Ein altes Schulfoto. Der zehnjährige Franz Geiger steht in der hintersten Reihe und schaut ernst, wie die meisten der Buben. 27 sind es, die mit ihm die Volksschule Unteruhldingen besuchen. Die kleine Emma Wenk steht vorne rechts, sie ist sieben und eines von 21 Mädchen.

"Ich bin die mit den Zöpfen, ich war in der Zweiten", sagt Emma, die seit 65 Jahren Geiger heißt. Das Bild führt sie und ihren Franz, der neben ihr sitzt, 80 Jahre zurück in die Vergangenheit. In ihre Kindheit in Unteruhldingen, ins Jahr 1936. "Die mit den Zöpfen", wiederholt er, der alte Bodenseefischer, und sagt über die Emma aus der zweiten Klasse verschmitzt: "Die Jungfrau von Orleans!" 15 Jahre nach diesem Foto, am 20. April 1951, hat er sie im Rathaus von Unteruhldingen geheiratet.

So haben sie jetzt, zum Jahrestag im April, Eiserne Hochzeit begangen. Und ein paar Wochen vorher wurde er 90, sie 87. Doch, die Geigers hatten dieses Jahr schon viel zu feiern – zur Taufe ihres ersten Urenkels Elias traf sich vor wenigen Tagen die Familie in ihrem Garten im Waldweg. Direkt vor dem Haus, in dem die beiden 1954 einen Verkaufsraum eingerichtet haben, in dem sie die Felchen, Kretzer und Hechte, die er fing, verkauften. Franz Geiger war einer der allerersten Berufsfischer am Bodensee, der seinen Fang nicht mehr ausschließlich durch die Fischereigenossenschaft in Konstanz-Staad vermarktete, die hatte damals eine Annahmestelle im Dorf, sondern auch selbst anbot. "Die Gastronomie spielte damals noch gar keine Rolle", erinnert er sich.

Nicht nur Franz Geiger ist dieses Jahr 90 geworden, sondern auch seine Schwägerin Maria Ortolf, sie hatte am 6. März Geburtstag. „Wenn man das alles untereinander schreibt, gibt das 267 Jahre“, addiert der Geiger Franz sein Alter mit dem seiner Frau und dem von deren Schwester. "267 Jahre Unteruhldingen." Alle seien sie noch im Dorf geboren und aufgewachsen. „Mit zählet fast gar als Einzige noch zu den echten Unteruhldingern“, sagt er und lacht. Auch die zehnjährige Maria Wenk ist auf dem Schulfoto. Sie trägt eine Kittelschürze. "Von der Ersten bis zur Achten waren mein Mann und meine Schwester gemeinsam in der Schule", zeigt Emma Geiger auf das Bild, das auf dem Tisch liegt und sonst an der Wohnzimmerwand hängt. „Da sind alle drauf, meine Brüder, meine Schwester, ich, er, seine beide Schwestern.“ Der Bub rechts neben Franz Geiger, dem die Haare dicht in die Stirn fallen, ist Ernst Fuchs. Die ganze Schulzeit über seien sie nebeneinander gesessen, erzählt der Fischer. „Mir sind nie einig geworden, wer wem abgeschrieben hat.“ Ein Leben lang blieben sie Freunde – bis Bauunternehmer Fuchs vergangenen November im Alter von 90 Jahre starb.

