Als könnten sie es nicht erwarten, setzen die vier Solisten schon nach einem Takt ein: "Kyrie, Kyrie eleison – Herr erbarme dich", singen sie, "Kyrie eleison" antwortet der Chor, und er singt so freundlich und festlich, als wäre er dieses Erbarmens ganz sicher. Die Birnauer Kantorei eröffnet ihre Konzertsaison mit der "Messe in D" von Otto Nicolai. Der Komponist ist durch "Die lustigen Weiber von Windsor" bekannt, schrieb aber im Lauf seines kurzen Lebens weitere Opern, Sinfonien und zahlreiche Chorwerke. Als Kapellmeister der Wiener Hofoper startete er die Philharmonischen Konzerte und gilt als Gründer die Wiener Philharmoniker. Die D-Dur Messe komponierte er für die Einweihung des Posener Doms 1832. Eingängige Melodien und eine farbenfrohe Instrumentierung verraten seine Liebe zur Oper. Das Orchester darf jubelnde Tonkaskaden unter liedhafte Passagen des Chors legen, in innigen Momenten etwa im "Agnus Dei" begleiten sachte Klarinetten, eine Geige nimmt den Lobpreis des "Benedictus" vorweg.

Dirigent Thomas Gropper leitet seine Musiker mit Hochspannung von den Zehen bis in die Fingerspitzen. Er wirft, nickt oder winkt seine Einsätze und der Chor reagiert prompt: Beim Gloria jauchzen die Sänger mit Pauken und Trompeten um die Wette, "passus" – "gestorben" rufen sie entsetzt und fahren fast tonlos fort "et sepultus est" – "und wurde begraben". Susanne Winter, Regine Jurda, Matthias Heubusch und Christian Honold bestechen als Solisten vor allem durch harmonisch ausgefeilten Ensemblegesang. Mit Energie und Fingerspitzengefühl begleitet das Ensemble Nymphenburg die Kantorei.

Hochkonzentiert, tonrein und mit Hingabe singen die Mitglieder der Birnauer Kantorei die D-Dur Messe von Otto Nicolai. Bild: Corinna Raupach
Hochkonzentiert, tonrein und mit Hingabe singen die Mitglieder der Birnauer Kantorei die D-Dur Messe von Otto Nicolai. Bild: Corinna Raupach

Ob Franz Schubert seine Sinfonie in h-moll nach zwei Sätzen für abgeschlossen hielt, ob er sie in einer Schublade vergaß oder vor seinem frühen Tod nicht dazu kam, sie fertig zu schreiben, weiß niemand. Dunkel und rätselhaft singen Celli und Bass von unerklärlicher Trauer, nervösen Sechzehntel der Geigen begegnen sanft Oboen und Klarinetten, Fagotte und Hörner pfeifen sie zurück. Das Ensemble Nymphenburg nimmt der Sinfonie durch zügiges Tempo, durchsichtige Gestaltung und scharfe Akzente den Anschein von Lieblichkeit. Sie schicken ihre Hörer statt dessen auf eine Reise durch Licht und Schatten mit ungewissem Ausgang.

Felix Mendelssohn heiratete 1837 die schöne Pfarrerstochter Cécile Jeanrenaud, das glückliche Paar verbrachte die Flitterwochen im Schwarzwald. Hier entstand die Vertonung des Psalms 42. "Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu Dir", singt der Chor – und atmet doch von Anfang an Gewissheit und Vertrauen. Zweifeln des Soprans redet die Oboe gut zu. Beruhigend antwortet die Männerfraktion "Was betrübst du dich, meine Seele", wie Fanfaren tönen die Frauen "Harre auf Gott!" Ein mildes Männerquartett überzeugt schließlich die Klagende, so dass der machtvolle Schlusschor in Zuversicht triumphiert.

Die weiteren Konzerttermine in der Basilika Birnau, jeweils ein Sonntag um 17 Uhr: 10. Juni, 22. Juli und 7. Oktober.

Sopranistin Susanne Winter klagt in Mendelssohns Psalmvertonung leidenschaftlich gegen ihre Gottverlassenheit und lässt sich nur langsam überzeugen. Bild: Corinna Raupach
Sopranistin Susanne Winter klagt in Mendelssohns Psalmvertonung leidenschaftlich gegen ihre Gottverlassenheit und lässt sich nur langsam überzeugen. Bild: Corinna Raupach