Funde aus Schweden, Russland den Niederlanden – und Süddeutschland. "In Konstanz gibt es relativ viele Messerfunde."

Jörg Altheimer nimmt die Replik eines Konstanzer Messers aus dem 13. Jahrhundert in die Hand, das Original wurde bei Ausgrabungen gefunden und ist in der Literatur dokumentiert. Der Messermacher hat es aus reinem Kohlenstoffstahl geschmiedet, der dem originalen Material aus dem Mittelalter sehr nahe kommt. Das Kristallgefüge nur aus Eisen und Kohlenstoff enthält keine weiteren Legierungsbestandteile wie etwa Chrom, Nickel oder Mangan, welche die Eigenschaften grundlegend verändern und den Stahl rostträge machen. Auch der Griff ist historisch exakt aus Buchsbaum nachgebildet und mit Leinöl poliert. Die Steckangel wurde in den Griff eingebrannt und mit Weihrauch als Harz fixiert. Die Klinge ist rasiermesserscharf und von Hand auf Wassersteinen poliert. Handwerk pur.

Einen Laden hat Jörg Altheimer nicht. "Das Hauptgeschäft läuft übers Internet", sagt der Schmied, der sich auch im Bereich der Wirtschaft auskennt. Nach der Realschule Überlingen hat er die Fachhochschulreife am dortigen wirtschaftlichen Berufskolleg gemacht und als Wirtschaftsassistent abgeschlossen. Künftig will er auch auf Treffen von Messermachern und Sammlern gehen. "Das ist schon ein Markt, da sollte man dann aber ein paar kleine Serien habe, Messer, von denen man nicht nur ein einziges herstellt; momentan mache ich hauptsächlich Unikate."

Lauter Einzelstücke, bei denen er auch Sonderwünsche der Kunden sowohl bei der Klinge als auch beim Griffmaterial erfüllt. Lieblingsmesser, die er nicht hergibt? "Nein, habe ich nicht", sagt Altheimer. Obwohl: "Es gibt schon einige Messer, bei denen ich gedacht habe: Naja, hoffentlich kauft die niemand." Aber man müsse sich schon von den Sachen trennen können. "Jedes Messer, das ich gerade mache, das ist dann in dem Moment mein Lieblingsmesser."

"Kohlenstoffstahl rostet zwar, hat aber die besseren Eigenschaften"

Das Material, das der Schmied am bevorzugt auf seinem Amboß bearbeitet, ist Kohlenstoffstahl. Er besteht nur aus den beiden Bestandteile Eisen und Kohlenstoff und hat keine weiteren Legierungsbestandteile. Altheimer hat ein "kleines Lager" an verschiedenen modernem Stahlsorten, die er bei Händlern als Halbzeuge kauft. "Ich versuche immer mit Material zu arbeiten, das dem historischen Stahl so nahe wie möglich kommt", sagt er.

Das heißt aber auch, dass die Messer nicht rostfrei sind und Pflege brauchen. "Das ist aber gar nicht so viel, wie man denkt und wenn man es dauernd in Gebrauch hat." Wenn Kunden lieber pflegeleichte Klingen möchten, verarbeitet er auch Chromstahl, ab 12,5 Prozent Chrom ist das Material rostfrei. "Das wird aber nie ganz so scharf wie ein Kohlenstoffstahl, der rostet zwar, hat aber bessere Eigenschaften."

Für die ganz besonderen Messer, die er archäologischen Funden nachschmiedet allerdings, ist Altheimer ganz konsequent. Dafür benutzt er "Renneisen". Bis man Stahl ab dem 18. Jahrhundert im Hochofen erschmelzen konnte, gab es nur den aus Lehm aufgemauerten Rennofen, in dem man Eisenerz zur schwammartigen "Luppe" reduzierten konnte. Dieses Material muss vom Schmied in langer Arbeit auf dem Amboss "kompaktiert und homogenisiert" werden. Tagelange Schwerarbeit, um dann ein mittelalterliches Konstanzer Messer mit historischem Raffinierstahl herstellen zu können. Das hat dann allerdings auch seinen Preis.

Der Messermacher im Internet:www. messerzeug.de