<p>Die alte Unteruhldinger Volksschule. An dieser Stelle entstand vor 80 Jahren das Foto. Der Anbau entstand in den 1980-er Jahren, als hier die örtliche Tourist-Information untergebracht wurde, die vergangenes Jahr auszog.<sup></sup><em>Bild: Martin </em><em>Baur </em></p>

Die alte Unteruhldinger Volksschule. An dieser Stelle entstand vor 80 Jahren das Foto. Der Anbau entstand in den 1980-er Jahren, als hier die örtliche Tourist-Information untergebracht wurde, die vergangenes Jahr auszog.Bild: Martin Baur

Wie viele von den 49 Schülern auf dem Foto noch leben? "Jo, wer lebt do no?", überlegt er, "des sind nu no wenige." Gemeinsam geht das Ehepaar die Gesicher der Buben durch. "Des sind ja nur no vier Stuck", sagt sie. Beide sind selbst überrascht. "Und von die Mädle fünf", addiert Emma Geiger. Sie zählt die Namen von allen auf, die nicht mehr da sind. "Das ist mein Bruder, der Fritz, der später gefallen ist, der war in der Achten." Wie viele der Mitschüler im Krieg ihr Leben ließen? Ihr Finger beschreibt einen Kreis. "Des isch doch des, alle dohanne rum – da die Hermann-Brüder, der Martin Hermann hat doch beide Buben verloren – insgesamt sind acht gefallen."

Rechts im Bild steht der Lehrer, Willi Scheffold. „Ho, wenn der wütend worre isch..." Franz Geiger macht eine ausholende Bewegung und seine Frau ergänzt. „Er hot natürlich au Tatzen gebe.“ Aber er sei schon auch ein guter Lehrer gewesen, meint Franz Geiger und richtig schwer schaffe hätte der Lehrer ja auch müssen. Denn er unterrichtete alle acht Volksschulklassen. Am Morgen die Fünfte bis zur Achten. Von acht bis zwölf Uhr. "Und um eins ist es wieder weiter gegangen mit den Kleineren", erinnert Emma Geiger. "Bis um Viere – der Scheffold hat grad mal eine Stunde Mittag gehabt." Wochentags. "Und am Samstag hatten wir alle Schule", wirft er ein, "von acht bis um zwölf".

Die Unteruhldinger Volksschule war eine, wie es früher auf dem Land viele gab. "Das Dorf war ja klein, damals hatte es keine 400 Einwohner", weiß Franz Geiger. Von denen sind im Zweiten Weltkrieg die acht Mitschüler der Geigers gefallen und 20 weitere Männer aus dem Fischerort.

Franz Geiger hatte Glück. Er überlebte. 1940 war er 14 und mit acht Jahren Volksschule fertig, "da hatte ich so viel gelernt, dass es mir für ein ganzes Leben gereicht hat". Mit 15 ging er regelmäßig zum Holz machen in den Wald, "es waren ja alle weg und man hat doch Holz gefeuert". Mit 16 musste er mit dem Schiff des Vaters, der auch schon Fischer war, nach Immenstaad und gemeinsam mit einem Flaksoldat den See vor der MTU vernebeln. Mit 17 kam er zum Arbeitsdienst, zu den Pionieren und mit 19 an die Front nach Ostpreußen. Dort wurde verwundet und geriet auf dem Heimweg kurz vor dem Ziel, in Tettnang, in französische Kriegsgefangenschaft. "Am 24. November 1947 bin ich zurück gekommen. Mit 23!. Und mit 16 fort.“ Er lacht wieder. „Zack!“ Man hört Triumph heraus. „Zack! Un etzt bin i no do.“

Ein Leben lang war Franz Geiger auf dem See. Jeden Morgen um 3 Uhr aufstehen und 16, 17 Stunden draußen. Bis vor fünf Jahren die Augenkrankheit kam. Die Mitschüler auf dem Foto zu erkennen, fällt schwer. „Aalt werre isch schee, aber aalt si itt so“, konstatiert er trocken auf Seealemannisch. Er schiebt das Schulfoto beiseite, mit den alten Freunden und dem Mädchen mit den Zöpfen, seiner "Jungfrau von Orleans".

