Das Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen widmet sich mit seinen Ausstellungen und Veranstaltungen vor allem der Stein- und Bronzezeit, die durch die begehbaren Pfahlbausiedlungen auf und am Bodensee von den Besuchern hautnah erlebt werden kann.

Aus einer ganz anderen Periode der Geschichte stammte dagegen ein Fund, der im Museum vor rund 25 Jahren gemacht wurde: Wie der SÜDKURIER am 24. Dezember 1994 berichtete, waren damals hunderte russischsprachige Bücher entdeckt worden, die sich bis dahin unbeachtet in sechs Kisten im Archiv des Museums befunden hatten.

Von Kiew nach Unteruhldingen

Allzu viel bekannt war über die in kyrillischer Schrift verfassten Werke über archäologische Themen nicht. Vermutet wurde, dass sie 1943 aus Kiew verschwunden und bereits in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs wie viele andere fremde Kulturgüter von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und nach Deutschland gebracht worden waren.

Auch „Fund aus dunkler Zeit“ wurden die Bücher genannt.
Auch „Fund aus dunkler Zeit“ wurden die Bücher genannt. | Bild: Marinovic, Laura

Der SÜDKURIER berichtete, dass die Bücher im Anschluss vermutlich bei der Verlegung des Reichsinstituts für Vor- und Frühgeschichte aufgrund der vermehrten Bombenangriffe von Berlin nach Salem an den Bodensee gebracht worden waren.

Das bestätigt Pfahlbauten-Direktor Gunter Schöbel, der damals noch als wissenschaftlicher Leiter des Museums angestellt war, heute auf Nachfrage. Die Bücher seien als Handbibliothek ukrainischer Wissenschaftler nach Deutschland gelangt und von Salem aus in der französischen Besatzungszeit nach Unteruhldingen transportiert worden. Verantwortlich gewesen sei dafür Gerda Schneider, zu der Zeit kommissarische Leiterin des Museums.

807 Fachbücher über Archäologie

Im Museum wurden die Bücher laut Museumsberichten zunächst in den Pfahlbauhäusern auf dem See und anschließend in Untersätzen großer Schrankvitrinen im Archiv gelagert. Im Rahmen einer systematischen Erfassung der Archivbestände kamen sie schließlich wieder zutage. Wie entsprechende Stempelungen zeigten, gehörten die Bücher ursprünglich zu den Beständen elf verschiedener Bibliotheken in der Ukraine.

Während im SÜDKURIER-Bericht aus dem Jahr 1994 zunächst noch von 720 Exemplaren die Rede war, wurden laut Gunter Schöbel insgesamt sogar 807 Fachbücher im Pfahlbaumuseum gefunden, die aus dem Zeitraum von 1850 bis 1942 stammten.

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Haupteigentümer war laut SÜDKURIER-Bericht vor allem das Historische Nationalmuseum in Kiew. Dieses zeigte sich begeistert und wertete die Entdeckung als „bislang größter Fund dieser Art außerhalb der Ukraine“. Das Nationalmuseum und das ebenfalls erfreute ukrainische Kultusministerium luden Gunter Schöbel und Wolfgang Eichwede, der als Leiter der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen im Auftrag der Bundesländer die Rückführung ausländischer Kulturgüter koordinieren sollte, nach Kiew ein.

Im Archiv des Pfahlbaumuseums sind allerhand Funde gelagert – unter anderem wurden auch hunderte russischsprachige Bücher gefunden. Im Bild Museumsdirektor Gunter Schöbel.
Im Archiv des Pfahlbaumuseums sind allerhand Funde gelagert – unter anderem wurden auch hunderte russischsprachige Bücher gefunden. Im Bild Museumsdirektor Gunter Schöbel. | Bild: Holger Kleinstück

Die Rückführung der Werke fand schon bald nach Erscheinen des SÜDKURIER-Berichts statt: Im April 1995 erfolgte die Übergabe durch Gunter Schöbel und Wolfgang Eichwede. Sie bildete den feierlichen Schlussakt einer Konferenz zu verschlepptem Kulturerbe, die in Kiew und dem ukrainischen Odessa ausgerichtet wurde.

Bis heute Kontakt zur Ukraine

Wie Schöbel berichtet, steht das Pfahlbaumuseum auch heute noch mit der Ukraine in Verbindung, um mit der dortigen Akademie der Wissenschaften über den Verbleib von archäologischen Funden, die Museumsaufnahmen des Einsatzstabes Rosenberg und ethnografische Fotoaufnahmen und Akten, die den Verlauf der wissenschaftlichen Arbeiten in der Ukraine und die Rückführung durch Russland betreffen, zu recherchieren. „Ob wir hierfür Unterstützung bei der Inventarisierung und Recherche bekommen können, wird aktuell im Außenministerium der Bundesrepublik geprüft“, so Gunter Schöbel.

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