Kurz nach fünf am Nachmittag. Der Nebel legt sich über die Landschaft. Es ist dunkel, es ist kalt, es ist unangenehm. Die ersten Flüchtlinge kommen an und werden in das Registrierzelt der Weltflüchtlingsorganisation UNHCR gebeten. Hier müssen sie Formulare ausfüllen, die in einer unbekannten Schrift gedruckt sind. Mit ihnen wird in einer Sprache gesprochen, die sie nicht verstehen.

Dieses Szenario zu Beginn des Kommunalen Flüchtlingsdialogs hat sich Susanne Hofmaier, Flüchtlings- und Integrationsbeauftragte der Gemeinde Uhldingen-Mühlhofen, ausgedacht. Die Besucher sollten einen Eindruck erhalten, wie es Menschen auf der Flucht geht. Im engen Originalzelt des UNHCR (Uno-Hochkommissar für Flüchtlinge) waren auch Haushaltsgegenstände der Flüchtlinge ausgestellt. Hatte man sich registriert, ging es hoch in den Seminarraum der Feuerwehr. Dort hatte 50 Bürger in acht Gruppen seit dem Mittag in einem Workshop eine Antwort auf die Frage "Wie leben wir zukünftig zusammen?" erarbeitet.

In einem Original-Flüchtlingszelt wurde das Szenario der Registrierung in einem fremden Land in einer unbekannten Sprache durchgespielt.
In einem Original-Flüchtlingszelt wurde das Szenario der Registrierung in einem fremden Land in einer unbekannten Sprache durchgespielt. | Bild: Madiros Tavit

Unter der Anleitung der Coaches Danijel Paric und Thomas Pfohl, beide Politikwissenschaftler, wurden verschiedene Bereiche des täglichen Zusammenlebens betrachtet. Immer mit dem Ziel eines besseren Zusammenlebens. Die Ergebnisse wurden kurz in der öffentlichen Veranstaltung präsentiert, werden bei der Gemeinde für nachhaltige Ergebnisse nachgearbeitet. Drei Themenblöcke kamen da immer wieder durch. Gemeinsame Aktivität von Einheimischen und Neubürgern, auch zur Verbesserung der Sprachkenntnisse. Mobilitätsprobleme der Neubürger, wenn es auf Ämter, zur Arbeit oder zu Kursen gehen soll. Und der ziemlich weit ausgearbeitete Wunsch nach einem Fest der Kulturen. Ob als eigenständiges Fest oder als Teil des Hafenfests, das war noch nicht klar, aber dass man gemeinsam feiern wollte, war eindeutig.

Zuvor erzählte Lena Reiner von ihren Erlebnissen mit Flüchtlingen auf der griechischen Insel Kos und den Flüchtlingslagern in Dunkirk und Calais. Sie zeigte ein Video mit ihren Fotoarbeiten über die Zustände vor Ort. Auch hatte sie das Glück, ein eintreffendes Flüchtlingsboot auf Kos auf Video aufzeichnen zu können. In der anschließenden Diskussion fragte sie, "wann hört ein Flüchtling auf ein Flüchtling zu sein". Man solle sein Gegenüber nicht in eine neue Menschenkategorie stecken, sondern als Mitmenschen ansehen und behandeln.

Ein Flüchtlingslager in der griechischen Grenzstadt Idomeni. Lena Reiner hat das Bild aufgenommen und berichtet beim Flüchtlingsdialog von ihren Erlebnissen mit Flüchtlingen. Bilder: Lena Reiner/Madiros Tavit/privat/ Herbert Unger
Ein Flüchtlingslager in der griechischen Grenzstadt Idomeni. Lena Reiner hat das Bild aufgenommen und berichtet beim Flüchtlingsdialog von ihren Erlebnissen mit Flüchtlingen. Bilder: Lena Reiner/Madiros Tavit/privat/ Herbert Unger | Bild: Lena Reiner

 

Flüchtlinge erzählen von ihrer Flucht

Ihrem Vortrag folgte eine Runde mit Flüchtlingen, die schon länger in der Gemeinde sind und sich gute Deutschkenntnisse angeeignet haben. Sie erzählten über die Gründe und den Verlauf ihrer Flucht. Bemerkenswert daran war, dass auch Lisbeth Lüpke in diesem Kreis saß und über ihr Schicksal nach dem Zweiten Weltkrieg und ihre Flucht von Danzig an den Bodensee sprach. Vieles davon hörte sich ähnlich dem an, was die neuen Flüchtlinge zu erzählen hatten, sich jetzt aber angekommen fühlen und sich in der Gemeinde einbringen möchten.

