Musik, die die Seele anspricht: Die Birnauer Kantorei sowie der Kammerchor Chur aus der Schweiz haben unter der Leitung von Thomas Gropper ein beeindruckendes Gemeinschaftskonzert in der Basilika Birnau gegeben. Die Kooperation der beiden Chöre liegt auf der Hand, denn seit Januar 2016 leitet Gropper auch den Kammerchor Chur. Es lässt sich spekulieren, warum sich beide Chöre mit der zu zwei Dritteln besetzen Basilika Birnau zufriedengeben mussten, sind doch die Konzerte der Birnauer Kantorei sonst ausverkauft. Gartenwetter? Pfingstferien? Am Programm konnte es gewiss nicht liegen, hatte doch Dirigent Thomas Gropper aus der unerschöpflichen Schatzkiste geistlicher Chorliteratur wahre Perlen gehoben: Chorstücke mit hohem Niveau. Entsprechend lag allein dadurch die Messlatte ziemlich hoch. Beide Chöre wurden diesem hohen Anspruch mehr als gerecht.

Der Kammerchor brillierte zu Beginn mit der ausgedehnten Motette "Jesu meine Freude" von Johann Sebastian Bach. Was in der streng symmetrisch aufgebauten Komposition zwischen schlichtem Anfangschoral über die zentrale Fuge in der Mitte und dem kunstvoll gestalteten Schlusschoral an Formenvielfalt und Bezügen zum Text vorzufinden ist, hat Klasse. Den Sängern gelang eine leicht wirkende und doch ergreifende Interpretation einschließlich zweier bezaubernder Terzette, in denen Laura John, Christina John, Karin Känel, Martin Aebi und Erwin Nold als Solisten wirkten.

Leonard Lechners "Deutsche Sprüche vom Leben und Tod" hat eine ähnliche Aussage wie Bachs Motette: Freude an Jesus und Gott, Geborgenheit, Schutz und Sicherheit trotz Tod und aller Gefahren all denen, die an Gott glauben. Das Werk zeichnet sich durch bildhafte musikalische Rhetorik aus. Zoltan Kodálys Werk "Jesus und die Krämer" war der dritte Chorsatz, den der Schweizer Gastchor überzeugend mit durchgängiger Expressivität und Wucht sang. Das Stück zeigte einen wütenden Jesus und ein Stimmungsbild an Aufgebrachtheit, Verletztheit, Wut und Scham im Tempel des Herrn. Ergreifend wirkten die pochenden Choreinwürfe "Gottlos".

Die Birnauer Kantorei setzte sich, zuweilen von Thomas Hößler an der Truhenorgel begleitet, mit Sätzen aus den Oratorien "Paulus" und "Elias" sowie mit Psalm-Vertonungen von Felix Mendelssohn Bartholdy auseinander. Wunderbar erklang das kraftvolle Männerstimmen-Unisono zu Beginn von "Richte mich Gott". Irene Albrecht, Pia Gold, Christoph Sessler und Christian Honold intonierten als Solisten im Quartett "O Jesu Christe, wahres Licht". Der Lobgesang "Allein Gott in der Höh sei Ehr'" war inniglich und zurückhaltend mit tollem Chorklang zu hören. Steigerbar war dies im jubelnden Gotteslob "Jauchzet dem Herrn alle Welt". Wunderbare Linien überzeugten in der doppelchörigen Vertonung des Psalms 91: "Denn er hat seinen Engeln" aus dem "Elias". Die Orgelbegleitung hätte es hier nicht unbedingt gebraucht.

Gropper trat mit seinem Bariton auch solistisch auf. Zu hören war beispielsweise das Arioso "Herr Gott Abrahams" aus dem "Elias". Zum Konzertende fasste Gropper beide Chöre zusammen mit der Motette "Locus iste". Nach Glockengeläut erklang sehr langer Applaus. Vor der Birnau überraschte der Schweizer Chor mit zwei Zugaben.

Gute und motivierte Sänger gern gesehen

Die Birnauer Kantorei wurde 1966 von der Konzertsängerin Cilla Mayer und dem Dirigenten und Kirchenmusiker Klaus Reiners als Konzertchor gegründet. Unter Reiners Ägide konnte sich die Birnauer Kantorei zu einem der leistungsfähigsten Chöre des nördlichen Bodenseeufers entwickeln, wobei der musikalische Fokus auf der Interpretation geistlicher Musik lag und auch immer noch liegt.

Die überaus lange Liste aufgeführter Werke von über 140 Komponisten zeugt von der regen Konzerttätigkeit des Chors in der Basilika Birnau, im Marienmünster Mittelzell auf der Insel Reichenau und in der Stadtkirche Tuttlingen. Neben zahlreichen Auftritten in der Bundesrepublik gastierte die Kantorei unter anderem in Italien, Frankreich, Österreich und Ungarn. Im Rahmen des Bodenseefestivals und der Schubertiade Hohenems gab sie mehrere Konzerte, regelmäßig auch in der Festspielstadt Hersfeld.

Ende September übergab Klaus Reiners den Dirigentenstab an den jetzigen künstlerischen Leiter Thomas Gropper. Groppers Ziel ist nicht nur eine Fortführung von Reiners Arbeit, sondern auch eine inzwischen hörbare Weiterentwicklung des Chors.

Die Kantorei ist ein eingetragener Verein; die rund 70 Chormitglieder sind gleichzeitig Vereinsmitglieder mit einem Jahresbeitrag von 36 Euro. Der Chor probt öffentlich mittwochs von 18.45 bis 21.45 Uhr im Saal des Augustinums Meersburg/Daisendorf. Es findet regelmäßig Stimmbildung unter Groppers Leitung statt. Die Probenarbeit wird von Thomas Hößler als Korrepetitor unterstützt.

Die Birnauer Kantorei freut sich stets über gute und motivierte neue Sängerinnen und Sänger mit Gesangserfahrung und Affinität zu Oratorien und geistlicher Musik. Fördermitglieder sind ebenfalls willkommen. Kontakt: Thomas Gropper, Telefon 0 81 71/2 92 33, E-Mail: thomas.gropper@web.de

Informationen im Internet:www.birnauer-kantorei.de