Zusammen bringen sie 193 Jahre auf die Bühne und der stählerne Geselle in ihrer Mitte ist sogar der Älteste von ihnen: ein Mercedes 220 Ponton, Jahrgang 1955. Doch während der KFZ-Mechaniker und -Elektriker Wolfgang Schneider (64) sowie sein Kollege und KFZ-Elektriker Rolf Witt (63) seit Kurzem den Ruhestand genießen, muss der 66 Jahre alte Mercedes nach wie vor seinen Dienst versehen. Oldtimer-Experte und Werkstattbesitzer Klaus Bolter erzählt strahlend, dass er den Mercedes erst jüngst in den Alpen gefordert habe.

Das könnte Sie auch interessieren

Damit ist es bei Wolfgang Schneider und Rolf Witt hingegen vorbei. Beide nahmen nach bald 50 Jahren Anstellung in der Werkstatt von Klaus Bolter jetzt ihren Hut. Natürlich mit einem weinenden und einem lachenden Auge, schließlich lässt man eine Firma, die seit dem ersten Ausbildungstag für beide die berufliche Heimat war, nicht einfach gefühllos hinter sich. Rolf Witt begann am 1. September 1972 noch im Betrieb des Vaters von Klaus Bolter seine Lehre, Wolfgang Schneider zwei Jahre später am 1. September 1974.

Beide sind schon in ihrer Kindheit technikbegeistert

„Ich habe schon als Kind alles zerlegt, was ich in die Hände bekam“, berichtet Rolf Witt über sein frühes Interesse an allem Technischen. „Deshalb habe ich eine KFZ-Lehre begonnen“. Und auch Wolfgang Schneider war von klein auf ein Autonarr. „Autos haben mich immer fasziniert, deshalb habe ich schon vor der Ausbildung ein Praktikum in der Werkstatt gemacht. Das hat mir so gut gefallen, dass ich mich dann auch bei Bolter für eine Lehre beworben habe.“ Beide sagen, dass sie ihre Entscheidung nie bereut haben: „Natürlich gibt es mal Höhen und Tiefen in so einem Berufsleben“, sagt Rolf Witt. „Aber es kommt darauf an, im Konflikt miteinander zu reden. Nicht nur schimpfen und alles hinschmeißen“, kommentiert er die Bereitschaft vieler Jüngerer heute, schnell den Arbeitsplatz zu wechseln, wenn es mal nicht passt.

Wolfgang Schneider bestätigt ihn: „Man muss sich auch mal entgegenkommen“, sagt er, „dann klappt es, wenn das Verhältnis grundsätzlich stimmt.“ Ein Grundsatz, dem offensichtlich Rolf Witt aber auch Wolfgang Schneider gefolgt sind. Schließlich haben sie ihr ganzes Arbeitsleben in demselben Unternehmen verbracht. Während Rolf Witt zeitlebens als KFZ-Elektriker arbeitet, wechselte Wolfgang Schneider 1985 in den Verkauf und die technische Beratung der Werkstatt.

„Man muss sich auch mal entgegenkommen. Dann klappt es, wenn das Verhältnis grundsätzlich stimmt.“
Wolfgang Schneider

Anforderungen wandeln sich durch Fortschritt

Damals wandelten sich die Anforderungen durch den Fortschritt der Technik grundsätzlich. Schon 1975/76 hatte mit den ersten Motoren mit Einspritzer die Veränderung begonnen, doch als Mitte der 80er Jahre die kontaktlose Zündung auf den Markt kam, begann eine rasante Entwicklung. Heute beherrscht die Elektronik fast alles im Automobilsektor. Entsprechend waren die Werkstätten gefordert und auch die Beschäftigten, die sich permanent fortbilden mussten und müssen. „Als wir unsere Ausbildung begannen“, erinnert sich Rolf Witt schmunzelnd, „gab es drei Motoröle.“ Und Wolfgang Schneider fällt ein: „Ja, das W 10, das W 20 und das W 30. Das eine war für den Winter, das andere für den Sommer. Und heute!“ Schneider dreht sich um und zeigt auf die Wand hinter sich, an der 30 oder mehr Ölsorten stehen. „Schauen Sie sich das an. Für jeden Motor ein anderes Öl.“

Die beiden Autoexperten finden längst nicht alles gut, was sich in ihrem beruflichen Umfeld entwickelt hat. „Heute wird vieles einfach weggeworfen. Manchmal tut mir das richtig weh, wie die Ressourcen verbuttert werden“, sagt Rolf Witt. „Der Austausch eines Teils rechnet sich eher, als seine Reparatur“, erklärt Wolfgang Schneider. Es werde viel verschrottet „ohne groß darüber nachzudenken, wie viel Rohstoffe, wie Stahl, Kupfer oder Aluminium da verarbeitet wurden und wiedergewonnen werden könnten.“

„Heute wird vieles einfach weggeworfen. Manchmal tut mir das richtig weh, wie die Ressourcen verbuttert werden.“
Rolf Witt

Witt und Schneider fahren selbst Liebhaberautos

Es ist naheliegend, dass weder Witt noch Schneider funkelnagelneue Autos fahren. Während Rolf Witt einen Audi, Baujahr 1993 fährt, der mit einer Laufleistung von 350 000 Kilometer immer noch fit ist, lenkt Wolfgang Schneider einen BMW Cabrio, Baujahr 1995. „Das war immer mein Traumauto“, sagt er, aber es sei nur ein Spaßfahrzeug. In der Winterzeit steige er auf seinen erst zwölf Jahre alten Mercedes-Diesel um, der allerdings auch schon 250 000 Kilometer auf dem Buckel hat. „Wer gut schmiert, fährt länger“, zitiert Schneider eine alte Autofahrerweisheit, die leider heute nur noch wenige beachten würden.

Nicht nur menschliche Prominente in der Werkstatt

In einem so langen Berufsleben begegnet einem natürlich auch die eine oder die andere Besonderheit. Rolf Witt erinnert sich daran, dass einmal der damalige Schlagersänger Christian Anders schimpfend mit seinem Luxusauto „Exalibur Phaeton“ in der Werkstatt stand. „Es war Freitag und ihm war der Keilriemen gerissen.“ Schneider ergänzt: „Wir haben per Nachtexpress einen Ersatz kommen lassen, sodass er Samstag weiterfahren konnte.“ Nicht immer standen allerdings menschliche Prominente im Mittelpunkt des Geschehens, sondern seltene Fahrzeuge. Wie zum Beispiel eine „Münch-Mammut“. „Das Motorrad war mit dem Motor des NSU TT Prinz ausgestattet und hatte 110 PS“, schwärmt Wolfgang Schneider.

Die Autobegeisterung der beiden Männer erlischt natürlich nicht mit dem Ruhestand. Dennoch wollen beide sich eher natürlichen Dingen widmen. Rolf Witt konzentriert sich auf seine Nebenerwerbs-Landwirtschaft in Uhldingen und Wolfgang Schneider wird seine Obstplantage im Deggenhausertal bearbeiten und dabei vor allem die Schnapsbrennerei ausbauen.

Das könnte Sie auch interessieren