Woher sollen sie es auch wissen? Wenn ein Kalb nicht von seiner Mutter lernt, wie sein Leben als Rind zu gehen hat, von wem denn dann? Üblicherweise werden Kälbchen unmittelbar nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt. Denn sie sollen schließlich nicht die Milch wegsaufen, die ja eigentlich zum Verkauf gedacht ist.

Mechthild Knösel, Landwirtschaftsmeisterin, ist verantwortlich für die Rinder auf dem Hofgut Rengoldshausen.
Mechthild Knösel, Landwirtschaftsmeisterin, ist verantwortlich für die Rinder auf dem Hofgut Rengoldshausen. | Bild: Hilser, Stefan

Mechthild Knösel, Landwirtschaftsmeisterin auf dem Hofgut Rengoldshausen, änderte das. „Muttergebundene Kälberaufzucht“ nennt sich die von ihr eingeführte Art der Tierhaltung.

Muttergebundene Kälberaufzucht Video: Hilser, Stefan

Kuh, Kälbchen und Bulle verbringen gemeinsam drei Monate auf einer Weide. „Durch Beobachtung habe ich gelernt, wie die Rinder von sich aus zusammenleben wollen.“ Die Interaktion zwischen Kuh und Kalb, zwischen Bulle und Kuh, und das Zusammenleben über verschiedene Generationen hinweg auf einer Weide, das mache die Tiere gesund und glücklich. „Und mich auch.“

„Wir Menschen glauben, das übernehmen zu können“, sagt Knösel und spricht damit auf die übliche Haltungsform an, die auch in vielen Demeter-Betrieben gepflegt wird, wonach die Rinder eben nicht im Familienverband zusammenleben – und wo der Landwirt die Kühe nach menschlichem Verstand im Zaum zu halten versucht. Knösel dagegen sagt, dass sie von den Rindern gelernt habe, wie sie sanft wie sie sanft geführt werden können, indem sie deren Verhalten untereinander beobachtete.

Die als Familienherde bezeichnete Rindviehhaltung auf dem Hofgut Rengoldshausen.
Die als Familienherde bezeichnete Rindviehhaltung auf dem Hofgut Rengoldshausen. | Bild: Hilser, Stefan

Im ersten Schritt die Rasse geändert

Der Umstellung auf dem Hofgut Rengoldshausen, die vor jetzt gut 15 Jahren erfolgte, ging ein längerer Prozess voraus. So musste erst einmal auf das Schweizer Originalbraunvieh umgesattelt werden. Nach Erkenntnissen Knösels ist diese Rinderrasse weniger stark auf Milchleistung getrimmt und deshalb besonders gut auch für die Fleischproduktion geeignet. Zuvor wurde die Rasse Brown Swiss gehalten, wie aus einer Chronik des 800 Jahre alten Hofguts hervorgeht.

Mechthild Knösel lernte durch Beobachtung viel über das natürliche Verhalten der Rinder.
Mechthild Knösel lernte durch Beobachtung viel über das natürliche Verhalten der Rinder. | Bild: Hilser, Stefan

Mechthild Knösel propagiert eine Art Patenamt für Vegetarier. Wer kein Fleisch essen möchte, könne die entsprechende Menge, die pro Liter Milch entstehen muss, an andere spenden.

2006 die Haltungsform umgestellt

Nuckeleimer statt Euter für die Kälbchen: Auch auf dem Hofgut Rengoldshausen war das durchaus noch üblich, als Mechthild Knösel erstmals 1998 auf den Hof kam. Nach weiteren Stationen auf Höfen weltweit absolvierte sie die Meisterschule und kam zurück nach Rengoldshausen, wo sie und ihr Mann Markus Knösel im Jahr 2006 auf eine muttergebundene Kälberaufzucht umstellten.

Nach ihrer Geburt bleiben die Kälber noch für drei Monate bei ihren Elterntieren.
Nach ihrer Geburt bleiben die Kälber noch für drei Monate bei ihren Elterntieren. | Bild: Hilser, Stefan

Die Familienherde grast unterhalb des Hofguts, auf einer Weide zwischen Rengoldshausen und Deisendorf. Bei einem Spaziergang kann man dem Treiben zusehen, sieht den Natursprung. Oder kann beobachten, welcher Bulle gerade Herr im Ring ist, welche Kuh die Bullen abblitzen lässt, oder wie sich die Kälbchen in Rangeleien messen.

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Viele kleine Mahlzeiten am Euter ihrer Mutter

Auf der Weide dürfen die Kälbchen drei Monate lang am Euter ihrer Mutter saugen. „Über den Tag verteilt nehmen sie viele kleine Mahlzeiten zu sich, und werden dann auch satt“, berichtet Knösel. Dennoch bleibe für die Verarbeitung auf dem Hof noch Milch im Euter der Kühe übrig. Zwei Mal täglich könnten sie gemolken werden.

Nach den ersten drei Monaten folgt eine sechs Wochen dauernde Phase, in der die Kälber stufenweise von ihrer Mutter entwöhnt werden, und schließlich auch von der Milch, bevor sie Teil einer Herde mit älteren Tieren werden. Jedes Rind darf groß und kräftig werden, bevor es geschlachtet wird. Nur ein kleiner Teil davon bleibt als Mutterkuh und damit als Kuhlieferantin am Leben.

Besucher willkommen. Die Weide liegt unterhalb des Hofguts Rengoldshausen in Richtung Überlingen-Deisendorf.
Besucher willkommen. Die Weide liegt unterhalb des Hofguts Rengoldshausen in Richtung Überlingen-Deisendorf. | Bild: Hilser, Stefan

Sie wolle die verschiedenen Haltungsformen nicht gegeneinander aufwiegen, sagt Knösel. Sie stelle aber fest, dass die Rinder gesund und glücklich seien und die Kosten für den Tierarzt rückläufig seien. Das wirke sich auf die Qualität von Milch und Fleisch aus, und im Idealfall auf den Preis, den die Konsumenten bereit sind zu bezahlen. Eins zu eins mit anderen Betrieben und Haltungsformen verglichen könne man es aber nicht.

Als „Kuhfrau“ wird Mechthild Knösel bezeichnet. Sie habe mit der Zeit gelernt, die Sprache der Rinder zu verstehen und die Tiere adäquat anzusprechen. Das geschieht auch an deren letztem Tag, wenn sie sich von Knösel sanft in die mobile Schlachtbox führen lassen.