Uhldingen-Mühlhofen – Die Behindertenbeauftragten aus fünf südbadischen Landkreisen sind in den Pfahlbauten zu Gast gewesen. Zusammen mit Museumsdirektor Gunther Schöbel und Matthias Baumhauer, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Pfahlbaumuseums, tauschten sie sich rege über die Erschließung touristischer Sehenswürdigkeiten für Menschen mit Handicap aus. Zuvor hatte Schöbel einen Überblick über die weitgehend barrierefreie Anlage des Pfahlbaumuseums gegeben.

Die Behindertenbeauftragten aus südbadischen Landkreisen zu Besuch in den Pfahlbauten: (vorn, von links) Esther Weber (Emmendingen) und Manfred Kemter (Schwarzwald-Baar-Kreis), (hinten, von links) Jörg Zwecker (Tuttlingen), Oswald Ammon (Konstanz), Museumsdirektor Gunter Schöbel, Peter Bartels (Waldshut-Tiengen) und Matthias Baumhauer, wissenschaftlicher Mitarbeiter.
Die Behindertenbeauftragten aus südbadischen Landkreisen zu Besuch in den Pfahlbauten: (vorn, von links) Esther Weber (Emmendingen) und Manfred Kemter (Schwarzwald-Baar-Kreis), (hinten, von links) Jörg Zwecker (Tuttlingen), Oswald Ammon (Konstanz), Museumsdirektor Gunter Schöbel, Peter Bartels (Waldshut-Tiengen) und Matthias Baumhauer, wissenschaftlicher Mitarbeiter. | Bild: Lorna Komm

Esther Weber, Leiterin der Geschäftsstelle für Menschen mit Behinderung im Landkreis Emmendingen, war begeistert von ihrem Besuch: "Das weiß man bei uns gar nicht, dass hier alles barrierefrei ist, das muss man doch verbreiten." Schöbel erklärte, dass man bemüht sei, die Angebote für Menschen mit Behinderung weiterhin zu verbessern. So habe man vergangenes Jahr einen Museumsführer in Brailleschrift für Blinde angeschafft, der aber in der Handlichkeit noch optimiert werden könnte. Solche Erkenntnisse könne man aber nur im Dialog mit Betroffenen gewinnen. Weiterhin bedauerte der Museumsdirektor, dass die Infrastruktur zur Anfahrt ans Museum noch mangelhaft sei. Zu wenige Behindertenparkplätze, Busse ohne Neigetechnik oder zu niedrige Bahnsteige führte er an. Nur die Anfahrt mit dem Schiff klappe reibungslos.

Aber auch innerorts müssten Behinderte "eine Slalomfahrt durch den Schilderwald" absolvieren. Im Hinblick auf die steigenden Zahlen der betreffenden Besuchergruppe – im vergangenen Jahr zeigten rund 8000 Gäste ihren Behindertenausweis an der Kasse – müsse man für diese Zielgruppe Verbesserungen erreichen.

Die Behindertenbeauftragten der Landkreise Konstanz, Tuttlingen, Emmendingen, Waldshut-Tiengen und des Schwarzwald-Baar-Kreises erklärten sich bereit zur Zusammenarbeit. Auf entsprechenden Internetseiten und in gemeinsamen Reiseführern sollen Tourenvorschläge und Anfahrtswege aufgeführt werden. Barrierefreiheit betreffe schließlich nicht nur Rollstuhlfahrer, auch Kinderwagen und Menschen mit Rollatoren brauchen entsprechend breite Wege und Türen. Oswald Ammon aus dem Landkreis Konstanz brachte es auf den Punkt: "Inklusion ist eine Worthülse, die mit Inhalten gefüllt werden muss."

 

"Ich fühle mich überall willkommen"

Oswald Ammon

Oswald Ammon, Behindertenbeauftragter des Landkreises Konstanz.
Oswald Ammon, Behindertenbeauftragter des Landkreises Konstanz. | Bild: Lorna Komm

"In unserem Landkreis Konstanz hat sich schon einiges getan. So hat das Rathaus auf der Insel Reichenau inzwischen einen Aufzug bekommen. Außerdem habe ich als Behindertenbeauftragter die Insel Mainau begutachtet und muss sagen, dass sie in puncto Barrierefreiheit ein 100-prozentiges Vorzeigeobjekt ist. Es gibt dort nun zwei große Toiletten für Behinderte, die zusätzlich auch mit großen Liegen ausgestattet sind, sodass man dort auch Erwachsene wickeln kann. Ich fühle mich überall willkommen. Früher war ich Sportler und bin viel gelaufen, nun mache ich Kugelstoßen und Diskuswerfen, auch wenn ich wegen der Verletzungsgefahr und wegen der Gefahr des Umkippens mit meiner Gehhilfe dafür im Rollstuhl sitzen muss. Auch für lange Wege nutze ich den Rollstuhl. Selbstmitleid hilft hier nicht weiter."

