Carl Spitzwegs Schmetterlingsjäger war es nicht, der sich am Tag der Artenvielfalt auf dem Andreashof in Deisendorf bei Überlingen in die Büsche schlug. Das große Fangnetz schwang an diesem Tag Gregor Schmitz vom Botanischen Garten der Universität Konstanz, den die Veranstalter Bund für Umweltschutz (BUND) und Naturschutzbund (Nabu) als Experten für mehrere Führungen gewinnen konnten. Doch die Ausbeute insbesondere an Großschmetterlingen war eher dünn. Kleineres Getier ließ sich dagegen mit größerem Erfolg von den Ästen klopfen und auffangen. Doch Artenvielfalt hat viele, oft auch ganz unscheinbare Gesichter.

Anregungen für naturnahe Gärten bei der Landesgartenschau

Bevor die Teilnehmer zu verschiedenen Themen in die Natur ausschwärmten, hieß die BUND-Kreisvorsitzende Gabriela Lindner von der Ortsgruppe Salem sie willkommen. Besonders erfreut zeigte sie sich über den „gelungenen Auftritt“ der Überlinger Ortsgruppen bei der Landesgartenschau. „Im Zeitalter der Schottergärten gebt ihr den Gartenschaubesuchern sowohl fundierte Informationen auf den drei hervorragend gestalteten Tafeln als auch viele Anregungen für naturnahes Gärtnern“, sagte Lindner. „Ich hatte den Eindruck, dass in diesem Winkel wilder Ästhetik viele Menschen sich besonders intensiv in die Themen vertiefen konnten.“

BUND-Kreisvorsitzende Gabriela Linder von der Ortsgruppe Salem übte beim Tag der Artenvielfalt massive Kritik am Entwurf für den neuen Regionalplan. Rechts Wolfgang Rauneker aus Überlingen.
BUND-Kreisvorsitzende Gabriela Linder von der Ortsgruppe Salem übte beim Tag der Artenvielfalt massive Kritik am Entwurf für den neuen Regionalplan. Rechts Wolfgang Rauneker aus Überlingen. | Bild: Hanspeter Walter

BUND-Kreisvorsitzende: Regionalplan „eine bisher nicht gekannte Bodenvernichtung“

Wie dringend notwendig die Arbeit der Naturschutzverbände sei, zeige sich derzeit sehr deutlich bei der Aufstellung des neuen Regionalplans, sagte die BUND-Kreisvorsitzende kritisch. Die die politisch Verantwortlichen hätten „eine bisher nicht gekannte Bodenvernichtung beschlossen“, erklärte Lindner und verwies auf die geplanten 1100 Hektar Wohnflächen, 1000 Hektar Gewerbeflächen, 300 Hektar Straßen und 500 Hektar Kies- und Torfabbau in den drei Landkreisen des Verbands. Dabei handle es sich „nicht um irgendeine Region“.

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Planung passe nicht mehr in unsere Zeit

Betroffen seien das Bodenseeufer, das württembergische Allgäu, die größten Moorflächen Baden-Württembergs in Oberschwaben und mit dem Donautal der „Schwäbische Grand Canyon“. Im Angesicht von Klimakatastrophen weltweit, Artensterben und Überschwemmungsgefahr passe dies einfach nicht mehr in unsere Zeit. Lindner fügte an: „Und der Tübinger Regierungspräsident Tappeser von der CDU hat diesen aktuellen Regionalplan, diese Naturvernichtung in großem Stil auch noch als ‚Meisterstück‘ bezeichnet!“

Ein paar Mal auf den Busch klopfen und ein Sprungtuch bereithalten: So lassen sich am schnellsten einige Insekten und Spinnen einsammeln.
Ein paar Mal auf den Busch klopfen und ein Sprungtuch bereithalten: So lassen sich am schnellsten einige Insekten und Spinnen einsammeln. | Bild: Hanspeter Walter

Blick in den Himmel, auf Bäume und ins Gebüsch

Im Mittelpunkt des Tages standen allerdings die naturkundlichen Führungen und die Infostände der Verbände. „Was blüht denn da?“, hieß es bei Wolfgang Rauneker, der die spätsommerlichen Wiesen unter die Lupe nahm. Ornithologe Karl Roth richtete den Blick bei seiner naturkundlichen Führung auch immer wieder mal gen Himmel oder auf die Piepmätze auf den Bäumen und im Gebüsch.

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Bei Insekten muss man schon etwas genauer hinschauen, um sie unterscheiden und richtig zuordnen zu können. Nicht umsonst verteilte der Insektenspezialist Gregor Schmitz vom Botanischen Garten der Universität Konstanz als erstes ein Dutzend kleine Lupen. Denn nicht alles, was da kreucht und fleucht, war auf Anhieb so leicht zu identifizieren, wie das Tagpfauenauge auf dem Sommerflieder oder der Weißling auf dem gelben Greiskraut.

Bei kleinen Insekten geht es nicht ohne eine Lupe.
Bei kleinen Insekten geht es nicht ohne eine Lupe. | Bild: Hanspeter Walter

Gallmücken unter der Lupe

Mit der Lupe konnten die Teilnehmer so die kleinen Gallmücken erkennen, von denen es laut Schmitz rund 20 verschiedene Arten gibt. Weshalb Fliegen und Mücken im Gegensatz zu Bienen und Wespen zu den Zweiflüglern gehören, ließ sich in der zehnfachen Vergrößerung ebenfalls feststellen. Das zweite Flügelpaar hat sich hier zu winzigen Schwingkölbchen entwickelt, die bei der Orientierung im Raum helfen und eine ähnliche Funktion haben wie beim Menschen das Innenohr.

Das ist er: Gregor Schmitz von der Universität Konstanz zeigt den gelben 22-Punkt-Käfer, der sich von Mehltau-Pilzen ernährt.
Das ist er: Gregor Schmitz von der Universität Konstanz zeigt den gelben 22-Punkt-Käfer, der sich von Mehltau-Pilzen ernährt. | Bild: Hanspeter Walter

Von den rund 7000 Käferarten, die Experten in Deutschland kennen, ließen sich verschiedene Rüssel- und Blattkäfer aus den Büschen schütteln. Mehltau-Marienkäfer nannte Gregor Schmitz den gelben 22-Punkt-Käfer. Anders als der bekanntere rote Marienkäfer, der für seine Lust auf Blattläuse geschätzt wird, ist der gelbe Kollege zwar Vegetarier, aber ebenfalls recht nützlich. Denn er ernährt sich von Mehltau-Pilzen und hat sich dadurch auch seinen Namen erarbeitet. Wie wichtig Totholz als Lebensraum für zahlreiche Insekten ist, zeigte der Biologe am Beispiel eines Zangenbocks, den er unter einem Stück abgestorbener Borke entdeckte.