Die Böe kommt aus dem Nichts, ein Ruck erschüttert das Boot. Es neigt sich zur Seite und kippt. Immer weiter, immer steiler. "Gleich hat der See uns verschluckt", denke ich panisch. Ich kralle mich an den Stahlseilen der Reling fest, dann schlägt der rationale Gedanke durch: "Segelboote müssen doch so gebaut sein, dass sie nicht kentern können." Heino springt zu mir an die Bordkante, setzt sich, und deutet meinen Blick. Unsere Beine baumeln nebeneinander, zwei Meter über der Wasseroberfläche. Unser Gewicht gleicht die Schräglage langsam aus. Die Fahrt wird gleichmäßiger. Als Crew duzen wir uns, er sagt: "Mit der Zeit verlierst du das Gefühl" – und meint meine Angst. Ich erwidere: "Ich dachte, dass wir sinken."

Ein Laie auf dem Boot

Hinter uns arbeiten Joe, Gernot und Berthold fieberhaft an der Ausrichtung der flatternden Segel. Wir nehmen Kurs auf Überlingen. Alle an Bord sind Mitglieder im Segelclub Unteruhldingen. Ich bin als SÜDKURIER-Volontär eingeladen, Teil ihrer Crew zu sein. Was die vier Männer nicht wissen: Meine Aufenthalte auf einem Boot können an einer Hand abgezählt werden, Segeln ist für mich absolutes Neuland. Für einen Rückzieher ist es zu spät. Die erste Regatta meines Lebens startet in wenigen Minuten.

Noch liegt das Boot ruhig auf dem Wasser: In wenigen Minuten ändert sich das Bild – dann beginnt die Regatte vor Überlingen auf dem See.
Noch liegt das Boot ruhig auf dem Wasser: In wenigen Minuten ändert sich das Bild – dann beginnt die Regatte vor Überlingen auf dem See. | Bild: Kares, Julian

Kommandos, schnelle Handgriffe und Teamarbeit

Eine Stunde vorher beginnt meine Vorbereitung vor dem Computer. Backboard und Steuerbord, Heck und Bug, Pinne und Fock – ich lerne Begriffe. Später an Bord begreife ich, wie unnütz das war. Die Begriffe sind unbrauchbar bei einem Manöver. In der Praxis braucht es kurze Kommandos, schnelle Handgriffe und das Zusammenspiel im Team. Keiner der vier Männer hat das an einem Bildschirm gelernt.

Die Crew lerne ich am Unteruhldinger Steg Nummer drei kennen. Bevor es ins Gefecht geht, machen wir den Segler "Deja Vu" von Hans-Jürgen Weber, genannt Joe, startklar. Eine weiße Mullbinde ziert seinen rechten Arm, die Arbeit auf dem Boot scheint nicht ungefährlich. Und es wird nicht die einzige Verletzung am Abend bleiben.

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Segler wird aus Hafen geschleppt

Neben uns wird ein weiterer Regatta-Starter für den Wettbewerb vorbereitet. Die Kameraden aus dem Segelclub werden später unsere ärgsten Rivalen. "Die haben einen richtigen Racer", sagt Joe. In der Tat. Während unser Boot mit Küche, Koje und Toilette ausgestattet ist, verzichtet der graue Segler neben uns auf jeglichen Luxus. Der Grund ist simpel: Je leichter, umso schneller.

Doch was bringt ein Rennboot, wenn es nicht aus dem Hafen kommt? Der tiefe Wasserstand macht zu schaffen, Seegras hat sich im Kiel verfangen. Nur gut, dass der Motor unserer Yacht mit genügend Pferdestärken tuckert. Wir nehmen den "Racer" bis auf die offene See kollegial in den Schlepptau.

Die Kollegen auf dem Segelboot benötigen einen Abschleppdienst aus dem Hafen: Der tiefe Wasserstand macht ihnen zu schaffen, Seegras hat sich im Kiel verfangen.
Die Kollegen auf dem Segelboot benötigen einen Abschleppdienst aus dem Hafen: Der tiefe Wasserstand macht ihnen zu schaffen, Seegras hat sich im Kiel verfangen. | Bild: Kares, Julian

Ohne das Boot als Ballast schalten wir hunderte Meter vor dem heimischen Hafen den Motor aus. Über uns ziehen dunkle Wolken auf, wir sind laut Steuermann Joe bereit, mit der Kraft des Windes zu fahren. "Da vorne kommt eine Böe an", sagt Gernot und zeigt irgendwo auf das Wasser. Wenige Sekunden später klammere ich mich an der Reling fest und erlebe erstmals, wie viel Neigung ein Boot im Wasser ertragen kann. Im Anschluss erklärt Gernot mir, dass die Oberfläche des Sees als Indikator für eine Böe genutzt werden kann. Kleine Kräuselungen neben einer spiegelglatten Wasseroberfläche verraten, wo eine Böe entlang rollt. Es ist meine erste Lektion, ganz ohne Computer.