"Hier ist spontan gar nichts möglich"

Esther Weber

Esther Weber, Leiterin der Geschäftsstelle für Menschen mit Behinderung im Landkreis Emmendingen.
Esther Weber, Leiterin der Geschäftsstelle für Menschen mit Behinderung im Landkreis Emmendingen. | Bild: Lorna Komm

"Bei uns im Landkreis Emmendingen liegt noch einiges im Argen, da suchen wir noch Ansprechpartner. Es gibt DIN-Normen und Standards, aber vieles wird nicht umgesetzt. Manchmal macht man deswegen auch zu wenig Kompromisse, oft täte es schon ein einfaches Brett oder eine schmalere Rampe. Andere europäische Länder haben in den vergangenen 20 Jahren schon viel mehr Fortschritte gemacht. In italienischen Kneipen weiß ich, dass ich immer eine Behindertentoilette finde. Auch Spanien ist da weiter als Deutschland. Hier ist spontan gar nichts möglich. Entweder gehe ich in die üblichen Kneipen oder ich muss vorher anrufen und planen. Es ist an der Zeit, dass man darüber nachdenkt. Neubauten sollten von vornherein für jeden zugänglich geplant werden, dabei denke ich auch an Kinderwagen und Rollatoren."

 

"Habe im Kino schon Fluchtwege blockiert"

Manfred Kemter

Manfred Kemter, Behindertenbeauftragter des Landratsamts Schwarzwald-Baar-Kreis.
Manfred Kemter, Behindertenbeauftragter des Landratsamts Schwarzwald-Baar-Kreis. | Bild: Lorna Komm

"Ich kann bei uns im Schwarzwald-Baar-Kreis wenige Sehenswürdigkeiten benennen, die barrierefrei zu erreichen sind. Zum Fußballspiel der örtlichen Mannschaft kann ich nicht gehen, weil es dort keine behindertengerechten Toiletten gibt. Zwar kenne ich ein Kino, das zwei Plätze für Rollstuhlfahrer bietet, aber da meine Frau seit kurzer Zeit ebenfalls im Rollstuhl sitzt, ist es immer ein Risiko, ob nicht schon ein anderer da ist. In anderen Kinos saß ich auch schon im Gang und blockierte den Fluchtweg und es war immer ein Hin- und Herschieben, wenn jemand raus wollte. Für Konzerte muss ich mich im Vorfeld um spezielle Karten bemühen und die Veranstalter telefonisch kontaktieren, ob noch Plätze für Rollstuhlfahrer zu haben sind. Aber ich bin mit der Behinderung groß geworden und sehe alles locker."

"Probleme oft beim Nahverkehr"

Jörg Zwecker

Jörg Zwecker, Behindertenbeauftragter des Landkreises Tuttlingen.
Jörg Zwecker, Behindertenbeauftragter des Landkreises Tuttlingen. | Bild: Lorna Komm

"Es besteht weiterhin Bedarf, welcher kommuniziert werden muss. Die modernen Gebäude sind inzwischen gut ausgebaut, Probleme bestehen oft beim Nahverkehr. Je stärker die persönliche Einschränkung ist, desto intensiver wird die Planung und selbst bei genauer Planung kann immer noch etwas schief gehen. Die wenigsten Betroffenen, die ich kenne, fahren mit der Bahn und werden deshalb von den Verantwortlichen nicht wahrgenommen. Wenn man dann auf Missstände aufmerksam macht, heißt es, es kämen ja keine Behinderten hierher. Aber umgekehrt wird ein Schuh draus, die Eingeschränkten können ja gar nicht dorthin kommen, weil es für sie keine Infrastruktur gibt. Wir müssen die Inklusion an die richtigen Stellen bringen. Inklusion betrifft nicht nur Schulen, sondern den gesamten alltäglichen Bereich."