Wie haben Steinzeitmenschen gelebt? Wer das herausfinden möchte, der kann in dieser Woche im Rahmen eines Projekts des Pfahlbaumuseums in die Rolle unserer Vorfahren schlüpfen und selbst steinzeitliche Werkzeuge herstellen.

Auf dem Boden rund um Morten Kutschera liegen Werkzeuge und Waffen aus Feuerstein. Zu finden sind hier unter anderem Messer, Schaber und Pfeilspitzen.
Auf dem Boden rund um Morten Kutschera liegen Werkzeuge und Waffen aus Feuerstein. Zu finden sind hier unter anderem Messer, Schaber und Pfeilspitzen. | Bild: Marinovic, Laura

Schon auf dem Weg zur Wiese abseits der Pfahlbauten sind diese zu sehen: Auf dem Platz liegen auf dicken Ledermatten verteilt hunderte von Feuersteinen, teilweise noch als ganze Brocken, teilweise schon zu kleineren Stücken verarbeitet. Manche sind halbrund, manche schmal und spitz.

Hergestellt wurden sie von Morten Kutschera, einem Archäologen aus Norwegen, der Replikate der Steinzeitwerkzeuge für Museen herstellt. Bereits zum zweiten Mal ist er nach Uhldingen-Mühlhofen gereist, um dort den Besuchern des Pfahlbaumuseums im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zu experimenteller Archäologie mehr über das Leben der Steinzeitmenschen und ihre Waffen- und Werkzeugherstellung beizubringen.

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Schon im Jahr 2018 hatte er an dem Projekt teilgenommen und die Begeisterung der Besucher lässt nicht nach. Zahlreiche Kinder tummeln sich an diesem Tag an seinem Arbeitsplatz, wollen sehen, wie Morten Kutschera mit geübten Schlägen und in Feinstarbeit ein Werkzeug nach dem anderen herstellt. Und sie wollen selbst anpacken – einen Wunsch, den Kutschera ihnen gerne erfüllt. Einzeln lässt er sie auf einem Baumstamm Platz nehmen, legt ihnen einen unbearbeiteten Feuerstein in den Schoß und zeigt ihnen genau, wo sie mit einem dicken Knochen zuschlagen müssen, damit sich dünne Splitter lösen – Messer, wie sie auch unsere Vorfahren benutzt haben.

Video: Jäckle, Reiner

„Aber das sind nicht nur Messer“, erklärt Morten Kutschera auf Englisch, „sondern auch Vorformen zu weiteren Werkzeugen.“ Was er meint, demonstriert er sogleich, indem er einen Stein nimmt und einen Splitter damit weiter bearbeitet, bis er eine scharfe Pfeilspitze in der Hand hält. „Wenn man weiß wie, kann man alles herstellen“, sagt er. Und Morten Kutschera weiß es ganz genau – mit wenigen Handgriffen hat er ein Werkzeug zum Abschaben zum Knochen und ein Messer zum Häuten von Tieren geformt. Jahrelange Übung, erzählt er. 1990 begann er, Feuersteine zu bearbeiten, indem er sich an archäologischen Funden orientierte. Durch viele Versuche verbesserte er sein Können nach und nach.

Rudolf Walter zeigt den Besuchern eine winzige Nähnadel, die er aus einem Knochen gefertigt hat. Als Faden dienen Sehnen von Tieren.
Rudolf Walter zeigt den Besuchern eine winzige Nähnadel, die er aus einem Knochen gefertigt hat. Als Faden dienen Sehnen von Tieren. | Bild: Marinovic, Laura

Doch nicht nur bei Morten Kutschera dürfen die Besucher selbst Hand anlegen und sich für einen Moment wie ein Steinzeitmensch fühlen. Nur wenige Meter entfernt wartet der Archäologe Rudolf Walter, der ebenfalls schon oft im Pfahlbaumuseum aufgetreten ist, mit vielen Tipps zur Herstellung von altem Schmuck. Einige Stücke davon trägt er am Körper, viele andere liegen auf einigen Tischen verteilt. Walter hat sie selbst in mühevoller Arbeit hergestellt, weiß daher genau, was zu tun ist. Er zeigt den Kindern, wie durch Reiben am Boden Löcher in Muscheln entstehen, durch die Schnüre für Ketten geführt werden können, oder wie sich durch das Zermahlen von Steinen Farbe herstellen lässt.

Video: Jäckle, Reiner

Die Freude, die er dabei selbst empfindet, ist ihm deutlich anzusehen. Als ein Junge fragt, wie viel der steinzeitliche Schmuck, den Rudolf Walter besitzt, kostet, wird klar, wie sehr der Experte für das brennt, was er beruflich untersucht: „Wir Archäologen sprechen nicht gerne über Geld“, erklärt er. „Was wir über die Dinge lernen können, das ist wertvoll. Das kann man nicht mit Geld aufwiegen.“ Steinzeitliche Funde seien einmalig und nicht wiederbringbar. Aber sie können immerhin nachgebaut werden. Beruflich, von Archäologen wie Morten Kutschera und Rudolf Walter. Und als kleiner Ausflug in die Vergangenheit für die Dauer der experimentellen Veranstaltungsreihe von den Besuchern des Pfahlbaumuseums.