Um 18.36 Uhr schießt die Yacht an der orangenen Boje vorbei

"Berthold, was sagt die Zeit", schreit Gernot kurz vor Überlingen vom Mast herüber. Der Wind knattert in die Segel. Berthold brüllt vom Heck zurück: "Noch sechs Minuten, dreißig Sekunden." Grund für kurzen, lauten Dialog ist unsere Startzeit. Sie ist auf die Minute genau festgelegt. Boote mit einem Yardstick von 94 (siehe Infokasten) müssen um 18.36 Uhr an der orangenen Boje, die als Startlinie gilt, vorbeischießen. Die Stimmung auf der Yacht verändert sich, die vier Männer wirken angespannt. Mir wird plötzlich klar, dass sie nicht zum bloßen Vergnügen am Wettrennen teilnehmen. "Gleich geht es richtig los", sagt Heino zu mir und Joe dreht mit der Pinne das Boot auf Kurs der leuchtenden Boje.

Mit Schieflage geht es der Boje entgegen. Die Aufgaben an Bord: Berthold Speth hat am Heck das Großschottrimm im Griff. Heino Harmsen (vorne) trimmt die Segel, Joe Weber steuert mit der Pinne das Boot.
Mit Schieflage geht es der Boje entgegen. Die Aufgaben an Bord: Berthold Speth hat am Heck das Großschottrimm im Griff. Heino Harmsen (vorne) trimmt die Segel, Joe Weber steuert mit der Pinne das Boot. | Bild: Kares, Julian

Wir überqueren die Startlinie, lassen das Motorboot mit der Wettkampfleitung hinter uns. Jetzt beginnen die wahren 100 Minuten auf dem Wasser. Es ist ein Up-and-Down-Kurs: Die beiden Bojen im Wasser liegen rund 900 Meter auseinander, wir pendeln zwischen ihnen hin und her. "Bereit machen zur Wende", weist Joe alle Crewmitglieder an. Wir steuern direkt auf die Boje zu, und auf ein Boot, das Schwierigkeiten mit der Kurve hat. Joe schlägt mit der Pinne so ein, dass wir haarscharf zwischen Boje und Boot vorbeigleiten.

Dann geht alles rasend schnell. Das Kommando vom Steuermann: "Achtung, Kopf runter!" Eine Leine wird gelöst, das Segel schwenkt von der einen Seite auf die andere. Und wir ebenfalls. Heino kurbelt mit all seiner Kraft und trimmt das Segel, damit wir auf der geraden Strecke wieder zügig optimal im Wind liegen.

Sturz auf nassen Holzplanken

Wie oft wir die Bojen in den 100 Minuten umrunden, kann ich nur schätzen. Meine 84 Kilogramm dienen als Gewichtstrimm. Jede Wende schmeiße ich mich auf eine Seite der "Deja Vu". Und es stimmt, irgendwann verliere ich das beklommene Gefühl vom Anfang.

Mit der Zeit lerne ich, mich an Bord zu bewegen, weiß wo ich hingreifen kann. Regen setzt ein und prasselt bei einer Geschwindigkeit von rund acht Knoten unangenehm hart auf die nackte Haut. Dann ein Knall vom Heck: Berthold am Großschottrimm ist auf den nassen Holzplanken gestürzt. Gernot übernimmt kurzzeitig für ihn, ich helfe dafür beim Trimmen der Vorsegel.

Das erste Mal auf einer Segelyacht: SÜDKURIER-Volontär Julian Kares (vorne) ist Cremitglied auf der "Deja Vu".
Das erste Mal auf einer Segelyacht: SÜDKURIER-Volontär Julian Kares (vorne) ist Cremitglied auf der "Deja Vu". | Bild: Kares, Julian

"Eine normale Regatta war das nicht"

Um 20.10 Uhr ist Schluss auf dem Wasser, die Spannung fällt merklich ab. Welche Platzierung wir erreicht haben, wird Tage später bekannt gegeben. Ein Platz unter den Top drei sollte es sein, schätzt Joe ein. Kurz vor dem Heimathafen in Unteruhldingen zieht Gernot ein kurzes Fazit: "Eine normale Regatta war das nicht. Für dich optimal. Du hast alles erlebt, was auf dem Wasser geht."