Frotzeln konnte Ulrich Kienzle schon immer gut. Früher moderierte die Journalistenlegende gemeinsam mit Bodo H. Hauser das Politmagazin „Frontal“. Im Welterbesaal dozierte er nun höchst unterhaltsam über seine Landsleute, die Schwaben. Mit ihm auf der Bühne standen „Die Frotzler“, ein musikalisches Trio bestehend aus Bobbi Fischer, Veit Hübner und Joo Kraus.

„Teufels-Austreibung mit Späth-Folgen“

Schnell stellte sich heraus, dass der subtil spöttelnde Kienzle auch im hohen Alter von 83 Jahren nichts von seiner Bissigkeit eingebüßt hat. Kienzle gilt als einer, der sich nie zu schade war, zu sagen, was Sache ist, der immer am Puls der Zeit ist – auch am schwäbischen. Denn der Schwabe, so Kienzle, habe es bis heute nicht geschafft, sein Image abzuschütteln: Er gelte als geizig, maulfaul und schlitzohrig. Auch der ehemalige Ministerpräsident Erwin Teufel, schlicht, bescheiden, „a bissle bigott“, sei nicht der Mann für ein neues, schwäbisches Selbstbewusstsein gewesen. Sein Vorgänger, Lothar Späth, habe als umtriebiger und großspuriger gegolten. Als Teufel nach monatelangen parteiinternen Querelen 2005 zurücktrat, habe es sich quasi um eine „Teufels-Austreibung mit Späth-Folgen“ gehandelt.

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Macken, Vorurteile und Eigenheiten werden analysiert

Am Wesen des Schwaben seien die Pietisten schuld, konstatierte der langjährige Nahostkorrespondent. Nach der Reformation hätten die religiösen Eiferer den einst fröhlichen Schwaben das Luderleben gründlich ausgetrieben. Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Fleiß hätten damals hoch im Kurs gestanden – und davon habe sich der Schwabe bis heute nicht erholt. Kienzle plauderte zum Vergnügen des Publikums über Macken, Vorurteile und Eigenheiten, die dem Schwaben seit jeher anhaften. Auch Satzbau und Grammatik beherrsche der Schwabe nur bedingt, heiße es doch „der Butter“, „das Teller“, „der Schoklad‘“ und „das Mensch“ – Hochdeutsch sei für die meisten Schwaben die erste Fremdsprache.

Kienzles analytische Lesung, untermalt von Klängen und Volksweisen der „Frotzler“, entpuppte sich als scharfsinnige, pointierte Liebeserklärung an die eigenen Landsleute.