<b>Bomben trafen die Wohnung</b><br><br>

<b>Yosra Kateeb </b>und <b>Hashem Alshikh </b>sind als Ehepaar nach Deutschland gekommen. Alshikh arbeitete als Schiffsnavigator und war während des Syrienkriegs nicht bei seiner Familie. Kateeb ist Psychologin. Nach dem Magister arbeitete sie an ihrem Doktortitel. Innerhalb von sechs Monaten musste sie mit ihren Kindern nach Bombeneinschlägen sechs Mal die Wohnung wechseln. Sie suchte zunächst Zuflucht in Dubai, aber nach fünf Monaten bekam sie kein Visum mehr. In Ägypten bekam ihr Mann Hashem kein Visum. Sie kamen nach Deutschland. Beide lernten Deutsch. Hashem beginnt demnächst eine Ausbildung bei den Zeppelinwerken. Yosra arbeitet in der Flüchtlingshilfe in der Gemeinde und im Kreis.
Bomben trafen die Wohnung

Yosra Kateeb und Hashem Alshikh sind als Ehepaar nach Deutschland gekommen. Alshikh arbeitete als Schiffsnavigator und war während des Syrienkriegs nicht bei seiner Familie. Kateeb ist Psychologin. Nach dem Magister arbeitete sie an ihrem Doktortitel. Innerhalb von sechs Monaten musste sie mit ihren Kindern nach Bombeneinschlägen sechs Mal die Wohnung wechseln. Sie suchte zunächst Zuflucht in Dubai, aber nach fünf Monaten bekam sie kein Visum mehr. In Ägypten bekam ihr Mann Hashem kein Visum. Sie kamen nach Deutschland. Beide lernten Deutsch. Hashem beginnt demnächst eine Ausbildung bei den Zeppelinwerken. Yosra arbeitet in der Flüchtlingshilfe in der Gemeinde und im Kreis. | Bild: privat
<b>Sie lagerten auf Stroh</b><br><br>

<p><b>Lisbeth Lüpke</b> war zehn Jahre alt. 1945 lebte sie mit ihrer Familie in Danzig. Die Rote Armee sollte durch die Region durchmarschieren. Die Bevölkerung erhielt den Befehl, Sachen für 14 Tage mitzunehmen. Lüpke und ihre Familien zogen mit einem Pferdewagen aus der Heimat &ndash; mit dem Glauben bald zurückzukehren. In einem Schleppkahn, der bald voll mit Wasser lief, ging es weiter. Ein Dampfer brachte sie nach Dänemark. In einem alten Autohaus konnten sie mit anderen Flüchtlingen auf Stroh lagern. Sieben Tage später ging es weiter. Sie durften sich aussuchen, in welche Besatzungszone. Da der Vater im Ersten Weltkrieg in Frankreich war, wollte er in die französische Zone. Im Güterzug kam sie an den Bodensee.
Sie lagerten auf Stroh

Lisbeth Lüpke war zehn Jahre alt. 1945 lebte sie mit ihrer Familie in Danzig. Die Rote Armee sollte durch die Region durchmarschieren. Die Bevölkerung erhielt den Befehl, Sachen für 14 Tage mitzunehmen. Lüpke und ihre Familien zogen mit einem Pferdewagen aus der Heimat – mit dem Glauben bald zurückzukehren. In einem Schleppkahn, der bald voll mit Wasser lief, ging es weiter. Ein Dampfer brachte sie nach Dänemark. In einem alten Autohaus konnten sie mit anderen Flüchtlingen auf Stroh lagern. Sieben Tage später ging es weiter. Sie durften sich aussuchen, in welche Besatzungszone. Da der Vater im Ersten Weltkrieg in Frankreich war, wollte er in die französische Zone. Im Güterzug kam sie an den Bodensee. | Bild: Madiros Tavit

<b>Seine Familie erhielt Morddrohungen</b><br><br>

<p><b>Zaher&nbsp;Sharifi</b> kommt aus Afghanistan, ist verheiratet und hat vier Kinder. In seiner Heimat hat er als Übersetzer für die Briten gearbeitet. Nach deren Abzug haben er und seine Familie Morddrohungen von den radikal-islamistischen Taliban erhalten. Er entschied sich mit seiner Familie, die Heimat zu verlassen. Über den Iran und die Türkei führte ihn sein Weg nach Griechenland. Zu Fuß ging es für ihn, seine Kinder und seine schwangere Frau weiter über Mazedonien und Serbien bis sie in Deutschland ankamen. Er ist ausgebildeter Logistiker und hatte ein Praktikumsplatz in Gottmadingen gefunden. Der Arbeitgeber hätte ihn übernommen. Doch der zweistündige Arbeitsweg war für Zaher Sharifi eine zu große Hürde.
Seine Familie erhielt Morddrohungen

Zaher Sharifi kommt aus Afghanistan, ist verheiratet und hat vier Kinder. In seiner Heimat hat er als Übersetzer für die Briten gearbeitet. Nach deren Abzug haben er und seine Familie Morddrohungen von den radikal-islamistischen Taliban erhalten. Er entschied sich mit seiner Familie, die Heimat zu verlassen. Über den Iran und die Türkei führte ihn sein Weg nach Griechenland. Zu Fuß ging es für ihn, seine Kinder und seine schwangere Frau weiter über Mazedonien und Serbien bis sie in Deutschland ankamen. Er ist ausgebildeter Logistiker und hatte ein Praktikumsplatz in Gottmadingen gefunden. Der Arbeitgeber hätte ihn übernommen. Doch der zweistündige Arbeitsweg war für Zaher Sharifi eine zu große Hürde. | Bild: Herbert Unger