Jetzt wird er doch nochmal ernst, der alte Bodenseefischer, und spricht Hochdeutsch: "Wenn sie nicht mitgearbeitet hätte, wäre ich in meinem Beruf nichts gewesen, sie hat die Buchhaltung gemacht, alle schriftlichen Sachen, wir zwei sind keine Ich-Menschen, wir sind Wir-Menschen." Dann schleicht sich wieder sein bekanntes Grinsen über die Mundwinkel ein. "Sie hat filetiert und kassiert, das Geld eingenommen und wieder ausgegeben." Ach ja, und draußen auf dem See, sei sie auch oft dabei gewesen. "Sie war begabt als Fischerin." Seine Emma.

<p>267 Jahre Unteruhldingen. Das sind die drei Kinder von 1936 heute: Der 90-jährige Bodenseefischer Franz Geiger, flankiert von seiner gleichaltrigen Schwägerin Maria Ortolf, geborene Wenk (links), und seiner Frau Emma, sie ist 87.<sup></sup><em>Bild: Privatarchiv Geiger</em></p>

267 Jahre Unteruhldingen. Das sind die drei Kinder von 1936 heute: Der 90-jährige Bodenseefischer Franz Geiger, flankiert von seiner gleichaltrigen Schwägerin Maria Ortolf, geborene Wenk (links), und seiner Frau Emma, sie ist 87.Bild: Privatarchiv Geiger

In den 1950-er Jahren hatten im Winter sieben Gaststätten offen – heute keine mehr

An Geburtstagen und Hochzeitsjubiläen ist die Vergangenheit meist das Hauptthema. So war es in den vergangenen Wochen auch bei den Geigers. Was heute anders ist als damals? "Nach dem Krieg sind d’Leut einig gewesen miteinander," sagt Franz Geiger. „Heut’ sind sie unzufriedener und sie schwätzed nimmer miteinander, mer kennt sich ja nimmer.“ Immobilien und Wohnungen in der Seeufergemeinde Unteruhldingen und speziell im Waldweg, wo die Fischerfamilie ihr altes Haus neben einer hypermodernen Fabrikantenvilla und schick renovierten Mietwohnungsanlagen bewohnt, sind extrem gefragt. Und teuer, sie sind Spekulations- und Renditeobjekte. "Andauernd zieht einer ein und wieder aus", beobachtet das Fischerehepaar. "Ewiger Wechsel", beschreibt Franz Geiger und versteht nicht, weshalb sich die Leute nicht vorher überlegen, was so eine Wohnung kostet.

Ein Stück weit scheint den Geigers ihr Dorf am Bodensee fremd geworden zu sein. Unteruhldingen hat sich gewandelt. Noch in den 1980-er Jahren war es eine funktionierende Gemeinde, in der es alles gab. Drei Lebensmittelgeschäfte, mehrere Bäcker, einen Metzger, die Post, die "Handlung von Josef Udry", in der man alles bekam, vom Schulheften über Nylonstrümpfe bis zur Schraube.

Heute hat Unteruhldingen gut 1200 Einwohner, dreimal so viel wie in den 1950-er Jahren. Und im Winter habe doch nur noch der Edeka halbtags geöffnet, weil der Inhaber des großen Marktes in Oberuhldingen, Ferdinand Knoblauch, halt als Unteruhldinger an seinem Dorf hänge. Nicht einmal mehr eine einzige Gaststätte habe im Winter in der Fremdenverkehrsgemeinde offen. 1951, als das Dorf gerade mal 400 Einwohner zählte, hätte man an Fasnet noch durchmachen können: "Abends um Siebene sind wir los, als Alte Wieber", erzält Franz Geiger. “No simmer in d'Seeperle, von der Seeperle in d'Seerose, von der Seerose in de Alpenblick, vom Alpenblick in d'Krone und von dort in den Mainaublick – morgens um Fünfe bisch homm kumme." Sieben große Gaststätten hatten Anfang der 1950-er Jahre in Unteruhldingen ganzjährig geöffnet "Und alles war voll“, erinnert sich Emma Geiger. „Und heut isch gar nint me.“ (mba)