Eitelkeit, Neid, Jähzorn, Machtstreben, Hochmut, Freundschaft, Liebe: Viele gar zu menschliche Untugenden, aber auch Tugenden stehen im Fokus des Oratoriums Saul von Georg Friedrich Händel, das die Birnauer Kantorei unter der Leitung von Thomas Gropper in der nahezu ausverkauften Birnau aufführte. Die Zuhörer erlebten das ganze musikalisch-geprägte Spannungsfeld zwischen strahlender, festlicher Musik über lyrische Feinsinnigkeit bis hin zu höchst bedrohlicher Stimmung. Groß angelegte Chöre, spannende und die Handlung voranbringende Secco-Rezitative und Accompangnati sowie lyrische und traumhaft schöne Arien, ja, das konnte der Wahl-Londoner Händel bis zur Perfektion. Diese Musik reißt die Zuhörer unweigerlich mit und zieht sie in den Bann. Faszination pur, so auch in der Birnau.

Dennoch ist es besonders hinsichtlich des alttestamentarischen Sujets keineswegs eine leichte Kost. Wer kennt schon (noch) die biblischen Überlieferungen über König Saul, David und Goliath? Dazu kommt die nicht einfach zu verstehende, altenglische Sprache, in der das gut zweistündige Oratorium gesungen wurde. Für das Verständnis hilfreich war Groppers halbstündige Einführung vor dem Konzert; die für kommende Chorprojekte zu empfehlen ist. Neben der Erläuterung der Handlung und Kommentaren zu Händels musikalischer Umsetzung war dabei auch zu erfahren, wie dieses Oratorium mit der damaligen, britischen, politischen Situation und schließlich auch mit Händels eigener Situation im Entstehungsjahr 1738 verknüpft ist. Auf eine Textbeilage wurde verzichtet, was manche Zuhörer bedauerten. Hinreichende Orientierung gab Gropper allerdings im Laufe der Aufführung mit kurzen Erklärungen zur Handlung.

Im fünfzigsten Jahr ihres Bestehens ist der Birnauer Kantorei mit der Aufführung des Saul zweifellos ein großartiger Wurf gelungen. Gropper ist es gelungen, den bestens disponierten Chor mit hervorragenden Solisten und dem fantastisch spielenden Barockorchester L'arpa festante zu einem harmonisch-stimmigen Gesamtensemble zusammenzuführen. Geschmeidig dirigierte Gropper zumeist ohne Taktstock und transportierte so seine konkreten Vorstellungen der Interpretation. Der Chor zeigte sich bestens vorbereitet. Die altenglische Sprache kam klar artikuliert beim Publikum an. Dass Gropper sich nicht dazu verleiten ließ, in einer mehr oder weniger passenden Übersetzung singen zu lassen, kam der Aufführung eher zugute.

Dem Chor gelang feindosierte Dynamik von feinster Pianokultur bis zum kraftvollen Fortissimo, Letzteres insbesondere in den gewaltigen Ecksätzen.

Das klanglich ausgewogene Barockorchester L'arpa festante musste hin und wieder stimmen, was den verwendeten Darmsaiten der Streichinstrumente geschuldet ist. Seine Leistung ließ keinerlei Wünsche offen. Hervorragend waren zudem die Solisten. Mit tragenden Sopranstimmen und angenehmen Timbre sang Judith Spiesser die Partie der "Michal" und Susanne Winter die Partie der "Merab". Ein Genuss war es, dem Altus Andreas Pehl zuzuhören. Georg Poplutz überzeugte durch seine Wandelbarkeit in Stimme und Ausdruck. Toll, wie Poplutz den inneren Konflikt zwischen der Loyalität zum Vater Saul und der Freundschaft zu seinem Freund David zum Ausdruck brachte. Martin Burgmair überzeugte mit kerniger, tiefer Bassstimme in der Partie des Saul.

Die überaus große Glaubwürdigkeit der Solisten im musikalischen Ausdruck wurde durch ihre Mimik beträchtlich gesteigert. Chapeau für eine großartige Gesamtleistung. Langer Applaus im Stehen.

Das Stück

Saul ist ein englischsprachiges Oratorium in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Er komponierte das Werk 1738 innerhalb von nur zwei Monaten. Die Uraufführung fand am 16. Januar 1739 statt. Das Libretto von Charles Jennens basiert hauptsächlich auf den Büchern Samuel des Alten Testaments und handelt vom Aufstieg des jungen David und vom Niedergang und Tod des Königs Saul.