<b>Kolleginnen von Milizen entführt</b><br><br>

<p>Die 37-jährige kurdische Syrerin<em> </em><b>Almazz&nbsp;</b><b>Khalil</b> lebt seit 2014 in Mühlhofen. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. 2004 und 2007 war sie auf Besuch in Deutschland. Sie arbeitete als Krankenschwester in Aleppo. Als vor ihren Augen ihre Kolleginnen von Milizen entführt wurden und sie nur knapp einer Entführung entging, entschied sie sich zur Flucht über die Türkei. Dort saß sie 17 Tage im Gefängnis. Mit ihren Kindern machte sie sich auf den Weg über die Balkanroute. Drei Monate waren sie unterwegs, bevor sie in Deutschland in Sicherheit waren. Sie erlernte die deutsche Sprache. Almazz Kahlil macht dank ihrer medizinischen Vorbildung derzeit ein Laborpraktikum bei Dr. Heimann in Mühlhofen.
Kolleginnen von Milizen entführt

Die 37-jährige kurdische Syrerin Almazz Khalil lebt seit 2014 in Mühlhofen. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. 2004 und 2007 war sie auf Besuch in Deutschland. Sie arbeitete als Krankenschwester in Aleppo. Als vor ihren Augen ihre Kolleginnen von Milizen entführt wurden und sie nur knapp einer Entführung entging, entschied sie sich zur Flucht über die Türkei. Dort saß sie 17 Tage im Gefängnis. Mit ihren Kindern machte sie sich auf den Weg über die Balkanroute. Drei Monate waren sie unterwegs, bevor sie in Deutschland in Sicherheit waren. Sie erlernte die deutsche Sprache. Almazz Kahlil macht dank ihrer medizinischen Vorbildung derzeit ein Laborpraktikum bei Dr. Heimann in Mühlhofen. | Bild: Herbert Unger


 

Video zeigt die Ankunft eines Bootes

Dass ein Flüchtlingsboot Kos morgens um 9 Uhr  erreicht, ist ungewöhnlich. "Normalerweise erreichen die Boote diese Insel bei Nacht oder spätestens in der Dämmerung", schildert Lena Reiner. So habe jede Insel ihre Zeiten - je nach Entfernung zum Startpunkt.

Auf dem Boot, dessen Ankunft Reiner filmte, befanden sich ihr zufolge 23 Männer, 24 Frauen und Kinder sowie Babys, alle stammen aus Syrien.

 

Unterstützung für Flüchtlinge

  • In der Gemeinde Uhldingen-Mühlhofen leben derzeit 111 Flüchtlinge in der sogenannten Anschlussunterbringung. Für sie hat die Gemeinde insgesamt 22 Wohnungen angemietet. Zwei weitere Wohnungen wurden privat bezogen. Für sie ist ausschließlich die Gemeinde zuständig. Daneben leben in den Gemeinschaftsunterkünften in der Gemeinde 105 Flüchtlinge, für die der Landkreis zuständig ist. Für die Betreuung dieser Menschen hat der Bodenseekreis die Diakonie beauftragt.
  • Die Flüchtlingshilfe ist in Uhldingen-Mühlhofen sehr stark auf ehrenamtliche Helfer und Organisationen aufgebaut. Der Unterstützerkreis Migration Uhldingen-Mühlhofen (UMUM) wurde am Montag mit dem Förderpreis für bürgerschaftliches Engagement des Bodenseekreises ausgezeichnet. Für den UMUM nahm deren Vorsitzende Saskia Schambeck den Preis in Empfang. UMUM vermittelt Paten für die Neubürger, bietet eine Fahrradwerkstatt an, bietet Deutschkurse an. Dabei kümmert sich UMUM nicht nur um die Flüchtlinge in der Anschlussunterbringung, sondern ist auch offen für die Flüchtlinge in den Gemeinschaftsunterkünften. Viele ihrer Angebote findet man in der Alten Schule in Oberuhldingen. Zur Zeit arbeiten bis zu 60 Ehrenamtliche im UMUM für die Flüchtlinge.
  • Der zweite Pfeiler der Flüchtlingsintegration in Uhldingen-Mühlhofen ist das Café der Begegnung der evangelischen Kirche.  Jeden zweiten Montag trifft man sich im evangelischen Gemeindehaus in Oberuhldingen.
  • Wer sich in der Flüchtlings- und Integrationshilfe ehrenamtlich engagieren möchte, kann sich direkt an den Unterstützerkreis Migration Uhldingen-Mühlhofen unter der Telefonnummer 0 75 56/2 08 54 00 wenden.

Informationen im Internet: www.umum-ev.de