Eine Adresse sucht man vergebens: Der Waldkindergarten am Roggersberg liegt einfach im Wald. Dort trafen sich Eltern, ehemalige Kindergartenkinder und aktuelle kleine Besucher sowie Gründer zur Feier des 20-jährigen Bestehens.

Renate Dvorak, Leiterin von Beginn an, erinnerte an Rolf Hicks, der seine Tochter im Waldorfkindergarten und sie zu einem Vortrag über Waldkindergärten eingeladen hatte. „Das war eine ganz neue Idee und ich wurde dafür angeworben.“

Sie betreuen de Kinder im Waldkindergarten und hatten das Fest organisiert: (von links) die Erzieherinnen Claudia Ruther (fast 20 Jahre dabei), Praktikant Andreas Starke, Nicole Lehmann, Leiterin Renate Dvorak (seit Beginn), Eszter Takács und Praktikantin Sarah Vogt.
Sie betreuen de Kinder im Waldkindergarten und hatten das Fest organisiert: (von links) die Erzieherinnen Claudia Ruther (fast 20 Jahre dabei), Praktikant Andreas Starke, Nicole Lehmann, Leiterin Renate Dvorak (seit Beginn), Eszter Takács und Praktikantin Sarah Vogt. | Bild: Christiane Keutner

Idee aktueller denn je

Diese Idee boomt derzeit: „Gehirnforscher stellten fest, wie gut es für Kinder ist, im Wald zu sein, im Leben mit der Natur.“ Zudem sei es die ideell wie finanziell günstigste sowie bereicherndste Form eines Kindergartens: „Kinder entdecken nichts Vorgeformtes, sie sind mit Freude und Begeisterung dabei. Nur so werden alle Gehirnareale angeregt.“

Für die Tochter von Ute Stephan und Manfred Lusch war die Zeit im Waldkindergarten bisher die schönste.
Für die Tochter von Ute Stephan und Manfred Lusch war die Zeit im Waldkindergarten bisher die schönste. | Bild: Christiane Keutner

Einrichtung staatlich anerkannt und von Gemeinde gefördert

Vorsitzender Martin Lorenzen würdigte die Arbeit des Erzieherinnenteams, dem die Jagdhornbläsergruppe Markdorf eine Ehrenfanfare blies. Bürgermeister Edgar Lamm lobte die Leistung des staatlich anerkannten Waldkindergartens, der von der Gemeinde ebenso gefördert werde wie die regulären Einrichtungen. Er erinnerte an die Diskussion zum Bau der beheizbaren Holzhütte, in der das pädagogische Konzept bei extremen Wetter umgesetzt werden kann.

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Renate Dvorak erzählte schmunzelnd von den Anfängen, in denen sie als „exotische Spinner“ belächelt wurden, und von der Pädagogik: „Nur wer die Natur kennt, wird sie schätzen und schützen lernen.“

Überzeugt: Daniel und Annette Malhotra hatten und haben ihre drei Kinder im Waldkindergarten, aktuell ist Anni hier.
Überzeugt: Daniel und Annette Malhotra hatten und haben ihre drei Kinder im Waldkindergarten, aktuell ist Anni hier. | Bild: Christiane Keutner

Freie Entfaltung, intensive Kontakte und Freundschaften

Überzeugt vom Konzept sind auch Annette und Daniel Malhotra. Sie wollten ihre drei Kinder in der Obhut der stets gleichen Erzieherinnen und in einer kleinen Gruppe wissen. Sie schätzen die Möglichkeit freierer Entfaltung, indem die Kinder vieles unter sich regeln, die intensiven Kontakte und Freundschaften zwischen Kindern sowie die Elterngemeinschaft.

Die ehemaligen „Waldkinder“ Jakob Hirt, Maja Müllauer und Paula Hirt genossen ihre Zeit im Open-Air-Kindergarten sehr.
Die ehemaligen „Waldkinder“ Jakob Hirt, Maja Müllauer und Paula Hirt genossen ihre Zeit im Open-Air-Kindergarten sehr. | Bild: Christiane Keutner

Frühere Waldkindergartenkinder schätzen Bewegung, Natur und Freiraum

Für die 23-jährige Tochter von Ute Stephan und Manfred Lusch war die Zeit im Waldkindergarten „die bisher schönste“. Lachend erinnert sich die Mutter an deren „Giftsuppe zur Abschreckung von Feinden“: „Da entstanden Fantasien, denn die Kinder spielten mit dem, was sie fanden. Nie wurde nach Plastikspielzeug gefragt.“ Den Freiraum und die Möglichkeit, stets mit neuen Freunden draußen spielen zu können, mochte die 16-jährige Maja Müllauer. Der 14-jährige Jakob Hirt fand die Bewegung toll und die 16-jährige Paula Hirt die Nähe zur Natur und dass man bei jedem Wetter draußen war.

Jäger Josef Fuchs (mit Hund) nahm Kinder und Erwachsene zu einer Führung zu den Dachsbauten mit.
Jäger Josef Fuchs (mit Hund) nahm Kinder und Erwachsene zu einer Führung zu den Dachsbauten mit. | Bild: Christiane Keutner

Viele Besucher nutzten das Angebot der Einrichtung und erkundeten mit Förster Martin Roth den Wald und mit Jäger Josef Fuchs Dachsbauten, entdeckten mit Martina Most Kräuter und Pflanzen und genossen das von den Eltern bestückte Buffet.

Waldkindergarten aus der Not geboren

Vor 20 Jahren steckte die Gemeinde in finanziellen Schwierigkeiten und Kindergartenplätze fehlten. Die Idee, einen Waldkindergarten zu initiieren, ging einem halben Dutzend Ehepaaren aus Uhldingen-Mühlhofen und Meersburg durch den Kopf. Jeder sah darin einen anderen Pluspunkt. Dirk Heilmann, der spätere Vorsitzende, und die damalige Vorsitzende des Bunds für Umwelt und Naturschutz, Brigitte Heilmann, zwei der treibenden Kräfte, wollten den Kindern besonders den Umweltgedanken implantieren. Andere Eltern legten den Schwerpunkt auf Bewegung und besondere erzieherische Aspekte.

In vielen Treffen wurde geklärt, wie man Widerstände überwinden, Bedenken zerstreuen und Gegner von der Idee des Waldkindergartens überzeugen konnte. Man musste Vorsorge wegen der Gefährdung durch Zecken und Fuchsbandwurm oder Unwetter mit stürzenden Bäumen treffen. Man musste nachweisen, dass Kinder sich auch im Wald motorisch entwickeln und mit Gleichaltrigen im Regelkindergarten mithalten können. Und man musste Überzeugungsarbeit leisten, dass der Aufenthalt auch bei extremen Temperaturen mit damals nur einem Tipi als Unterschlupf möglich ist. „Für viele war das völlig neu und unvorstellbar“, erinnert sich Dirk Heilmann.

Der Waldkindergarten ist ein Verein, den die Eltern jeder Generation mittragen. Ziel der Einrichtung ist es, die ganzheitliche Erziehung in besonderem Maße zu verwirklichen. Das Eingebundensein in die Natur und das Erleben wechselseitiger Abhängigkeit sollen eine Harmonisierung von Denken, Fühlen und Handeln bewirken. Das Erzieherteam will den Kindern Sicherheit und Geborgenheit bieten, Raum zur freien Entfaltung und zum Ausleben des Bewegungsdrangs.